"Ich möchte hier nicht wegziehen"

Seit 34 Jahren lebt Barbara Loughran-Dietz in der Oberpfalz. Sie erzählt, warum ihr die Oberpfalz bei ihrer Ankunft vorgekommen ist wie London und warum sie mit Besuchern nach Flossenbürg fährt.

Barbara Loughran-Dietz.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Barbara Loughran-Dietz (60) stammt aus Schottland, zuletzt hat sie auf den Shetland-Inseln gelebt. Vor 34 Jahren zog sie mit ihrem damaligen Mann aus beruflichen Gründen in die Oberpfalz, um fünf Jahre zu bleiben. Zuerst lebte sie in Waidhaus, seit 2009 in Weiden. Sie hat drei Kinder und arbeitet als Interior-Designerin.

ONETZ: Der Oberpfälzer ist ein Grantler und Sturkopf. Stimmt’s?

Barbara Loughran-Dietz: Ja, ich denke, die Menschen in ländlichen Regionen sind sehr oft so und die Inselbevölkerung im nördlichen Schottland hat auch diese Züge. Ich denke, umso weiter man von internationalem Publikum weg ist, desto mehr entwickelt man sich in diese Richtung. Ich finde das aber nicht schlimm, wenn es sich in Grenzen hält. Ich bin auch ein Sturkopf.

ONETZ: Mit welchen Vorurteilen und Erwartungen sind Sie in die Oberpfalz gekommen? Und wie lautet jetzt Ihr Fazit?

Barbara Loughran-Dietz: Ganz ehrlich? Ich habe nicht gewusst, wo ich hingehe. Waidhaus – dort habe ich zuerst gewohnt – hatte damals noch die alte Postleitzahl: 8481. Ich habe zu meinem damaligen Mann gesagt: „Hol die Karte raus und zeig mir wo 8481 ist.“ Meine Reaktion: „Was? Wir sind so nah an Russland?“
Aber ich habe zuvor für ein paar Jahre auf den nördlichsten Inseln Schottlands, den Shetland-Inseln, gelebt. Für mich war Weiden danach wie London. Ich fand es hier richtig toll.

ONETZ: Spielen Sie oft mit dem Gedanken, in Ihre alte Heimat zurückzukehren? Wie oft fahren Sie tatsächlich zurück?

Barbara Loughran-Dietz: Nach 34 Jahren geht das nicht mehr. Ich möchte hier nicht wegziehen. Wir reisen oft und gerne und mein letztes Lebenskapitel findet hier in Weiden statt. Die Lebensbedingungen sind hier viel besser als in Schottland – das Preis-Leistungs-Verhältnis, die Stabilität, die Sauberkeit.
In Schottland bin ich noch circa zweimal im Jahr. Durch das Fliegen ist das heute so einfach. Ich erinnere mich noch an meine Kindheit. Damals haben wir mit dem Zug und Schiff fast zwei Tage nach Deutschland gebraucht.

ONETZ: Was erzählen Sie dort von Ihrer neuen Heimat? Was würden Sie Ihren Verwandten oder Freunden zuerst zeigen, wenn die zu Besuch in die Oberpfalz kommen?

Barbara Loughran-Dietz: Die waren mittlerweile alle schon hier. Meine Nichten wohnen und arbeiten nun selbst in München. Vor 34 Jahren aber hat Freunden und Verwandte vor allem die Nähe zur – damals noch – Tschecheslowakei fasziniert. Der Eiserne Vorhang. Heute gehe ich gerne ins Naabtal, die Wunderschöne Seenlandschaft, Marienbad, in die Gedenkstätte nach Flossenbürg. Das ist ein Mahnmal, das ich für besonders wichtig halte. Das ist ein Teil unsere Geschichte.

ONETZ: Verstehen Sie Ihre Oberpfälzer Kollegen, wenn Sie mit ihnen nach Feierabend ein Bier trinken?

Barbara Loughran-Dietz: Und wie! Meine Kinder sprechen den Oberpfälzer Dialekt perfekt. Sie sind hier aufgewachsen. Ich verstehe ihn. Mein Mann kommt auch nicht von hier, er stammt aus dem Allgäu. Wir haben ein Oberpfälzer „Schimpf-Wörterböijchl“. Meine Mutter und meine Oma haben aber – als sie mich damals besucht haben – gesagt: „Mädchen, wo bist du da gelandet?“

ONETZ: Fühlen Sie sich bereits als Oberpfälzer?

Barbara Loughran-Dietz: Nein. Ich fühle mich aber auch nicht als waschechte Schottin. Vielleicht liegt das an der Herkunft meiner Eltern. Meine Mutter stammt aus Deutschland und ist nach dem Krieg nach Großbritannien gegangen. Mein Vater stammt aus Kalkutta, musste Indien aber nach der indischen Unabhängigkeit verlassen. Er ist ebenfalls nach London ausgewandert. Sie waren nicht gebürtige Briten, waren aber beide britische Staatsbürger. Vielleicht hat mich das als Kind geprägt. Ich fühle mich, als ob ich nie zu einem Land so richtig dazugehört habe. Das ist aber nicht schlimm. Ich fühle mich hier mit meinem Mann und meiner Familie total wohl.

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