Mobbing in der Schule: Es war "die Hölle"

Übergewicht, "falsche" Klamotten oder Marmelade auf dem Pausenbrot - für Kinder reichen Nichtigkeiten, um Mitschüler zu schikanieren. Mobbingopfer aus der Region erzählen.

Ein Junge reibt sich vor seinem Laptop die Augen. Soziale Netzwerke machen Mobbing heute einfacher als früher.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Denkt Stefan K. (Name geändert) an seine Schulzeit, kommen die Erinnerungen hoch: Als Schüler sitzt er im Klassenzimmer. Meldet sich. Sofort ertönt ein Lachen. So ist es immer. Wenn ihn seine Mitschüler nicht auslachen, ignorieren sie ihn. Manchmal schlagen und treten sie ihn sogar. Im Sportunterricht ist er grundsätzlich der letzte, der in eine Mannschaft gewählt wird und selbst dann ist die Reaktion seiner Mannschaftskollegen immer die gleiche: Enttäuschung.

Der heute 32-Jährige kann seine alte Schule auch 15 Jahre später nicht betreten. Das Erlebte sitzt immer noch sehr tief. K. wurde sechs Jahre gemobbt - von der fünften bis zur zehnten Klasse einer weiterführenden Schule. "Sie müssen sich das so vorstellen, dass die anderen auf der einen Seite des Raums gesessen sind, ich alleine im anderen Eck", beschreibt er nur eine der vielen Situationen, in denen er sich vollkommen isoliert und ausgeschlossen fühlte. Das Traurige: "Die komplette Schule - Lehrer und Rektor - habe weggesehen." Und auch die Eltern haben dem Sohn nicht geglaubt. "Sie haben gesagt, ich soll mich nicht so anstellen." Er sei jeden Tag "mit Bauchschmerzen" in die Schule gegangen und "unter Schock" wieder zurückgekehrt.

Wegen Mobbing: Brustverkleinerung mit 16 Jahren

Pressath

Mittlerweile hat K. selbst zwei Kinder. "Ich habe meinem Sohn gesagt, er soll, wenn in der Schule etwas vorfällt, offen darüber reden, und es nicht verheimlichen." Froh ist der Vater auch, dass es jetzt Schulsozialarbeiter und -psychologen gibt. Er selbst sei damals so verzweifelt gewesen, dass er an Suizid gedacht und das auch angekündigt habe. "Das war ein Hilfeschrei", blickt K. zurück. Heute leidet er an verschiedenen psychischen Krankheiten - bedingt durch die damaligen Erlebnisse. Aufgehört hat das Mobbing mit dem Schulwechsel nach dem Abschluss. "Meine Mitschüler haben mich so akzeptiert, wie ich bin. Den Grund für das Mobbing durch seine Mitschüler kennt K. bis heute nicht. Er hat eine Vermutung: "Ich hatte nicht die neusten Klamotten. Der Anführer der Mobber war immer top gestylt."

Anonymität:

Das Thema Mobbing bewegt die Region. Auf unseren Aufruf nach Erfahrungsberichten haben wir unzählige E-Mails, Whatsapp- und Facebook-Nachrichten erhalten. Die Absender wollten ihre Erfahrungen teilen, darauf aufmerksam machen, wie schlimm das Mobbing für sie war oder noch ist. Alle Schreiber hatten zudem einen Wunsch: Sie wollen anonym bleiben.

Der Fall von K. zeigt, nachvollziehbare Gründe für Mobbing gibt es nicht: Falsche Kleidung oder aber Übergewicht, vielleicht aber auch das falsche Pausenbrot - es sind meist Nichtigkeiten, wegen denen Kinder andere Kinder schikanieren. Früher wie heute. Nur: Was sich bis vor zehn Jahren vor allem in Klassenzimmern und in Schulhöfen abgespielt hatte, hat es mittlerweile in die Kinderzimmer geschafft. Soziale Medien machen es noch einfacher, Menschen psychisch zu verletzen. Betroffene aus der Region berichten:

  • Eine Mutter erzählt, dass Mitschüler im Namen ihres zehnjährigen Sohns ein Video mit rassistischen Inhalten ins Internet gestellt haben. Das Video wurde wieder gelöscht.. "Aber was nützt das? Was einmal im Netz ist ...", fragt die Mutter. Der Sohn wechselte die Schule. Er ist vorsichtiger geworden, überlegt, welchen seiner neuen Mitschüler, er was erzählt. Holt sich Rat bei seinen Eltern. Die haben Angst, dass so etwas wieder passiert. "Wir sind eigentlich ständig in Alarmbereitschaft."
  • Ein zwölfjähriger Junge möchte morgens nicht mehr aufstehen, um in die Schule zu gehen. Dort hört er Wörter wie "Fette Sau" oder "Asozialer". Nur weil er ein paar Pfund zu viel auf den Hüften hat. Er zieht sich immer mehr zurück, ist lustlos. Ein weiterer Grund, warum der Junge nicht in die Schule gehen möchte: Er muss dort neben einem der Mobber sitzen. Es gibt keinen anderen freien Platz. Das Ergebnis: schlechte Noten. "Ich bin machtlos", sagt die Mutter.
  • Eine heute 42-jährige Frau beschreibt ihre Schulzeit als "die Hölle". Ab dem Moment ihrer Einschulung wurde sie von Mitschülern verspottet, auf dem Schulweg von ihnen verfolgt. Ein Grund für das Mobbing sei wohl ihre Herkunft gewesen, vermutet die Frau. Sie ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, mit ihren Eltern, Geschwistern und vielen Tieren. "Schöner kann es doch ein Kind nicht haben." Anders sahen das die Mitschüler. Anlass zu Spott gaben geflickte Kleidung sowie das Pausenbrot: "Es bestand aus Brot mit Butter und Marmelade." Eine Nichtigkeit.

Lehrerin Christina Heller-Boerschmann: Reden ist bei Mobbing wichtig

Mobbing lässt sich, erklärt Christina Heller-Boerschmann, die Oberpfalz-Koordinatorin für das Landesprojekt „Lebensraum Schule – ohne Mobbing“, anhand von vier Kennzeichen von Hänseleien unterscheiden: Es sind Vorgänge, die sich wiederholen – und zwar mehrmals die Woche über einen längeren Zeitraum. Außerdem herrscht ein Kräfteungleichgewicht zwischen Opfer und Täter. „Der Täter zieht immer mehr Leute auf seine Seite.“

Betroffenen rät Heller-Boerschmann vor allem: Reden. „Kinder sollen das unbedingt den Erwachsenen sagen, Eltern sich an Lehrer oder Schulleitung wenden.“ Heller ist aber auch klar, dass das nicht immer einfach ist: „Man schämt sich oft.“ Die Lehrerin weist darauf hin, dass das Mobbing im „System“ gelöst werden müsse – nicht nur zwischen Opfer und Täter. „Das ist ein Gruppenphänomen.“ Und: „Der Täter macht das aus einem bestimmten Grund. Er zieht einen Gewinn aus der Situation. Er steht in seinen Augen cool da. Das lässt er sich nicht wegnehmen.“

Heller-Boerschmann ist deswegen eine Verfechterin des No-Blame-Ansatzes zur Lösung von Mobbing-Situationen. Dabei handelt es sich um eine Methode, die ohne Schuldzuweisung arbeitet. „Sobald eine Schuldzuweisung im Spiel ist, reagiert die Person abwehrend“, erklärt Heller-Boerschmann. So werde – ohne Namensnennung – das Problem in einer kleinen Gruppe angesprochen. Dieser gehören Unbeteiligte, aber auch der oder die Täter an. Diese werden nicht als solche benannt. Das Opfer ist nicht dabei. Innerhalb dieser „Unterstützergruppe“ wird versucht, eine Lösung zu finden.

Jedem Mitglied wird entsprechend seiner Stärken eine Rolle oder Aufgabe zugeteilt, mit der es das Opfer zukünftig soll. „Dadurch wird dem Täter eine positive Rolle zugeschrieben“, erklärt Heller-Boerschmann. „Wir gehen davon aus, dass in jedem Menschen etwas Gutes steckt. Wer zum Beispiel frech ist, ist auch mutig, weil er sich traut, etwas zu sagen.“

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.