Freitags im Juz: So war Weidens Disco-Alternative

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Kein Golf GTI vor der Tür, kein Eurodance oder Schlager aus den Boxen. Das Jugendzentrum in Weiden unterscheidet sich von den anderen Discos dieser Serie. Die Geschichte eines Kultschuppens, der irgendwann zu erfolgreich wurde.

Das Juz-Logo an einer Wand im Haus. Entworfen hat es Sebastian Schwarzmeier.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Diese Disco war anders als die anderen – sagt jeder über den Laden seiner Jugend. Bei der Freitagsdisco im Weidener Juz stimmt es sogar. Weil sie keinen Eintritt gekostet und Jugendliche angesprochen hat, die mit den Charthits in anderen Discos nichts anfangen konnten. Anders war das alte Juz auch, weil nicht fehlende Gäste der Grund fürs Ende der Disco-Nächte waren. Im Gegenteil.

Aber natürlich war es doch ein Kultschuppen wie die anderen dieser Serie: Das alte Juz war für so viele junge Menschen der nördlichen Oberpfalz ein Ort, der sie zu dem werden ließ, was sie heute sind. Auch deshalb bleibt es Teil des kollektiven Gedächtnisses, obwohl es die Freitagsdiscos so seit 2004 nicht mehr gibt.

Geschenk der Amerikaner

Begonnen hat die Ära 1981. Wobei das abzugrenzen, nicht leicht fällt. So wie das Jugendzentrum 2004 nicht aufgehört hat zu existieren, so war das Haus in der Frühlingsstraße lange vorher ein "Haus der Jugend". "Es war zum Teil ein Geschenk der Amerikaner", weiß der heutige Stadtjugendpfleger Ewald Zenger. 1953 übernahm die "German Youth Activities" die Hälfte der Baukosten. Parallel entstand auf Anregung der US-Verwaltung das Amt des Jugendpflegers. Beides sollte helfen, die Jugend zu guten Demokraten zu machen. Mit der späteren Juz-Disco hatte das lange wenig zu tun. Erst in den 1960er Jahren begannen Musik und Jugendkultur wichtiger zu werden. Nachdem es 1978 einen Drogentoten in Weiden gab, schloss Bürgermeister Zwack das Haus. Nach Protestdemos und vielen Diskussionen öffnete das Juz 1981 wieder, mit dem Stadtjugendring als Träger und pädagogischem Personal zur Betreuung.

Die Jugendlichen sollten sich aber weiter einbringen. Ab Ende der 1980er war Sven Züge einer dieser Jugendlichen. Heute lebt und arbeitet Züge als selbstständiger Grafikdesigner in Berlin. An seine Provinz-Jahre hat der 46-Jährige gute Erinnerungen, auch wegen des Juz. Seine ältere Schwester hatte den damals14-Jährigen mitgebracht, bald kam er von alleine. "Man sollte nicht nur konsumieren, man durfte selbst Disco machen", sagt er heute.

Musik immer überraschend

Züge brachte sich im "AK Freitag" ein, der sich um die Disco kümmerte. Bald legte er selbst Platten auf. Die Musikauswahl war damals im AK ein großes Thema. "Es gab zum Beispiel riesige Diskussionen, ob auch elektronische Musik laufen durfte", sagt Züge. Für die Gäste war die Playlist oft eine Überraschungstüte, weil niemand wusste, welche DJs eingeteilt waren. Wenn mal wieder die Wave- und Indie-Fans in der DJ-Kanzel mit den vergitterten Fenstern standen, verdrehten Rock- und Metal-Fans die Augen. Ein Grund, das Juz vorzeitig zu verlassen, war die Musik aber nie.

Schließlich gab es die Cafeteria im ersten und die Teestube im zweiten Stock als Orte des Austausches. Der Kickertisch vor der Cafeteria war freitags immer besetzt. Florian Graf erinnert sich an die Juz-Sandwiches. "Legendär." Der 44-Jährige brachte sich ebenfalls in den Arbeitskreisen ein, heute arbeitet er hauptamtlich in der Einrichtung. "Das Juz war damals alles für mich", sagt Graf über seine heutigen Arbeitsplatz.

DJ Sven Züge pflegt auf Spotify noch immer seine Juz-Playlist

Das lag auch an der Zeit ohne Internet nahe am gerade erst gefallenen Eisernen Vorhang. "Das Juz war ein Fenster nach draußen", beschreibt Sven Züge die Bedeutung der Einrichtung. Neue Musik, andere Klamotten, andere Szenen: alles bot sich im Juz.

Die Provinzstadt Weiden war nicht groß genug, um jeder Subkultur einen eigenen Treff zu bieten. Alle, die nichts mit Bayern-3-Hits anfangen konnten, trafen sich freitags im Juz: Punks, Goth, Skater, Metaler später Hip-Hoper. "Wir haben uns nicht immer verstanden", erinnert sich Züge. Aber man habe sich arrangiert. Das hat das Sozialverhalten geschult, für Offenheit gesorgt. "Es war einfach total gemischt", sagt Züge. Trotz des sehr linken Rufs fand sehr wohl auch der CSU-Nachwuchs seinen Platz. Und das alles nicht nur geduldet sondern gefördert von der schwarzen Stadtratsmehrheit, fügt Ewald Zenger an. "Das habe ich selbst erst später bemerkt", ergänzt Züge. Damals ist ihm nur die Mischung aufgefallen. Alle waren da: vom Akademikerkind bis zur Dorfjugend.

Das Juz als Offenbarung

So ein Dorfjugendlicher war Sebastian Schwarzmeier. Für den Waidhauser war das Juz einfach eine "Offenbarung", sagt der 42-Jährige heute. Mit dem Anrufbus und später dank den ersten Freunden mit Führerschein, gab es freitags nur noch das Juz. In Waidhaus hatte er im La Belle bereits Disco-Erfahrung gesammelt. "Mit dem Juz hat sich für mich dann allerdings das Tor in eine andere Welt geöffnet", sagt Schwarzmeier und muss selbst ein wenig über sein junges Ich lachen." Das La Belle und andere Discos blieben aber weiter wichtig: Das Juz musste um 2 Uhr schließen. In Weiden ging es dann meist weiter ins UV.

Auch für Schwarzmeier war das Juz bald mehr als Disco. "Ich war fast jeden Tag dort. Die Kultur habe ihn geprägt – wie die gesamte Region. "Wenn man bedenkt, was es damals hier für eine Bandszene gab." Schwarzmeier selbst brachte sich in der :almat:-Redaktion ein, der damaligen Juz-Zeitung. Von dem Haus gingen in diesen Jahren sehr viele Impulse aus. Und der wichtigste Tag der Juz-Woche war der Freitag. Niemand kam daran vorbei.

Szenegastronomie oder Jugendzentrum?

Diese Energie zog allerdings auch Gäste an, für die das Juz doch nur Ort für Party war. Als sich Anfang der 2000er die Besucher und damit die Zwischenfälle mehr wurden, begann das Personal das Konzept zu hinterfragen. Wirtschaftlich lief das Juz, aber pädagogisch? "Wir hatten an manchen Wochenenden bis zu 1500 Leute im Haus", erinnert sich Zenger. Der Umsatz war so hoch, dass Brauereien ihm unmoralische Angebote machten, um einen Vertrag für die Getränkelieferungen zu bekommen. Ein Prüfer des Landesjugendrings meinte nach einem Blick in die Bücher: "Ihr seid kein Jugendzentrum, ihr seid Szenegastronomie." Entsprechend habe das Haus oft ausgesehen. "Wir haben ständig zerstörte Kloschüsseln ausgetauscht", sagt Zenger.

2004 war das Maß voll: Das Jugendzentrum schloss für sechs Wochen und öffnete mit neuem Konzept. Eingeschränkte Öffnungszeit, kein Alkohol mehr. Alles war auf Jugendliche bis 18 Jahre ausgerichtet. Freunde hat sich Zenger damit nicht gemacht. "Es gab viel viele Anfeindungen." Tatsächlich hatten hunderte Nordoberpfälzer den Fixpunkt ihres Wochenendes verloren. Doch auch bei der Stadt war man nicht begeistert, erinnert sich Zenger. Schließlich musste sich das Juz-Publikum neue Orte suchen – meist in der Altstadt. "Im Rathaus hätte man es lieber gesehen, wenn wir uns weiter damit herumgeschlagen hätten", sagt Zenger.

Wir haben ständig zerstörte Kloschüsseln ausgetauscht.

Stadtjugendpfleger Ewald Zenger über die wilden Jahre im Juz

Stadtjugendpfleger Ewald Zenger über die wilden Jahre im Juz

Auch 17 Jahre später ist der Ärger nicht völlig verraucht. Wenn man sich umhört, stößt man immer noch auf Unverständnis für die Schließung. Viele verstehen heute aber auch, dass sie damals einfach aus dem Juz rausgewachsen waren. Und auch Zenger sieht die wilden Jahre längst nicht nur negativ. Einmal im Jahr freut er sich auf die Rückkehr des alten Juz. Seit 2005 wird um Weihnachten, wenn viele Juz-Veteranen auf Elternbesuch in der Oberpfalz sind, die Back-for-Good-Party gefeiert. Sven Züge kehrt dann als Mitorganisator und DJ zurück in die Stadt seiner Jugend, um mit Musik und Menschen von damals zu feiern. "Das ist, als würde man in eine Zeitmaschiene steigen. Und der Geruch in der Disco ist dann immer noch derselbe."

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