Experte: Corona-Demos in der Region zielen auf vermeintliche Elite

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Wie viel Verschwörungstheorie steckt in den Demos gegen die Corona-Maßnahmen in der Region? Jan Nowak, Experte der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus, ordnet die Veranstaltungen ein.

Demos gegen die Corona-Beschränkungen, wie hier in Weiden, gibt es in ganz Ostbayern. Jan Nowak, Experte für Rechtsextremismus, erkennt innerhalb der einzelnen Gruppen verschwörungstheoretische und esoterische Ansätze.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Sie demonstrieren gegen die Maßnahmen, die die Menschen vor der Corona-Pandemie schützen sollen. Demos wie in etwa die Weidener Veranstaltung "Gemeinsam für unsere Wirtschaft", deren Veranstalter darauf beharren, nur das Grundgesetz schützen zu wollen, gibt es in ganz Ostbayern. Mal sprechen sie davon, die Freiheit in Europa schützen zu wollen, mal geht es darum, die deutsche Wirtschaft zu retten, manchmal um alternative regionale Währungen. Es gibt eine Sache, die sie zu einen scheint: Der Kampf der selbstempfundenen Menge "da unten" gegen "die da oben". Genau diese populistische Personalisierung ist es, die den Experten der mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus, Jan Nowak, aufhorchen lässt.

Lesen Sie hier den Kommentar von Frank Werner: Corona-Demos sind eine Gefahr - in jeder Hinsicht

Deutschland und die Welt

Verschwörungstheoretische Tendenzen

Mit Kollegen beobachtet er die verschiedenen Chatgruppen, in denen sich die Teilnehmer organisieren. Die Tendenz, die er erkennt, gilt für alle Orte in Ostbayern. Daher glaubt er, auch eine teilweise Einschätzung für die Weidener Demos gegen die Corona-Beschränkungen liefern zu können. Demnach hat sich der Kreis der aktiven Personen innerhalb der Gruppen verändert, seit die Ausgangsbeschränkungen nicht mehr gelten. "Anfangs waren bei dieser heterogene Gruppe auch Menschen, die schlicht von existenziellen Sorgen geplagt wurden", sagt Nowak. Diese hätten sich allmählich aus dem Teilnehmerkreis verabschiedet – auch deshalb, weil sie mit den verschwörungstheoretischen Inhalten dort nichts anfangen hätten können. Schwindende Teilnehmerzahlen scheinen das zu bestätigen.

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Amberg

Das hat viel mit den Überfordernden Phänomen unserer Zeit zu tun. Zu akzeptieren, dass ein Virus von einem Tier auf den Menschen überspringt und dass das zu einer globalen Krise führt, scheint vielen als Erklärung zu banal.

Jan Nowak, Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus

Nowak zufolge findet sich in den Chatgruppen der Veranstaltungen eine ganze Sammlung aus antiaufklärerischen, verschwörungstheoretischen und esoterischen Ansätzen. Hinzukommen sogar Ideen aus der extremen Rechten. Laut Nowak sind viele der Teilnehmer aufgrund ihrer "Verschwörungsmentalität", wie er es nennt, anfällig für solche Beiträge. "Das hat viel mit den überfordernden Phänomen unserer Zeit zu tun. Zu akzeptieren, dass ein Virus von einem Tier auf den Menschen überspringt und dass das zu einer globalen Krise führt, scheint vielen als Erklärung zu banal", sagt Nowak. Das könne demnach kein Zufall sein, sondern müsse von einer ganz bestimmten mächtigen Person oder Gruppe im Hintergrund geplant und gesteuert worden sein. Wer das durchblicke, gehöre zu einem erleuchteten Kreis der Wissenden. Nowaks Sorge: Eine solche Vorstellung der existenziellen Bedrohung durch Mächte im Hintergrund könnte letztendlich Gewalttaten legitimieren, weil diese Personen oder Gruppen zu den Schuldigen gemacht werden. Nowak erkennt "gefährliche strukturelle Ähnlichkeiten zum Antisemitismus".

Populistisches Moment als Bindeglied

Nowak weist aber auch darauf hin, dass die Veranstaltungen in Ostbayern, wie zum Beispiel in Weiden, wo Sonja Schumacher, die noch im März als Oberbürgermeisterkandidatin für die Grünen angetreten war, zusammen mit Funktionären der AfD und Klimawandelleugnern protestiert, nicht mit den Querfrontaktivisten in Brandenburg in einen Topf geworfen werden dürfen. Es gebe keine Anzeichen, dass sich linke und rechte Gruppen im "relevanten Maßstab" dabei verbünden würden. "Es handelt sich hier vielmehr um Personen aus alternativen Milieus, die oft als links wahrgenommen werden, die sich mit Rechten gemein machen", sagt Nowak. Was die Teilnehmer verbinde, sei ein "populistisches Moment" aus verschwörungsideologischen Ansätzen und angeblicher Elitenkritik.

Übergriffe auf Journalisten

Problematisch findet Nowak zudem, dass Veranstalter solcher Demos die eigentliche Vielfalt der Gesellschaft untergraben, obwohl sie gleichzeitig den Wert der Meinungsfreiheit betonen. Deshalb könnten sich die Veranstalter einerseits nicht von rechten Gruppen abgrenzen, weil sie dann ihrem Anspruch der Meinungsfreiheit widersprechen würden. Andererseits zeige das Verlangen der Teilnehmer, kritische Berichterstattung zu verhindern, dass nur das als wahr gelten darf, was sie selbst wahrhaben wollen – wie der Übergriff auf die freie Weidener Journalistin Beate Luber gezeigt hat. Nowak: "Wir haben schon öfter beobachtet, dass Journalisten, die die Veranstaltung beobachtet haben, aggressiv von Teilnehmern angegangen wurden." Teils würden in den Chatgruppen Bilder und personenbezogene Daten der Berichterstatter verschickt. Insgesamt ist das aber laut Nowak keine Überraschung. Denn vermeintliche Elitenkritik gehe oft einher mit einer strikten Ablehnung der freien Presse, die in den Augen der Teilnehmer nur das Sprachrohr der Elite darstellt.

Lesen Sie hier: Weidener veranstalten Kundgebung für die Pressefreiheit

Weiden in der Oberpfalz

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Kommentare

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Dr. Jürgen Spielhofen

Inzwischen schwenkt auch die linke TAZ auf die kritische Linie ein:

https://taz.de/Streit-um-Corona-Politik/!5701892/

11.08.2020
Dr. Jürgen Spielhofen

Einen wohltuend sachlichen Artikel zu diesem Thema kann man hier nachlesen:

https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/hoert-zu-statt-zu-verbieten-li.96704?s=09&fbclid=IwAR2TFaeHNDg3SV5EpPe-kz2V9LhzppAoWEpiLMh16i0uaKjefSCcqZtPYoc

07.08.2020
Kathrin Kolbe

Ich glaube ja, dass das alles nur ein wirklich gut inszeniertes Theaterstück über mehrere Episoden ist. Da hat dann jede Region ihre eigene Seifenoper nach dem Motto "Dahoam is dahoam".
Irgendwann ist die Serie durch und Frau Schuhmacher engagiert sich wieder für die Umwelt, wofür sie auch gewählt wurde.
Die Polizei wird geschult in der Durchsetzung und des Schutzes der Presse-freiheit und macht ihren Job richtig gut.
Die afd setzt sich weiter für Sozialabbau ein und verliert weiter an Zustimmung in der Bevölkerung.
Und der grüne Schreck hüpft fröhlich durch Eslarn in der Lederhosn und die Leute (selbst die ehemaligen Schwurbler) lachen einfach herzlich über den ganzen Schmarrn.
Die Regierung erwacht, setzt sich endlich für Menschen und Umwelt und nicht für die Wirtschaft ein und nimmt damit den ganzen Unzufriedenen und Menschen mit Zukunftsängsten die Gründe sich von Schwurblern und Nazis verblenden zu lassen.
Die Menschen verstehen was Grundrechte sind und setzen sich dafür ein, dass diese für ALLE MENSCHEN und ÜBERALL gelten.
UND ZUMINDEST DAS MEIN ICH ERNST.
Abschliessend zu dem Kommentar von Hrrn. Schmidt. In einem muss ich dem genannten Mausfeld zustimmen. Der Begriff Verschwörungstheorien ist leicht abzuhandeln. Theorie ist eigentlich ein wissenschaftlicher Begriff und wird hier unangebracht verwendet.
Laut Wikipedia ist "Eine Theorie [...] im Allgemeinen eine durch Denken gewonnene Erkenntnis im Gegensatz zum durch Erfahrung gewonnenen Wissen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Theorie
Mit Denken hat das Glauben an diese irrsinnigen aber sehr kreativen Ideen nichts zu tun.

06.08.2020
Joachim Schmidt

Zum Glück haben wir noch Meinungsfreiheit und ich kann nur jeden Leser des obigen Beitrags ermutigen die Aussagen von Herrn Nowak kritisch zu durch denken statt unhinterfragt zu glauben.

Man könnte hier jetzt ein ganzes Buch mit den Widersprüchen in den obigen Aussagen füllen. Daher will ich Rainer Mausfeld zitieren, der oft auch in der SWR tele Akademie spricht:

Rainer Mausfeld: Der politische Kampfbegriff der Verschwörungstheorie lässt sich noch kürzer abhandeln. Er ist jenseits einiger oberflächlich-deskriptiver Aspekte ohne jede ernsthafte intellektuelle Substanz und erschöpft sich weitgehend in seiner ideologischen Verwendung als Diffamierungsbegriff. Das hat freilich den Vorteil, dass sich die intellektuellen und journalistischen Bannwarte der Macht leicht daran erkennen lassen, dass sie großzügigen Gebrauch von ihm und anderem staatlich anerkannten Diffamierungsvokabular machen.
Wenn nun mit einem solchen Kampfvokabular der öffentliche Debattenraum gezielt beschränkt wird, so bedeutet dies, dass die für die drängenden und auch bedrohlichen politischen Probleme der Gegenwart erforderlichen Lösungsoptionen den politischen Entscheidungsträgern de facto nicht mehr zur Verfügung stehen.

04.08.2020