Corona schlägt heftig zu: Porzellanindustrie droht Scherbenhaufen

Die Strukturkrise vor 30 Jahren haben sie ebenso überlebt wie die Wucht chinesischer Billigimporte. Nun sorgt die weltweite Coronakrise bei den verbliebenen ostbayerischen Porzellanherstellern für einen Scherbenhaufen wie in kaum einem anderen deutschen Industriezweig.

Die Bauscherfabrik in Weiden. Es steht nicht gut um die Oberpfälzer Porzellanindustrie
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Auf die gesunden, florierenden Unternehmen BHS tabletop AG (Bauscher, Schönwald, Tafelstern) und die familiengeführte Seltmann Gruppe blickt die Region mit Stolz. Dann kam der Lockdown im März: Auf einen Schlag brachen die wichtigsten Absatzmärkte weg. "Bei uns hagelte es Auftrags-Stornierungen ohne Ende. Viele unserer internationalen Kunden verweigerten auch die Annahme der von ihnen georderten Ware", erzählt ein Insider den Oberpfalz-Medien.

Wo eben noch Vollbeschäftigung herrschte und die Auftragsbestände selbst auf diesem hart umkämpften Markt sich beruhigend darstellten, gingen plötzlich langjährige Geschäftsverbindungen zu Bruch: in Gastronomie und Hotellerie, bei Fluglinien, auf Kreuzfahrtschiffen, in Betriebskantinen und Altenheimen - weltweit. Diese Hauptkunden der heimischen Porzellanhersteller hatten quasi über Nacht ganz andere Sorgen, als sich um neues Geschirr zu kümmern. "Es herrscht totale Investitionszurückhaltung und damit Flaute in den Auftragsbüchern", verlautet aus Branchenkreisen.

Urnen statt Teller?

Aufgrund der "völlig unübersichtlichen Marktlage" will sich die in Weiden beheimatete Seltmann Gruppe zur Anfrage von Oberpfalz-Medien überhaupt nicht äußern. Fakt ist, dass bei Seltmann seit März Kurzarbeit - bis auf weiteres - gilt und das Management alles unternimmt, um Entlassungen zu verhindern. Denn Facharbeiter in der Branche sind rar, und es bleibt schließlich die Hoffnung auf bessere Zeiten: "Wir tun alles, damit es weitergeht." Die Exporte (je zur Hälfte Haushalts- und Hotelporzellan) von Seltmann gehen zu 70 bis 80 Prozent in den Euroraum. Wie berichtet, ist das kerngesunde Unternehmen bis dato durch keinerlei Bankverbindlichkeiten belastet.

Während bei Seltmann dem Vernehmen nach der relativ hohe Anteil des Haushaltsporzellans für einzelne Neuaufträge sorgt und die Herstellung leidlich "über Wasser hält", scheint die Lage bei der BHS tabletop AG noch prekärer. "Über alle Standorte hinweg" herrscht seit 20. März nicht nur "flächendeckende Kurzarbeit": Um die Fertigungsbänder auszulasten, denkt man bei Bauscher sogar über die Produktion von Urnen nach. "Wir sind hier noch in der Phase der Ideenfindung", bestätigt Unternehmenssprecher Frank Schroedter. Er sprich von einem Umsatzrückgang um 70 Prozent allein im April im Vergleich vom Vorjahresmonat.

Hauptaktionär schießt Geld zu

Der neue Hauptaktionär der BHS tabletop AG, die Münchener Unternehmensgruppe Serafin, sagte jüngst dem Weltmarktführer für Profi-Porzellan "signifikante finanzielle Hilfe" zu. Philipp Haindl, Gründer von Serafin, schränkte allerdings ein, dass man es nicht ohne eine zusätzliche staatliche Überbrückungshilfe schaffe, da auch die finanziellen Möglichkeiten von Serafin nicht unbegrenzt seien. Die BHS sei nicht das einzige Unternehmen der Gruppe, welches vor "immensen wirtschaftlichen Herausforderungen" stehe.

In einem geradezu flehentlichen Brandbrief wandten sich im März BHS-Vorstandschef Gerhard Schwalber und Gesamtbetriebsratsvorsitzender Michael Ott an Ministerpräsident Markus Söder: "Covid-19 hat unser Unternehmen und das Leben von 1165 Beschäftigten innerhalb weniger Tage dramatisch verändert. Bis Februar 2020 waren wir wirtschaftlich gesund (...) Heute ist alles anders: Die beispiellose Krise lässt unsere Werke stillstehen (...) Dies kann das endgültige Aus jeder Porzellanindustrie in Bayern sein. Eine über Jahrhunderte währende Geschichte geht innerhalb weniger Monate zu Ende. Unverschuldet führte die Krise zum kompletten Umsatzeinbruch und Einnahmeverlust. In ihrer hohen Dynamik und einschneidenden Wirkung bedroht sie die Existenz des Unternehmens."

Wiege des Gastro-Porzellans

Zurückhaltend fällt die Stellungnahme von BHS-Unternehmenssprecher Frank Schroedter zum jüngsten Konjunkturpaket aus: "Ob Überbrückungshilfen ausreichen, um zahlreiche Insolvenzen abzuwehren oder sich die Mehrwertsteuersenkung auf das Konsumverhalten der Gäste auswirkt, ist noch schwer abzuschätzen. Wir rechnen kurzfristig nicht mit sprunghaften Veränderungen im Investitionsverhalten unserer Kunden." Erfreulich seien die aktuellen Lockerungen "2020 wird sicher ein Krisenjahr bleiben. Je schneller aber die Verbraucher wieder Vertrauen ins auswärts Essen und Reisen bekommen, desto früher werden auch wir Absatzsteigerungen wahrnehmen."

In normalen, guten Zeiten ist die Kapazität von Bauscher Weiden für die Fertigung von 30 Millionen Stück (9000 Tonnen) Porzellan im Jahr ausgelegt. Die hochautomatisierte Produktionsstätte Weiden mit ihren rund 400 Beschäftigten ist einer der größten Porzellanfertigungen in Europa. Weiden gilt als Wiege des Gastronomie-Porzellans. Die Firmen-Historie geht auf das Jahr 1881 zurück.

Weiden in der Oberpfalz
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