Ausbildung in Zeiten von Corona: Schuften statt lernen?

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Corona erschwert die Ausbildung: Eine Azubine klagt: „Ich bekomme die Stunden für die Prüfung nicht zusammen.“ Insgesamt bemühten sich die Unternehmen um geregelte Ausbildung, sagen Vertreter von IHK und Handwerkskammer.

Klopapier-Einräumen statt Ausbildung: Die Bewältigung der Coronakrise hat Auswirkungen auf die Ausbildung.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ida S. (Name von der Redaktion geändert) absolviert ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in einer Drogeriekette. Schon im ersten Lehrjahr kommt es ganz dick für die junge Frau: „Wir hatten alle Hände voll zu tun, das Toilettenpapier und andere Hygieneartikel nachzufüllen“, erinnert Ida an die Hamsterkäufe im März.

Die reguläre Ausbildung kam dabei zu kurz. „Ich muss verschiedene Stationen durchlaufen, um für Prüfungen zugelassen zu werden, also Lager, Kasse, Büro und so weiter“, erklärt sie. „Aber aus der Not geboren wurden wir Azubis ins kalte Wasser geworfen und mussten voll mithelfen.“

Urlaub gestrichen

Weil die Lehrlinge in Gruppen eingeteilt wurden, damit im Corona-Ernstfall eine andere Schicht übernehmen kann, wurde sie meistens im Lager eingesetzt. „Ich habe meine Kassen-Stunden nicht erfüllt, jetzt wurde mir der Urlaub gestrichen, ich muss die Stunden nachholen.“ Ida beklagt sich nicht über den Arbeitgeber. Sie versteht, dass das Krisenmanagement wenige Alternativen ließ. „Aber leicht war das anfangs nicht, wenn du als Anfänger schuften statt lernen musst, damit der Laden läuft.“

Dazu die gereizte Stimmung der Kollegen und Kunden: „Ich habe das auf mich bezogen“, sagt sie. Und auch an ruppige Kunden musste sie sich erst gewöhnen: „Manche hielten keinen Abstand ein, andere beschwerten sich über leere Regale.“

Alles halb so wild? Ein Kommentar zur Lage der Lehrlinge.

Bayern

„Im Großen und Ganzen haben die Unternehmen die Herausforderung gut gemeistert“, bezieht sich Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufsbildung bei der Industrie- und Handelskammer Oberpfalz, auf eine „ganze Reihe an Beratungsgesprächen“ mit Betrieben und Azubis. „Ob hinsichtlich der Abschlussprüfungen tatsächlich Verwerfungen auftauchen, kann ich nicht sagen, da haben wir noch keine Zahlen.“

Er gibt allerdings zu bedenken, dass die Anforderungen an die Ausbildung sehr hoch seien: „Die Azubis müssen ausgebildet werden, das ist oberste Prämisse, die Produktivität steht hier nicht im Vordergrund.“

Nur wenige Entlassungen

Ohne den Zahlen vorzugreifen, die IHK und Handwerkskammer am Freitag bekanntgeben, skizziert Kohl trotz der Einschränkungen ein positives Bild: „Unsere Umfrageergebnisse ergeben, dass 80 Prozent der Unternehmen planen, normal einzustellen und auszubilden – nur 1,5 Prozent müssen aufgrund der Pandemie ausstellen.“

Natürlich gebe es in der Umsetzung mancherorts Schwierigkeiten: „Man muss die Einzelfälle anschauen“, sagt Kohl, in der Gastronomie kam es aufgrund der Zwangsschließungen zu massiven Einschnitten, andere Branchen konnten sich mit Homeoffice ganz gut behelfen.“ Fachinformatiker etwa ließen sich über Videokonferenzen leichter ausbilden als Nachwuchsköche.

Nachvermittlung wird wichtiger

„Der ganze Orientierungs- und Bewerbungsprozess war unterbrochen“, beschreibt Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz die Lage. Die jungen Leute seien zurückhaltend gewesen, es habe kaum Vorstellungsgespräche gegeben: „Bei den Abschlüssen ist durch die Unterbrechung deshalb ein Rückgang festzustellen“, sagt Schmidt.

Er gehe allerdings davon aus, dass sich das noch aufholen lasse: „Am Fachkräftemangel hat sich wegen Corona nichts geändert.“ Der Vermittlungsprozess sei nicht zu Ende: „Die Nachvermittlung wird entsprechend wichtiger als die Jahre zuvor.“

Stabilitätsanker Handwerk

Wie auch in Industrie und Handel seien auch die Gewerke im Handwerk unterschiedlich stark betroffen: „Friseure und Kosmetiker mussten schließen, sind aber inzwischen mit einem speziellem Hygienekonzept wieder offen.“ Das Baugewerbe, das weitergelaufen sei, als wäre nichts gewesen. „Spannend wird sein, wie es mit Aufträgen der öffentlichen Hand weitergeht“, sagt Schmidt, „wir appellieren an die Kommunen, die notwendigen Investitionen in die Infrastruktur nicht aufzuschieben.“

„Wir starten in den Normalbetrieb, der in Bayern geplant ist.“ In allen Betrieben bestünden gute Sicherheitskonzepte. „Unser Hygienekonzept lautet eineinhalb Meter Sicherheitsabstand“, erklärt Schmidt, „wenn der unterschritten werden muss, wird Mund-Nase-Schutz getragen.“ Das geschehe sehr praxisorientiert: „Wenn zwei oder drei Azubis am Motor stehen und messen, funktioniert das mit Maske ganz gut.“ Zusätzlich sei ein Lüftungskonzept wichtig. Einer pauschalen Maskenpflicht steht er skeptisch gegenüber: „Gerade im Handwerk gibt es viele Berufe, die anstrengend sind“, sagt er, „oft wird im Freien mit genügend Abstand gearbeitet, das muss man sich berufsspezifisch ansehen, da sind die Berufsgenossenschaften und Betriebe gefordert.“ Entscheidend sei, wie man mit der Pandemie durch Herbst und Winter komme. „Insgesamt hat sich das Handwerk einmal mehr als Stabilitätsanker erwiesen.“

Masken könnten auch auf Azubis zukommen, die nicht daran gewöhnt sind.
Beschluss des Koalitionsausschusses :

Bundesweite Bildungsplattform

Zum Beschluss des Koalitionsausschusses im Bildungsbereich erklärt der bildungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Albert Rupprecht:

  • „Wir brauchen deutlich mehr digitale Bildungsmöglichkeiten.“ Bund und Länder würden ihre Maßnahmen ausweiten.
  • „Eine bundesweite Bildungsplattform ist der richtige Ansatz, um hochwertige digitale Bildungsangebote für Schule und berufliche Bildung zugänglich zu machen.“
  • „Mit den vorgesehenen Bildungskompetenzzentren schaffen wir zudem eine sinnvolle Vernetzung von Wissenschaft und Schule, um den Unterricht zu verbessern.“
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