Augenzeuge Armbruster über die Lehren des „Arabischen Frühlings“

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Nahost-Experte Jörg Armbruster im Interview über sein Buch zum "Arabischen Frühling", Einsätze in Kriegsgebieten und die klare Haltung.

Jörg Armbruster am 11. Februar während der Live-Schalte aus Kairo in der Tagesschau: Präsident Mubarak lässt gerade den eigenen Rücktritt verkünden.
von Holger Stiegler (STG)Profil

ONETZ: Herr Armbruster, Sie waren am 11. Februar 2011 in Kairo und haben per Live-Schalte von den Vorkommnissen berichtet. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag und welche Bedeutung hat er in Ihrer journalistischen Laufbahn?

Jörg Armbruster: (lacht) Ich gehöre jetzt nicht zu denen, die sich das Video jeden Tag anschauen müssen. Aber ich bin schon etwas stolz auf diese Schalte zur Tagesschau, denn es war das Ende und der Höhepunkt der Tahrir-Platz-Besetzung durch die jungen Ägypter. Drei Wochen lang hatten wir die Situation mit unserer Berichterstattung begleitet. Diese Emotionen der jungen Leute, die an diesem Abend durchbrachen, haben sich auch auf uns Berichterstatter und Nicht-Ägypter übertragen. Deshalb war das auch für mich ein ganz besonderer Tag.

ONETZ: Aus welcher Stimmung heraus ist es in Ägypten zur Revolution gekommen? Sie schreiben in Ihrem neuen Buch ja auch, dass es eben nicht der Wunsch nach Demokratie nach westlichem Vorbild war…

Auf dem Tahrir-Platz hat es sicherlich keine ausgefeilte Demokratie-Diskussion gegeben. Da ging es um Freiheiten und gegen Willkür. Dieser Aufstand, der ja in anderen Ländern ähnlich stattgefunden hat, ist lange vorbereitet worden und war keine spontane Erhebung. Der Tahrir-Platz im Januar 2011war das Ergebnis einer lang angelegten Protestaktion.

ONETZ: Ihr Buch ist in der Beschreibung der Entwicklung nach 2011 sehr realistisch und ernüchternd. Warum und wann ist in Ägypten der Weg in eine "bessere Zukunft" gescheitert?

Jörg Armbruster: Es ist etwas schwierig, dies genau festzulegen: Aber spätestens, als der gewählte Präsident Mursi von den Muslimbrüdern sich gegen die säkularen Parteien gestellt hat und diese wiederum es nicht geschafft haben, sich zusammenzuschließen. Letztere haben auch die Gefahr nicht erkannt, die durch Militär, Polizei und Justiz drohte. Das war einer der Kernfehler Ende 2012, Anfang 2013.

Mubarak setzt sich ab

ONETZ: Ägypten ist nicht das einzige Land, in dem der "Arabische Frühling" letztlich zu politischen, militärischen und sozialen Strukturen geführt hat, die von den ursprünglichen Revolutionären niemand wollte. Aus Ihrem Buch lese ich auch eine deutliche Kritik am Versagen des Westens - also EU und USA - heraus.

Jörg Armbruster: Ja, definitiv. Man hätte die säkularen Demokratiebewegungen viel stärker unterstützen müssen, die wirtschaftliche Hilfe ist auch für den gewählten Muslimbruder Mursi nach der Wahl zum Präsidenten ausgeblieben. Der Westen – insbesondere auch Deutschland – setzte lieber auf autoritäre Regime und hätte an Ägypten nach dem Militärputsch im Juni 2013 nicht in dem Maße Waffen liefern müssen, wie es passiert ist. Und Ägypten ist nicht das einzige Land, in dem der Westen versagt hat.

ONETZ: Noch einschneidender als der 11. Februar 2011 war für Sie der Karfreitag 2013: Sie wurden im syrischen Aleppo angeschossen und schwer verletzt. Wie präsent ist das heute noch bei Ihnen?

Jörg Armbruster: Es hat schon eine lange Zeit gedauert, bis ich den Schock, angeschossen zu werden, überwunden hatte. Ich kann auch meine Hand wieder ordentlich bewegen, zwar nicht zu 100 Prozent, aber ich kann damit schreiben und tippen.

ONETZ: Syrien galt 2013 als gefährlichstes Land für Journalisten und nach Einschätzung der Reporter ohne Grenzen ist es das heute noch. Was treibt einen an, aus solchen Ländern zu berichten?

Jörg Armbruster: Klar, ich bin nicht gezwungen worden, dorthin zu gehen. Ich war damals eigentlich schon pensioniert und hatte einen großen Auftrag für eine eineinhalbstündige Sendung. Das war natürlich schon verlockend. Dass wir in das Schussfeld geraten sind, ist eher – wie wir hier in Württemberg sagen würden – „dumm g’loffe“.

ONETZ: Hinterfragt man sein Berufsbild nach Geschehnissen wie in Aleppo?

Jörg Armbruster: Das beschäftigt einen natürlich. Ich bin eigentlich jemand, der sich in Kriegsgebieten sehr vorsichtig bewegt und genau überlegt, wo er hingeht. Man muss nicht durch jede Schießscharte schauen. Aber über die Menschen und die Lebensumstände in Kriegsgebieten kann man nur überzeugend berichten, wenn man tatsächlich auch vor Ort war. Aber man hat sich vielleicht doch ein bisschen für unverwundbar gehalten und ist dann eines Besseren belehrt worden.

ONETZ: Bei einem Krisenreporter denke ich immer an die oft zitierte journalistische Grundregel: "Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemeinmacht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache." Wie schwer ist es denn, sich daran zu halten? Oder ist die Regel schlichtweg unsinnig?

Jörg Armbruster: Die Regel macht sicherlich Sinn, aber man darf sie nicht nur wörtlich nehmen. Man darf sich nicht für eine Seite, für eine Partei engagieren, aber man kann und darf als Journalist zu einem Konflikt eine eigene Haltung entwickeln und diese auch dem Leser, dem Zuschauer oder dem Zuhörer vermitteln. Das halte ich für absolut legitim.

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Hintergrund:

Zur Person: Jörg Armbruster

Jörg Armbruster begann seine journalistische Laufbahn 1974 beim WDR. Als Auslandskorrespondent war er unter anderem in Kairo, Bagdad und Damaskus eingesetzt. Gut vier Jahre lang moderierte er den ARD- "Weltspiegel". Ausgezeichnet wurde Armbruster unter anderem mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus sowie dem Bayerischen Fernsehpreis. Sein neues Buch "Die Erben der Revolution. Was bleibt vom Arabischen Frühling?" (ISBN 978-3-455-00941-5, Hoffmann und Campe, 304 Seiten) ist eben erschienen.

Jörg Armbruster
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