30.10.2020 - 18:06 Uhr
WaldsassenDeutschland & Welt

Landwirtin: "Druck auf die Bauern unheimlich groß geworden"

Im Interview berichtet Landwirtin Christina Kunz aus Waldsassen über Probleme, Herausforderungen für die Bauern, Umweltschutz sowie die Landwirtschaft als Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.

Christina Kunz auf ihrem Hof bei Waldsassen.
von Christa VoglProfil

Vor über einem Jahr lud die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber Junglandwirte aus ganz Bayern ein: eine Kommission sollte gebildet werden, um die Frage zu beantworten: „Wie soll die Landwirtschaft in Bayern 2040 aussehen?“ Noch eine Expertengruppe, noch ein runder Tisch? Liegen denn nicht seit langer Zeit alle Fakten auf dem Tisch und werden nicht bereits seit Jahren die gleichen Fragen und Probleme ohne klares Ergebnis diskutiert?

Christina Kunz, Landwirtin aus Waldsassen, war eine der 37 Teilnehmer der Kommission, die jetzt den Abschlussbericht an die Landwirtschaftsministerin überreicht hat.

ONETZ: Frau Kunz, die Landwirtschaftsministerin hat Ihren Bericht entgegengenommen und von „vielen guten Vorschlägen“ und einem „Ideenfeuerwerk“ gesprochen. Leere Worte?

Christina Kunz: Die Frage ist natürlich, was von unseren Vorschlägen letztendlich umgesetzt wird. Frau Kaniber war unseren Ideen gegenüber sehr aufgeschlossen und hat z. B. angekündigt, die von uns vorgeschlagene bayerische Prämie für zusätzliches Tierwohl zeitnah zu verwirklichen.

ONETZ: Wo sehen Sie derzeit das Hauptproblem der Bauern?

Der Druck auf die Bauern ist in den letzten Jahren unheimlich groß geworden.

ONETZ: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Zum Beispiel der Kostendruck bei den Milchbauern. Ende der 1980er Jahre lag der Milchpreis für konventionell wirtschaftende Landwirte bei 80 Pf/l. Seitdem sind 30 Jahre vergangen. Heute liegt der Milchpreis bei 33 ct/l. Er ist also stark gefallen. Dazu kommt, dass sich die Herstellungskosten erhöht haben, ja oftmals sogar vervielfacht. Dazu zählt auch der Strom, die Maschinen, die Stallbaukosten.

ONETZ: Aber es gibt doch für die Bauern zum Ausgleich auch Prämien und Subventionen.

Klar gibt es diese Prämien. Aber sie gleichen den Einkommensverlust immer nur zum Teil aus. Durch die steigenden Kosten auf der Erzeugerseite, also bei den Landwirten, und die fallenden Preise, die sie für ihre Produkte bekommen – egal ob Milch, Fleisch oder Getreide – wurden die Bauern gezwungen, sich in eine bestimmte Richtung zu entwickeln.

ONETZ: Und in welche Richtung?

Ganz klar in Richtung Effizienzsteigerung: Also wachsen, mehr produzieren, intensiver produzieren, damit das Einkommen der Landwirte gesichert werden konnte. Ohne diese Effizienzsteigerung gäbe es einen Großteil der Landwirte heute gar nicht mehr. Auch die Beratung über die Landwirtschaftsämter ging in diese Richtung: Wachsen oder weichen, hieß es.

ONETZ: Die Landwirte haben also reagiert und sind in den letzten Jahrzehnten gewachsen und effizient geworden. Kling doch nicht schlecht.

Ja, aber bei einer einzigen Runde Effizienzsteigerung blieb es ja nicht. Dieser Prozess wiederholte sich alle paar Jahre mit wieder strengeren Richtlinien und kostenintensiveren Auflagen. Das ging gerade die letzten Jahre so schnell, dass man als Landwirt kaum noch hinterher kam. Und jedes Mal blieb dabei wieder ein Teil der Bauern auf der Strecke. Und jetzt gerade geht es in die nächste Runde.

ONETZ: Sie sprechen von der Düngeverordnung? Wollen denn die Landwirte kein sauberes Trinkwasser? Ist ihnen die Umwelt egal?

Nein, natürlich nicht. Die Landwirte haben ja auch Familien und sind umweltbewusst. Sie wehren sich nicht gegen mehr Umwelt- und Gewässerschutz, sondern gegen unsinnige Auflagen, die keinen Nutzen für die Wasserqualität bringen und die Ursachen nicht berücksichtigt. Dazu kommt, dass die neue Düngeverordnung schwierig in der praktischen Umsetzung ist und erneut teure Investitionen bringt.

ONETZ: An welche Kosten denken Sie da konkret?

Zum Beispiel ist der Ausbringzeitraum der Gülle künftig stark eingeschränkt. Dadurch sind viele Landwirte gezwungen, in eine neue Güllegrube zu investieren, was Kosten im fünf- bis sechsstelligen Bereich verursacht.
Oder ein weiteres Beispiel: Gülle darf nur noch bodennah ausgebracht werden. Dazu ist eine spezielle Technik erforderlich, für die kleinere Güllefässer nicht mehr genutzt werden können. Das führt zu zusätzlichen Kosten, die kleinere Betriebe nicht verkraften können.

ONETZ: Die Trinkwasserqualität muss ja aber geschützt werden. Immerhin wurde Deutschland von der EU ja bereits einige Male abgemahnt.

Natürlich muss das Trinkwasser und auch die Umwelt geschützt werden. Und die Landwirte wollen das ja auch unterstützen. Das Problem ist aber, dass den Bauern langsam die Luft ausgeht.
Den Leuten ist oft nicht klar, dass sich die Landwirte diese Entwicklungsrichtung nicht ausgesucht haben. Das waren politische Vorgaben der letzten Jahrzehnte: Größer werden, intensiver produzieren, Nahrungsmittel billig produzieren. Aber jetzt stößt dieses System an seine Grenzen, auch umweltmäßig. Und als alleinige Verursacher der entstandenen Umweltprobleme werden die Bauern präsentiert.

ONETZ: Ist diese Entwicklung – also das Verschwinden kleinerer Betriebe und die Konzentration auf Großbetriebe - von der Politik gewollt?

Ja, die Weichen sind von der Politik so gestellt worden, dass sich die Landwirtschaft auf diese Weise entwickelt. Das betrifft vor allem die europäische Agrarpolitik mit ihrer Ausrichtung auf den Weltmarkt. Diese dient eindeutig den Interessen der Lebensmittelindustrie, die billige Rohstoffe möchte. Sie hat auch mehr Einfluss und die bessere Lobby bei der Politik.

ONETZ: Wo sehen Sie die Lösung?

Für mich ist das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wenn die Gesellschaft mehr Tierwohl und mehr Artenvielfalt möchte, dann müssen auch die Prämien der EU genau in diese Richtung fließen. Es muss gefördert werden, was gewünscht wird. Und das können nicht billige Rohstoffe sein. Der Bauer muss für seine erbrachten Leistungen gerecht bezahlt werden. Am liebsten wären uns Landwirten faire, angemessene Marktpreise und keine Prämien.
Das jahrzehntelange immer Größerwerden stößt schon lange an seine Grenzen, auch viele andere Wirtschaftsbereiche sind betroffen. Wir dürfen nicht den Kollaps abwarten, wir müssen überlegen: wie können wir wirtschaften, ohne dabei die Ressourcen aufzubrauchen? Und wir Landwirte können dabei nur ein Teil dieser Überlegungen sein.

Wie soll die Landwirtschaft in Bayern 2040 aussehen? Christina Kunz aus Waldsassen ist Mitglied der Junglandwirte-Kommission, die sich mit der Frage beschäftigt.
Info:

Vision der bayerischen Landwirtschaft 2040

  • Die Landwirtschaft in Bayern ist nach wie vor bäuerlich geprägt. Der Landwirt setzt das seit Generationen erworbene Wissen in Kombination mit modernen Technologien ein. Diese Verbindung aus Tradition und Moderne führt zu sichtbaren und wirksamen Effekten beim Schutz natürlicher Ressourcen, bei der Steigerung des Tierwohls und beim Artenschutz.
  • Verbraucherinnen und Verbraucher erkennen beim Einkauf eindeutig bayerische Lebensmittelprodukte durch eine entsprechende Produktplatzierung etwa in „Bayern-Regalen“ sowie durch eine eindeutige Kennzeichnung. Die Marke Bayern ist grenzübergreifend bekannt. Landwirtschaft und Gesellschaft arbeiten Hand.
  • Die Agrarmärkte sind nach wie vor offen, wovon Bayern als exportorientiertes Land auch profitiert. Importierte Produkte erfüllen allerdings hiesige Produktionsvorgaben. Vorschriften und Kontrollen innerhalb der EU sind einheitlich.
  • Die Landwirtschaft produziert nachfrageorientiert Nahrungsmittel, Rohstoffe, Energie und weitere gesellschaftlich gewünschte Leistungen wie Biodiversität oder Erholungsräume.
  • Die wissenschaftlich fundierten Kriterien für die gesellschaftlich akzeptierten Ställe der Zukunft stehen fest, es gibt Planungssicherheit. Die Nutztierhaltung ist tiergerecht und umweltverträglich.
  • Die heimische Eiweißversorgung und die Unabhängigkeit von Palmölprodukten sind durch neue Produkte und Verfahren gesichert (z. B. Insekten als Futtermittel, heimisches Soja).
  • In der Landwirtschaft ist eine Kreislaufwirtschaft etabliert, Abfälle im klassischen Sinn sind minimiert. Lebensmittelverschwendung ist auf ein unvermeidbares Mindestmaß zurückgeführt. Neue Flächen dürfen nur in Anspruch genommen werden, wenn an anderer Stelle im gleichen Umfang Flächen entsiegelt werden.
  • Der Klimawandel wird auf ein vertretbares Maß gebremst, die landwirtschaftliche Produktion ist an das veränderte Klima angepasst und leistet selbst einen anerkannten Beitrag zur Klimastabilisierung.
  • Staatliche Transferzahlungen, insbesondere die Direktzahlungen, sind auf notwendige Anpassungshilfen sowie die Honorierung von Ökosystemleistungen und Tierwohlleistungen begrenzt. Die Landwirte erzielen aus ihrer Geschäftstätigkeit ausreichende Gewinne zur Deckung der Lebenshaltung und zur positiven Weiterentwicklung des Unternehmens. Der Preis der von der heimischen Bevölkerung bevorzugt nachgefragten heimischen Lebensmittel lässt eine wirtschaftlich orientierte, familiengeführte Landwirtschaft zu.

Vision der bayerischen Landwirtschaft 2040

Info:

Christina Kunz

Christina Kunz, 45, ist Agrarbetriebswirtin und bewirtschaftet zusammen mit ihren Mann einen Hof mit 30 Milchkühen im Vollerwerb. Auch ihre Eltern helfen noch mit. 2009 stellte das Ehepaar, das mit seinen beiden Kindern in Groppenheim bei Waldsassen lebt, den 45ha-Betrieb um auf Öko-Landbau (Naturland). Ihre Ausbildung absolvierte Christina Kunz an der Höheren Landbauschule Weiden-Almesbach.

Die Junglandwirt-Kommission besteht aus 37 Teilnehmern, die aus ganz Bayern kommen und von verschiedenen Ausbildungseinrichtungen vorgeschlagen wurden: Technikerschulen, Höhere Landbauschulen, Universitäten. Die Ausrichtung der von den Junglandwirten geleiteten landwirtschaftlichen Betriebe – konventionell und ökologisch – haben vielfältige Schwerpunkte: von der Schweinehaltung über Rindermast, Milchkuh- und Geflügelhaltung bis hin zu Sonderkulturen wie Wein oder Hopfen. Auch der Umfang der jeweils bewirtschafteten Flächen ist sehr unterschiedlich und reicht von ca. 12 ha bis 1250 ha.

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