12.07.2020 - 15:51 Uhr
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Digitales Lernen im Lockdown: "Kein verlorenes Schuljahr"

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Sechs Wochen lang haben Schüler in diesem Jahr zu Hause statt im Klassenzimmer gelernt - der Unterricht wurde in den digitalen Raum und an den Schreibtisch im Kinderzimmer verlagert. Wie hat das geklappt? Ein Besuch in der Realschule Waldsassen.

Mit der Lernplattform "mebis" hat auch die Realschule Waldsassen gearbeitet. Über 250 Kurse waren für die Schüler dort eingestellt.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Stephan Drexler erinnert sich noch genau an den 13. März. Es sollte der vorerst letzte gewöhnliche Schultag dieses Schuljahres sein. Stephan Drexler ist Schulleiter der Realschule im Stiftland Waldsassen. An diesem Freitag den 13. entließen er und sein Vertreter Reiner Summer 302 Schüler und 27 Lehrer in den Heimunterricht.

"Die Lehrer haben an diesem Tag bei einer Konferenz noch eine Art Auffrischungskurs für die Lernplattform Mebis bekommen und die Schüler wussten Bescheid, dass Sie ab Montag ihre Aufgaben auf der Plattform finden würden", sagt Drexler. Über 250 Kurse waren dafür bereits im Vorfeld angelegt worden. "Es lag ja schon in der Luft, dass so etwas passieren könnte. Als der Lockdown dann kam, waren wir vorbereitet", ergänzt sein Stellvertreter Summer. Jetzt zahlte sich langjährige Arbeit aus - bereits im Jahr 2019 wurde der Realschule im Stiftland Waldsassen das Prädikat "Digitale Schule" verliehen.

Prädikat "Digitale Schule" für die Realschule im Stiftland Waldsassen

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Holprige erste Woche

Ein Vorteil der Waldsassener Realschule: Schon zuvor war die Lernplattform unterrichtsbegleitend genutzt worden. Trotzdem war die Umstellung auf einen rein digitalen Austausch eine Herausforderung. Christian Schön, Lehrer für Mathe und Physik, blickt zurück: "Zu Beginn dieser sechs Wochen waren wir alle nervös - sowohl Lehrer als auch Schüler. In den ersten Tagen waren die Mebis-Server extrem überlastet, die erste Woche war holprig."

Gerade zu Beginn sei es schwer für die Lehrer gewesen, einzuschätzen, wie viel Stoff für eine Woche sinnvoll sei. "Was ich in einer Woche Präsenzunterricht schaffe, kann ich nicht in eine Woche Homeschooling packen", sagt Schön. Und ergänzt: "Wissen vermittelt man am besten von Mensch zu Mensch. Manchmal hatte ich während des Lockdowns das Gefühl, meinem Computer Mathe beibringen zu wollen."

Lehrer waren also im März auf einmal mit der Frage konfrontiert, wie Wissensvermittlung ohne Präsenz aussehen könnte. "Der Arbeitsaufwand ist gerade in der ersten Woche für alle Lehrer enorm gestiegen - obwohl die Schule geschlossen war", sagt Summer. "Es ist jedenfalls kein Lehrer zu Hause gesessen und hat die 'vorgezogenen Osterferien' genossen, wie das ab und zu gern behauptet wird." Aber auch die Eltern hätten auf einen Schlag mit einer extremen Mehrbelastung umgehen müssen. "Sie waren auf einmal viel stärker in schulische Dinge involviert."

Klicken statt experimentieren

Manuel Bruckner, ebenfalls Lehrer für Mathe und Physik, zeigt, wie aus Homeschooling E-Learning werden kann. In einer Physikstunde, in der es um Magnetismus geht, müssen sich die Schüler erst erfolgreich durch einige Versuchsanordnungen klicken, um überhaupt zum Hefteintrag zu gelangen. Den schreiben sie ab - und zum Abschluss gibt es ein direkt bearbeitbares Arbeitsblatt: Bruckner kann die Ergebnisse einsehen und die Aufgaben schließlich verbessert an die Schüler zurückschicken.

Christian Schön hat erste Erfahrungen mit Lehrvideos gemacht: "Ich habe mich eine Weile durch Youtube geklickt und war nicht wirklich glücklich mit dem, was er sah. Man darf nicht alles überbewerten, nur weil es digital ist." Schließlich hat er sich einfach selbst versucht: Er zeigt ein Video, in dem er seinen Schülern Dreiecke und deren Berechnung vorstellt, erklärt und Aufgaben stellt. Die Schüler können und sollen währenddessen immer wieder pausieren und sich selbst am Dreieck versuchen. "Es geht darum, eine digitale Möglichkeit zu bieten," erklärt Schön, "und mit einem Video funktioniert das anschaulicher als Aufgabe und Lösung per PDF abzuschicken."

Frage der Selbstdisziplin

Beides sind Vorzeigebeispiele. Dass Heimunterricht nur im Optimalfall so aussieht, bestätigt Schülersprecher Johannes Rögner. "Natürlich ist das ganz abhängig vom Lehrer: Man sieht, wer sich richtig Mühe gibt und wer die Aufgaben einfach in ein Word-Dokument reinschreibt", sagt der Neuntklässler. Und er bestätigt die Aussage der Schulleitung, 90 Prozent der Schüler seien richtiggehend froh gewesen über das schulische Angebot während des Lockdowns. Viele hätten von sich aus den Kontakt gesucht. Es sei eine Frage der Selbstdisziplin, sagt Christian Schön: "Der Schüler, der vorher nichts für die Schule getan hat, macht jetzt auch nichts. Und die, die schon immer viel nachgefragt haben, fragen auch im digitalen Raum nach." Das bestätigt auch Elternbeiratsvorsitzende Anette Schwan: "Wer in der Schule schon immer unorganisiert war, der tut sich auch beim Lernen zu Hause schwer. So ist es unterschiedlich, was der einzelne daraus macht."

Riesenshow vs. Mehrwert

Trotzdem bleibt der Grundtenor: Die meisten Schüler würden gerne wieder jeden Tag zur Schule gehen - gerade die, die wie Johannes Rögner im nächsten Jahr ihre Abschlussprüfungen schreiben. "Lernen ist ein Gemeinschaftsprozess", sagt Mathelehrer Schön. Er beschreibt, wie er den Beruf des Lehrers in dieser Zeit neu für sich entdeckt hat. Und betont: "Dieses Schuljahr ist kein verlorenes - im Gegenteil." Auch Anette Schwan, Mutter von zwei Schülern, erzählt von einem Lernprozess in Sachen Selbstorganisation.

Digitalisierung müsse eine Erleichterung im Schulalltag bieten, erklärt Summer. Sie müsse dabei helfen, den Unterricht zu optimieren - also anschaulicher, schneller, besser oder leichter verständlich zu machen. "Wir brauchen keine Gimmicks. Ein QR-Code, mit dem ich auf ein Arbeitsblatt komme, das ich dann ausdrucke, ist sinnlos." Deshalb versuche die Schule, einen Mittelweg zu finden. Denn eine exzessive Nutzung von digitalen Medien um jeden Preis sorge zwar am Ende für eine "Riesenshow", wie Summer sagt, müsse aber dem Schüler nicht zwingend einen Mehrwert bieten.

Die guten Seiten der Krise

Obwohl inzwischen zumindest die Hälfte der Schüler wieder wochenweise zur Schule kommt, wirkt das Schulhaus wie ausgestorben. Wo die Schüler normalerweise von Raum zu Raum wandern, lernen die Jungs jetzt in festen Klassenzimmern. "Damit nicht zu viel Bewegung im Schulhaus ist", erklärt Drexler. Der Schulleiter nimmt trotzdem ein eher positives Grundgefühl mit aus der Krise. Er wünscht sich, dass die Art und Weise im Umgang miteinander bleibt. "Ich musste seit Mitte März keinen Verweis, keine Mitteilung und keinen Hinweis schreiben", sagt er, und deutlich spürt man, wie stolz er auf seine Schüler ist. "Ich hoffe, dass diese Art Gelassenheit und Disziplin ins nächste Schuljahr hineinragen." Es säßen ja doch alle im selben Boot.

Die beiden Mathe- und Physiklehrer Manuel Bruckner (von links) und Christian Schön zusammen mit dem Schulleitungs-Team Reiner Summer und Stephan Drexler bei der Erarbeitung neuer Stundenpläne.
Hintergrund:

Digitalisierung an der Schule

Sekretärin Alexandra Wittke arbeitet mit den Programmen „Esis“ und „Web-Untis“. Sie hat so jederzeit den Überblick, wo welcher Schüler und Lehrer ist, wer fehlt, wie weit die Klasse im Stoff ist und wann welche Prüfungen anstehen. Auch die Krankmeldungen laufen im Online-Portal ein. „78 Prozent der Eltern verwenden das Portal. Sie bekommen Elternbriefe dann per Mail oder als Push-Mitteilung in der App.“ Die restlichen 22 Prozent klicken sich für Elternbriefe auf die Schul-Homepage oder bekommen den Brief als gedruckte Version. „Diese Programme kosten natürlich auch Geld. Der Landkreis Tirschenreuth als Sachaufwandsträger stattet uns da super aus“, sagt Schulleiter Stephan Drexler. Bald werden die Lehrer mit Leihtablets ausgestattet – 18 000 Euro sollen der Schule dafür zur Verfügung gestellt werden.

Aktuell unterrichten die Lehrer noch mit eigenen Tablets – so zum Beispiel Christin Graßl – ihre neun Sechstklässler, die im Physiksaal gerade lernen, wie man zusammengesetzte Flächen ausrechnen kann. Via Tischkamera und Beamer wirft sie die Anzeige ihres Tablets an die Wand.

Geplant ist laut Drexler außerdem die Einrichtung von flächendeckendem Wlan, und neue Beamer, über die jeder Schüler zum Beispiel mit seinem eigenen Handy per Bluetooth die Lösung einer Aufgabe an die Wand werfen kann.

Die Schule setzt schon seit Jahren auf „Bring Your Own Device“ – also jeder Schüler bringt sein eigenes technisches Equipment mit. Das habe den Vorteil, dass die Schule keine Geräte warten muss“, so Drexler. Gerade ein Handy habe jeder Schüler ab der siebten Klassen. Wie das sinnvoll eingesetzt wird, zeigt Cornelia Legath mit ihren Achtklässlerin im Englisch-Unterricht. Per Quiz – die Fragen werden per Beamer an die Wand geworfen, jeder Schüler hat auf seinem Handy vier Auswahlmöglichkeiten – pauken sie den Stoff der letzten Stunde. Spaß, Spiel, Wettkampf und – ganz nebenbei – Lernen von passiven Verben.

Weil gerade aufgrund der Corona-Einschränkungen kein Toben und Spielen auf dem Pausenhof erlaubt ist und die Schüler ihre Pausen im Klassenraum verbringen müssen, dürfen sie gerade – trotz Handyverbot – die Telefon in den Pausen benutzen. „Nach Corona werden wir einen anderen Blickwinkel auf Handys in der Schule haben“, glaubt Reiner Summer, stellvertretender Schulleiter der Knabenrealschule. „Das große Problem, dass Handys zum Fotografieren und Mitschneiden benutzt wurden, haben wir mittlerweile im Griff“, ergänzt er. „Der Umgang mit dem Handy ist zum Unterrichtsinhalt geworden und auch das Bewusstsein der Schüler hat sich verändert. Wir blicken jetzt anders auf dieses Thema.“

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