21.01.2021 - 12:00 Uhr
WackersdorfDeutschland & Welt

Künstlerin auf heiligen Baustellen: Junge Oberpfälzerin über ihren Job als Kirchenmalerin

Die Wackersdorferin Sarah Deiminger hat einen seltenen Beruf, der in der Öffentlichkeit ein Schattendasein führt: Die 24-Jährige ist Kirchenmalerin. Ein Job mit vielen schönen Seiten, aber auch mit einsamen Momenten.

Kirchenmalerin Sarah Deiminger bei der Arbeit an ihrer Meisterfigur, die sie "Giacomo" nennt.
von Julian Trager Kontakt Profil

In Italien hat sie sich verguckt. Ein etwas älterer Herr mit edlem Outfit, aber zweifelhaften Ruf hatte es Sarah Deiminger angetan. Dass der Mann seit mehr als 500 Jahren tot und noch dazu nur eine Büste aus Porzellan in einem Museum ist – egal. Für die 24-Jährige war der ältere Herr das ideale Vorbild für ihr Meisterstück. "Die Figur ist mir von Anfang an ins Auge gestochen", erzählt sie über die Büste von Cesare Borgia, einem italienischen Feldherrn, der wohl alles andere als ein Heiliger war. Und genau Letzteres gefiel der Wackersdorferin (Kreis Schwandorf). "Ich wollte keinen Heiligen machen wie alle anderen in der Meisterschule", sagt sie und lacht. In ihrem Job hat sie sonst eh andauernd mit Heiligen zu tun. Ihr Meisterstück, die sündhaft teure Nachbildung des Feldherrn, die sie selbst Giacomo nennt, behütet sie daheim wie einen Schatz.

Sarah Deiminger ist Kirchenmalerin, gehört also zu einer sehr kleinen Berufsgruppe. Die Kirchenmalerei ist ein Schatten-Handwerk, steht selten im Licht der Öffentlichkeit, bekommt kaum Nachwuchs. Eine Nische, so klein, dass nicht einmal die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz Zahlen liefern kann. "Das ist ein spezieller Bereich", so die Antwort auf die Frage, wie viele Kirchenmaler-Azubis es aktuell gibt und es in den vergangenen Jahren gegeben hat. Die Kirchenmalerei ist heute Teil des Maler- und Lackiererhandwerks, früher war es ein eigenes Berufsbild. Der Job, so scheint es, verliert an Bedeutung wie die Kirchen selbst.

Kunst auf der Baustelle

Dabei ist der Beruf abwechslungsreich. Man braucht Kraft und Feingefühl, handwerkliche Fähigkeiten und künstlerisches Talent. "Das hat schon viel mit Baustelle zu tun", sagt Deiminger. Kirchenmaler erhalten, erneuern und restaurieren Decken, Wände, Fassaden, Stuck oder Altäre. Sie erhalten und erneuern Geschichte, werden selbst ein bisschen Teil der Geschichte. Gearbeitet wird historisch akkurat, mit selbst hergestellten Farben – niemals mit Farbe aus dem Baumarkt. "Wir streichen nach, malen nach, verzieren nach. Wir konservieren", sagt Deiminger. "Etwas Neues darf man nicht dazu machen." Kirchenmaler sind Imitationskünstler.

"Ich habe ewig nicht gewusst, was ich machen will", sagt die Wackersdorferin, die das Fachabitur an der FOS in Weiden machte, im Gestaltungszweig natürlich. In der zwölften Klasse erzählte eine Lehrerin von ihrem Praktikum als Kirchenmalerin. Deiminger war angefixt, überlegte und probierte es einfach mal aus. Praktikum, Ausbildung, Meister. "Es war jetzt nicht mein Traum, Kirchenmalerin zu werden", gibt die 24-Jährige zu. Zwar sei sie schon immer künstlerisch aktiv, malt seit ihrer Kindheit gerne, aber von dem Beruf hörte sie überhaupt zum ersten Mal von ihrer damaligen Lehrerin an der FOS.

"Manchmal schon einsam"

Deiminger arbeitet für eine 20 Mitarbeiter große Firma im Kreis Neumarkt. Ihre Arbeitskollegen sind größtenteils männlich und viel älter als sie. Die Firma hat vor allem in Österreich zu tun, zurzeit wird etwa in einer größeren Kirche in Wien gearbeitet, auch in Salzburg. "Wir waren aber auch schon an der Grenze zur Slowakei", erzählt sie. Arbeit gibt's auf jeden Fall genügend, viele Kirchen sind alt, brauchen eine Auffrischung. Die Konkurrenz in der Branche, so erzählt Deiminger, ist allerdings groß – vor allem studierte Restauratoren nähmen den Kirchenmalern mittlerweile viele Jobs weg. Aufträge in der Oberpfalz sind eher selten und dann echte Glücksfälle für die 24-Jährige. In Wien, Salzburg oder an der Grenze zur Slowakei sei es für sie wie auf Montage, die ganze Woche weit weg von daheim. "Da ist man manchmal schon einsam", gibt die Wackersdorferin zu.

Der Job macht trotzdem Spaß. "Ich bin froh, ihn gelernt zu haben", sagt die junge Kirchenmalerin. Auch weil er einen Blick in die Vergangenheit zulässt. "Mich fasziniert die Kunstgeschichte sehr", sagt Deiminger. "Wie die früher gebaut und gemalt haben, wie die verschiedenen Stile entstanden sind." Außerdem sehe man am Abend, was man am Tag gemacht habe. Viele Menschen kämen zur Baustelle, schauten, welches Gemälde, welche Wand, welche Figur schon wieder wie neu ausschaut. Natürlich auch die Pfarrer. "Es ist auch schön, wie sich die Leute freuen, wenn ein Altar wieder hergerichtet wurde. Das freut mich dann selber."

80 Stunden schleifen, 11.000 Euro zahlen

Ihren Meister hat die 24-Jährige mit fünf anderen in München gemacht. In der deutschlandweit einzigen Berufs- und Meisterschule für Kirchenmaler. Für eine Klassenfahrt ging's da eine Woche nach Italien. Mailand, Verona, Brescia und ins "sehr schöne" Mantua, wo sie auf Cesare Borgia aus Porzellan traf. Die Arbeit an ihrem Meisterstück dauerte rund ein halbes Jahr und war sehr anspruchsvoll. Zuerst wurde die Originalfigur in Rosenheim aus Lindenholz nachgeschnitzt. Dann ging Deimingers Arbeit los. Kreidegrundaufbau, Farben herstellen, die Polimentvergoldung. Dafür musste sich die Wackersdorferin gut vorbereiten, viel testen. Welche Mischungen passen, welche nicht? "Das ist sehr schwierig. Entweder platzt es ab, es hält nicht oder trocknet nicht auf", sagt sie. "Irgendwas ist immer."

Und dann war da noch die Sache mit dem Schleifen. "Im Sommer bin ich tagelang im Garten gesessen und habe mit dem Schleifpapier die Formen rausgeschliffen." Locker 80 Stunden lang. Das sei wirklich sehr aufwendig, sagt die 24-Jährige. "Da darf kein Kratzer mehr drin sein. Jeden Kratzer sieht man im Gold." 11.000 Euro kostete die Meisterfigur, alleine 5000 Euro der Schnitzer aus Rosenheim. Zahlen musste sie das alles selbst. Kirchenmaler bekommen ihre Meister nicht bezahlt, erzählt Deiminger.

Das Geld, die Arbeit – war's das wert? "Ja", sagt sie, ohne groß zu überlegen. "Die Figur würde ich nie wieder hergeben." Auch nicht für 50.000 Euro? Deiminger grinst, schüttelt den Kopf. "Da steckt so viel Herzblut drin."

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Zur Person:

Sarah Deiminger

  • Die 24-Jährige stammt aus und lebt in Wackersdorf (Kreis Schwandorf)
  • Fachabitur in der FOS in Weiden, Gestaltungszweig
  • Ausbildung zur Kirchenmalerin in einer Firma im Kreis Neumarkt, wo sie noch immer arbeitet
  • Machte 2020 als eine von nur 6 Schülern aus ganz Deutschland ihren Meister als Kirchenmalerin

 

 

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