12.04.2021 - 15:54 Uhr
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Endlager-Suche: Wackersdorfs Angst vor Gorlebens Rache

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Seit Geologe Harald Dill Wackersdorf für bedingt geeignet als Endlagerstandort bezeichnete, wurde man im Landkreis Schwandorf hellhörig. Die Oberpfälzer Kommunalpolitiker formieren bereits eine Abwehrfront.

Die Oberpfälzer Landräte und Oberbürgermeister rüsten sich für den zehn Jahre dauernden Endlagersuch-Marathon.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Das Interview mit dem Professor aus Marlesreuth bei Naila (Kreis Hof) schlug hohe Wellen. "Harald Dill kann sich doch nicht gewundert haben, dass der Bürgermeister von Wackersdorf nach solchen Aussagen im Dreieck springt", begründet Schwandorfs Landrat Thomas Ebeling die Aufregung an jenem Standort, der wegen seines Widerstands gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage bundesweit zur Berühmtheit gelangte.

Dabei fühlt sich der in Hannover lehrende Dozent missverstanden. Er habe Wackersdorf lediglich als bedingt geeignet bezeichnet: "Gegen Ende des Interviews erwähnte ich noch", sagt er zu Oberpfalz-Medien, dass ich wenig von einer 350-Meter-Tiefe wie in Wackersdorf halte, sondern ein Endlager in 1000 Meter Tiefe favorisiere."

Zerklüfteter Granit

Die Oberpfälzer Landräte und Oberbürgermeister, die sich bei einer Tagung für den zehn Jahre dauernden Endlagersuch-Marathon rüsten, beruhigt das wenig: "Unsere Experten sagten bisher immer, der zerklüftete Granit in der Oberpfalz sei nicht geeignet", schildert Landrat Ebeling die Lage, "jetzt sind wir auf einmal mit im Rennen - das hat uns schon verwundert." Die Befürchtung der Oberpfälzer: "Niedersachsen ist durch Gorleben sehr widerstandserfahren", sagt Ebeling.

"Alle Beteiligten geben sich größte Mühe, dass die Standortwahl nach wissenschaftlichen Kriterien stattfinden soll", fährt der Jurist fort. "Wir sind immer davon ausgegangen, dass der Standort geologisch geeignet sein muss." Das lese sich mancher Veröffentlichung jetzt anders. Plötzlich sei von technologischer Ertüchtigung die Rede. "Wir sind der Auffassung, dass Standorte, die nicht erst technologisch ertüchtigt werden müssen, bevorzugt werden sollten."

Es schwinge die nicht belegbare Vermutung mit, "dass manche eine gewisse Freude empfänden, wenn das Endlager nach Bayern käme". Gewissermaßen als späte Rache an der früher so Atom-verliebten Staatsregierung.

Auch wenn das Auswahlprozedere noch ganz am Anfang stünde, nehme man deshalb das Verfahren sehr ernst: "Wir werden das genau beobachten, um berechtigte Bedenken in das Verfahren einzuspeisen."

Symbol Wackersdorf

Im ersten Teilbericht seien 54 Prozent des Bundesgebiets "als grundsätzlich geeignet" eingestuft worden: "Da lässt sich die Wahrscheinlichkeit einer Standortentscheidung in der Oberpfalz schwer beziffern", schränkt er ein. Er gehe davon aus, "dass wir noch heuer unsere Stellungnahmen abzugeben haben". Zwischen Schleswig-Holstein und der Schwäbischen Alp sei noch jeder Standort denkbar.

Deshalb hätten sich die Oberpfälzer Kommunalpolitiker nach der ersten Fachkonferenz formiert und Landrat Ebeling als Koordinator bestimmt: "Diese Online-Tagungen splitten sich in neun parallele Arbeitsgruppen", erklärt Schwandorfs Landrat, "wenn wir das Verfahren vernünftig beobachten wollen, reicht es nicht, dass nur einer teilnimmt." Man bündle die Kräfte der Landratsämter und Städte. "Ich habe den Hut auf in koordinierender Funktion und in Absprache mit der Spitze des jeweiligen Hauses."

Dass dabei das Symbol Wackersdorf eine Rolle spielt, gibt er gerne zu: "Es ist unsere gemeinsame Haltung, dass wir kein geeigneter Standort sind." Das liege auch in den Vorgängen um die WAA begründet. "Wir haben unseren Beitrag schon geleistet, was das Thema Atomkraft betrifft", sagt Ebeling, "schon aufgrund dieses weichen Standortfaktors sind wir von dem Verfahren auszuschließen." Für die nächste Fachkonferenz Mitte Juni habe man sich bei der Landräte-Tagung inhaltlich gerüstet.

Dr. Roland Eichhorn vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) hatte den Politikern erläutert, nach welchen Kriterien der Bund bei der Endlagersuche vorgeht. "90 Teilgebiete kommen deutschlandweit für ein Atommüll-Endlager noch infrage." Wissenschaftlich gesehen, dürfe Bayern laut Eichhorn keine Rolle spielen, weil im Freistaat nur zerklüfteter Granit vorkommt. "Dieser ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht für ein Atommüll-Endlager geeignet", sagt der Leiter der Abteilung "Geologischer Dienst" am LfU.

Politische Aktion gegen Bayern

Das Bundesgesetz aber erlaube auch klüftigen Granit. Ein Umstand, den Eichhorn nicht nachvollziehen kann. Hans Heierth vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz befürchtet, dass es für den Bund kaum eine Rolle spiele, welche Bodenschicht den Atommüll ummantelt: "Es handelt sich um eine politische Aktion, die Bayern bei der Endlager-Suche in den Fokus gerückt hat." Die Sicherheit soll durch Technik gewährleistet werden.

Richard Reisinger, Landrat von Amberg-Sulzbach und Sprecher des Gremiums, verspürt beim Thema Endlagersuche eine Stimmung gegen Bayern. "Wir wollen kein zweites Mal bürgerkriegsähnliche Zustände", bekräftigt deshalb sein Kollege Ebeling als frisch ernannter Anti-Endlager-Koordinator.

Interview mit dem Geologen Harald Dill zur Endlager-Suche

Wackersdorf
Video-Konferenz der Oberpfälzer Landräte und Oberbürgermeister.
Info:

Der Prozess der Endlager-Suche

  • Die mit der Suche beauftragte Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH (BGE mbH) veröffentlichte im September 2020 den Zwischenstand der Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle.
  • Seit Februar 2021 befasst sich die Fachkonferenz Teilgebiete mit dem Bericht.
  • Die Fachkonferenz versteht sich als Online-Plattform, auf der Bürger und Vertreter aus Wissenschaft und Kommunen mit der Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH diskutieren können.
  • Zweiter Beratungstermin 10. bis 12. Juni 2021.
  • Dritter Beratungstermin 5. bis 8. August 2021.
  • Innerhalb eines Monats nach dem letzten Beratungstermin übermittelt die Fachkonferenz Teilgebiete ihre Beratungsergebnisse an die BGE mbH. Diese muss die Ergebnisse bei der Erarbeitung ihres Vorschlags für die übertägig zu erkundenden Standortregionen berücksichtigen.
  • Im weiteren Verlauf der ersten Phase der Endlagersuche muss die BGE mbH die im Zwischenbericht identifizierten Teilgebiete eingrenzen und bestimmte Regionen vorschlagen, die konkret weiter untersucht werden sollen.
  • Bis zum Jahr 2031 soll die Entscheidung fallen.

 

 

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