USA-Kenner: "Trump wird ein schlechter Verlierer sein"

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2012 machte er in den USA Wahlkampf für Barack Obama, heute blickt er mit Sorge auf das Land. Der Amberg-Sulzbacher Michael Mertel über trügerische Umfragen, die "Wunde Trump" und seine Hoffnung auf ein gutes Ende.

Michael Mertel telefonierte 2012 mit unzähligen Wählern und versuchte sie von Barack Obama und den Demokraten zu überzeugen.
von Florian Bindl Kontakt Profil

ONETZ: Herr Mertel, erkennen Sie dieses Land, in dem Sie vor acht Jahren Wahlkampf gemacht haben, jetzt überhaupt wieder?

Michael Mertel : Die USA sind heute ein in hohem Maße gespaltenes Land. Die ersten Risse waren aber auch 2012 schon zu spüren. Trumps Politik hat diese Spaltung weiter verstärkt. Gerade in den Bereichen Bildungssystem, Gesundheitswesen und Politik ist das der Fall. Manche meiner Kommilitonen in Illinois haben vor allem deshalb einen zweiten oder dritten Minijob angenommen, um überhaupt abgesichert und versichert zu sein. Selbst in der Mittelschicht ist es teils so, dass die Leute Angst haben, sich den Fuß zu brechen, weil dann eine fünfstellige Summe ärztlicher Behandlungskosten droht. Das soziale Milieu, die Herkunft und die Ethnie spielen in Zusammenhang mit dieser Spaltung weiter eine große Rolle. In den letzten vier Jahren hat sich nicht nur die allgemeine Stimmung in den USA verschlechtert, sondern auch die Art und Weise der politischen Auseinandersetzung hat sich verändert.

ONETZ: Was meinen Sie damit?

Das lässt sich schwer in Worte fassen. Ich war schockiert, als ich mir die erste TV-Präsidentschaftsdebatte zwischen Trump und Biden angeschaut habe. Da spielten fast nur noch persönliche Anfeindungen – teils auch weiter unter der Gürtellinie – eine Rolle. Trump ist jemand, der es wahnsinnig versteht, seinem Gegner das Wasser abzugraben, indem er überhaupt keine Sachthemen zulässt. Der Präsident der Vereinigten Staaten erfüllt in gewisser Weise immer auch eine Vorbildfunktion. Durch seinen Kommunikationsstil hat Trump massiv zu einer Enttabuisierung in der Politik und allgemeinen Verrohung der Sprache beigetragen. Das schwappt natürlich ins Alltagsleben der Amerikaner. Und besonders die Leute, die gerade in den Wahlkampfteams aktiv sind, tun mir da schon etwas leid.

ONETZ: Im Wahlkampf 2012 haben Sie für Barack Obama an Türen geklopft und mit potenziellen Wählern telefoniert. Was hat Sie dorthin verschlagen?

Ich bin bereits seit meinem 12. oder 13. Lebensjahr politisch stark interessiert. Die USA und ihre Verfassung als Dach, unter dem sich Menschen verschiedenster Herkunft auf der Suche nach weltanschaulicher, politischer und religiöser Freiheit versammelt haben, hat mich in meinem Studium der Politikwissenschaften von vornherein fasziniert.
Vor Ort einmal im Wahlkampf dabei zu sein und den politischen Betrieb am eigenen Leib zu erfahren, war natürlich sehr spannend und ein Lebenstraum für mich. Im August 2012 hat mein Auslandssemester an der Illinois State University begonnen. Die College Democrats, die Nachwuchsorganisation der Demokraten an der Universtität, haben nach Freiwilligen gesucht, die Wahlkampf für Obama machen wollten. Nach dem Kennenlernen wurde ich gleich zu Wahlkampf-Aktionen mitgenommen. Dort habe ich dann riesige Wählerlisten abtelefoniert, mit Wählern gesprochen und versucht, sie von Obama zu überzeugen. Am Ende war ich mit dem Bus in vielen verschiedenen Staaten unterwegs, um Haustür-Wahlkampf zu machen.

ONETZ: Sie machen in Deutschland Politik für die CSU, wären da nicht die Republikaner die naheliegendere politische Partei gewesen? Zumal Mitt Romney im Vergleich zu Donald Trump doch der deutlich gemäßigtere Kandidat war.

Ein Vergleich des politischen Spektrums der USA mit demjenigen der BRD ist nicht so einfach wie es vielleicht scheint. In den USA ist eine ganz andere politische Kultur gewachsen, die sich in einem anderen Verständnis von viele tagespolitische Themen in der Innen- wie auch Außenpolitik niederschlägt. Außerdem haben „Parteien“ in den USA eine ganz andere Funktion. Sie sind keine Institutionen mit so fester Struktur und Organisation wie hierzulande, sondern eher „Wählervereinigungen“, die Kandidatur unter ihrer Flagge geht in die Richtung einer Franchisenahme. Auch würde ich sagen, dass sich ein der Mitte oder dem konservativen Teil der Partei zugehöriger Demokrat durchaus innerhalb der Union verorten ließe, spiegelbildlich ein Unionsmitglied nicht zwingend nur bei den Republikanern.

ONETZ: Wie ist die Stimmung in den USA kurz vor einer Wahl?

Man merkt richtig, welche Anspannung in der Luft liegt und welche Emotionen im Spiel sind. Das politische Grundinteresse und die Bereitschaft, über politische Themen zu diskutieren, ist in den USA außerhalb von Präsidentschaftswahljahren insgesamt eher gering – und plötzlich, vor der Wahl, ist Politik omnipräsent. Im Fernsehen läuft nichts anderes mehr als Wahlkampf-Spots, in den Vorgärten wehen die US-Fahnen, Flugzeuge sind am Himmel, die für einen Kandidaten werben, Plakate in der Stadt. Das Thema überstrahlt alles und hat nochmal eine ganz andere Dimension als in Deutschland. Ich hatte das Gefühl, als bräche vor einer solchen Wahl alles an aus den Amerikanern heraus, was sie sich vorher aufsparen.

ONETZ: Schauen wir auf den aktuellen Wahlkampf. Die meisten Umfragen sehen Joe Biden etwa 10 Prozentpunkte vorne. Gleichzeitig haben wir den Brexit und die US-Wahl 2016 erlebt. Sind die Zahlen wieder trügerisch?

Niemand kann sich zu hundert Prozent sicher sein. Aber dennoch spricht aus meiner Sicht sehr viel für einen Sieg Bidens. Die Ausgangslage ist eine andere als 2016 und das aus drei Gründen. Erstens: Vor vier Jahren dachten viele auch aufgrund der zahlreichen Umfragen, die einen extrem deutlichen Sieg Hillary Clintons voraussagten und der entsprechenden medialen Berichterstattung, das Rennen sei sowieso gelaufen. Um es Bayerisch auszudrücken „a gmahde Wiesn“ für die Demokratin. Trump dagegen sei nur ein TV-Clown, der keine reelle Chance habe. Die Quittung war, dass viele Bürger gar nicht zum Wählen gingen. Das ist jetzt anders. Die Wähler wissen jetzt besser, wie wichtig ihre Stimme ist und dass den Umfragen nicht unbedingt zu trauen ist. Die Demokraten sind in Alarmbereitschaft und bis in die Haarspitzen motiviert - getrieben von der großen Angst eines erneuten Wahlsiegs von Trump. Das wäre für sie eine riesige psychologische Niederlage. Ein Präsident vom Typ Trump ist nicht nur aus ihrer Sicht das schlimmste Schreckgespenst und eine der größten Herausforderungen für die US-amerikanische Demokratie.

ONETZ: Der zweite Punkt?

Biden wird – im Gegensatz zu Hillary Clinton – nicht automatisch dem abgehobenen Washingtoner Partei-Establishment und einer reichen politischen Elite zugerechnet. Er kann als Mann der Mitte, der keinen radikalen Kurs fährt, viele verschiedene Wählergruppen ansprechen und die gesamte Partei hinter sich vereinen, auch die Jungen, Linken, Liberalen.
Und, drittens, haben ihn die Amerikaner noch als Vizepräsident unter Obama im Gedächtnis. Einerseits hat Obama mit seiner Art, die sich maximal von derjenigen Trumps unterscheidet, bei vielen noch ein sehr hohes Standing. Andererseits hat Biden einen sehr guten Job als Vizepräsident gemacht. Einige denken deshalb: Wenn die zwei so gut funktioniert haben, dann kann der Biden so schlecht nicht sein – eine Art legitimer Nachfolger.

ONETZ: Aber die hohen Corona-Fallzahlen oder die Black-Lives-Matter-Bewegung spielen doch sicher auch eine Rolle?

Sicher, die Person Trump hat nicht unbedingt zu einer Beruhigung in diesen Krisensituationen beigetragen. Es hätte eine ordnende, ruhige Hand gebraucht, die vereinigt und nicht spaltet. Das Verhalten Trumps war aber bewusstes Kalkül, um seine Wählergruppen anzusprechen. Mit zweideutigen Aussagen im Graubereich zu rechtsextremen Kreisenund gezielter Rhetorik gegenüber „Wutbürgern“. Ich denke, dass ihm die Black-Lives-Matter-Bewegung deshalb nicht so sehr geschadet hat wie anfangs angenommen. Corona ist eine andere Sache mit neuer Sprengkraft. Da hat er schon erkannt, dass ihm der Laden um die Ohren fliegen kann. So schlimm seine Aussagen etwa zum Virus und seiner Gefährlichkeit waren, das sehr schnelle wirtschaftliche Hilfspaket war eine der wenigen Sachen überhaupt, die Trump nicht schlecht gemacht hat. Ob Trumps Verhalten in den letzten Monaten aber wirklich wichtige Wählerblöcke, etwa Frauen in den Vororten oder gemäßigte Wechselwähler, anspricht, ist schwer zu beurteilen. Wahrscheinlich schaden ihm das mangelnde Gesundheitsmanagement und die hohen Todeszahlen hier schon.

ONETZ: Der US-Kommentator Andrew Sullivan prognostizierte kürzlich einen Erdrutsch-Sieg für Biden und hofft, dass damit die „Wunde Trump“ geschlossen würde. Ist das nicht etwas blauäugig?

Trump hat es in den letzten vier Jahren nicht geschafft, die US-Demokratie auszuhebeln. Aber er hat die Risse in der Gesellschaft vertieft. Wichtige Institutionen wie Gerichte, FBI und andere Behörden haben Schrammen hinnehmen müssen. Das lässt sich nicht in kürzester Zeit komplett umkehren. Die Wunden, die Trump aufgerissen hat, werden die USA wohl noch länger beschäftigen. Dass Trump im Fall einer Wahlniederlage den Versuch starten wird, sein Ausscheiden aus dem Amt zu verhindern, halte ich für realistisch. Trump war ein schlechter Gewinner, er wird auch ein schlechter Verlierer sein. Jedoch halte ich die Institutionen der US-Demokratie für stark genug, diese Nagelprobe zu meistern und hoffe auf ein gutes Ende.

Wie sich die Präsidentschaftswahl auf den US-Truppenabzug auswirken könnte

Vilseck
Haustür-Wahlkampf im Mittleren Westen der USA.
Michael Mertel posiert vor einem Bild von Abraham Lincoln.
Zur Person:

Das ist Michael Mertel

  • 29 Jahre alt, aufgewachsen in Ursulapoppenricht im Landkreis Amberg-Sulzbach
  • Studium der Politikwissenschaft mit Schwerpunkt USA in Passau, später Jura in Regensburg
  • 2012 Auslandssemester an der Illinois State University, Wahlkämpfer für Barack Obama
  • Vier Jahre lang Kreisvorsitzender der Jungen Union in Amberg-Sulzbach
  • Derzeit Rechts-Referendariat in München und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut

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