11.06.2020 - 18:56 Uhr
TirschenreuthDeutschland & Welt

Isoliert im Seniorenheim: Einsamkeit und Kummer

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Keinen oder wenig Kontakt zu Angehörigen zu haben, ist für Bewohner in Seniorenheimen schon belastend genug. Was passiert, wenn aber auch der Austausch unter den Senioren nicht mehr möglich ist? Zwei Leser schildern ihre Situation.

Bewohner von Seniorenheimen leiden besonders unter den Kontaktbeschränkungen in Zeiten der Pandemie. Zwei Leser schildern die Situation ihrer Angehörigen in Heimen in der Region.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Mit drastischen Worten hat sich Leserin K. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) an Oberpfalz-Medien gewandt: "Das kann es doch nicht sein: Ich habe Angst, dass meine Mutter an Kummer und Einsamkeit stirbt und nicht an Corona." Ähnlich schrieb Leser P. (vollständiger Name der Redaktion bekannt): "Meine Mutter baut von Tag zu Tag ab. Sie vergisst Namen und Telefonnummern, die sie vorher auswendig wusste. Dazu bringt sie immer mehr Zusammenhänge, Erinnerungen und Gegebenheiten durcheinander." Was wühlt die besorgten Angehörigen derart auf? Die Mütter von K. und P. sind in Seniorenheimen in der Region untergebracht und vereinsamen nach Auskunft ihrer Kinder zusehends in der Isolation, der sich die 92- und 90-jährigen Senioren im Zuge der Einschränkungen durch die Coronavirus-Pandemie ausgesetzt sehen.

"Als die Heime zu Beginn der Coronakrise noch komplett für Externe geschlossen waren, durften sich die Senioren zumindest im Heim frei bewegen und hatten untereinander Kontakt und einen strukturierten Tagesablauf", schreibt P., dessen Mutter in einem Seniorenheim im Kreis Tirschenreuth wohnt, weiter. Dies hätte sich durch die Lockerungen und die Möglichkeit von Besuchen gravierend geändert. "Zwar ist es schön, seine Mutter nun wieder sehen zu dürfen, doch ansonsten werden die Senioren in ihren Zimmern komplett isoliert: kein gemeinsames Essen oder Zeitunglesen mehr, keine gesellschaftlichen Aktivitäten." Die Senioren sollen so vor einer Infektion geschützt werden. Zwar dürfe P.s Mutter einmal täglich für etwa 30 Minuten auf eine Terrasse an die frische Luft, "aber das war's". Die Mahlzeiten würden vom Personal schnell im Zimmer abgestellt und ebenso fix wieder abgeholt, und die Senioren die restliche Zeit des Tages sich komplett selbst überlassen. "So pervers das klingen mag: Da war die Zeit, als die Heime komplett geschlossen waren, für die Bewohner fast noch akzeptabler, weil zumindest die sozialen Kontakte untereinander gegeben waren", fällt P. ein hartes Urteil.

Vom Personal gegängelt

Leserin K. (aus dem Kreis Tirschenreuth) bringt neben der Vereinsamung noch einen anderen Aspekt vor, der ihr bei Besuchen ihrer Mutter im Seniorenheim im Kreis Bayreuth stört: "Ich fühle mich vom Personal gegängelt. Sie haben mich einmal erwischt, wie ich ganz kurz die Maske abgenommen habe, da meine Mutter mich nicht verstanden hat. Wir saßen mindestens zweieinhalb Meter auseinander. Nun darf ich nicht mehr alleine mit meiner Mutter reden." Zudem sei keine Privatsphäre gegeben, weil der Besuch vom stets anwesenden Personal minutiös überwacht werde und auch andere Bewohner samt Angehöriger im Besucherraum zeitgleich zugegen sind. Im Garten sorgten Trennwände für zusätzliche Verständigungsprobleme. "Meine Mutter ist nur noch am Heulen und sie bekommt nun vom Arzt, auf mein Bitten hin, eine Beruhigungstablette mehr", ist K. verzweifelt.

Landkreis Tirschenreuth bei Seniorenarbeit vorn dabei

Tirschenreuth

Mit den Schreiben der besorgten Angehörigen konfrontiert, widerspricht Martin Weiß, Geschäftsführer beim Sozialteam – Betriebsgesellschaft für Senioren- und Pflegeeinrichtungen Steinwald mbH, dem Träger der Heime in Fuchsmühl, Waldershof und Neusorg: "Eine Isolierung oder Quarantäne von Bewohnern findet derzeit nicht statt. Das bedeutet, dass sich Bewohner in unseren Einrichtungen bewegen können. Bei gemeinsamen Treffen achten wir darauf, dass zwischen den einzelnen Bewohnern ein Mindestabstand eingehalten wird." Zwar seien größere Veranstaltungen und Festivitäten derzeit ausgesetzt, aber "gemeinsame Aktivitäten in Form von Kleingruppen wie die Zeitungsrunde oder Gymnastikgruppe" fänden nach wie vor statt. Nach Weiß' Aussage ist es den Heimbewohnern sogar "immer möglich, das Heim etwa zu Spaziergängen mit Angehörigen zu verlassen".

Tagesablauf grundlegend verändert

Differenzierter schildert Holger Schedl vom BRK-Kreisverband Tirschenreuth die Situation in den Pflegeheimen in Kemnath, Plößberg und Tirschenreuth: "Der Tagesablauf der Bewohner in unseren Häusern hat sich durch die Corona-Pandemie leider grundlegend verändert. Gemeinschaftsräume sind seitdem geschlossen. Die Mahlzeiten werden im eigenen Zimmer zu sich genommen. Gemeinsame Aktivitäten und Betreuungsangebote können seitdem nicht mehr wie gewohnt stattfinden." Die Angebote und Abläufe würden jedoch "umgehend und fortlaufend aktualisiert", sofern dies die staatlichen Vorgaben zuließen. "Inzwischen sind neben der Einzelbetreuung auch wieder Betreuungsangebote in Kleingruppen, sofern es die Abstandsregeln zulassen, möglich", sagte Schedl weiter.

Ein Kommentar zur Situation in Seniorenheimen

Weiden in der Oberpfalz

Besuche seien in allen Häusern nach der fünften Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung geregelt. Das heißt: "Mit Registrierung, Terminvereinbarung, möglichst im Freien, mit Mund-Nase-Schutz und Abstand", wie Annette Zywert vom Caritas-Bezirksverband in Regensburg erläutert. Bislang sei die Resonanz "sehr unterschiedlich. Von sehr wenig bis kein Interesse, bis hin zum Wunsch nach uneingeschränkten Besuchen". Sämtliche Träger von Seniorenheimen verweisen zudem auf die Möglichkeit digitaler Kontakte via Videotelefonie. Konkrete Missstände, wie sie die beiden NT/AZ-Leser beschrieben, seien den Trägern nicht bekannt: "Ob in diesem speziellen Fall ein kausaler Zusammenhang zwischen sich änderndem Gesundheitszustand und eingeschränkten Besuchsrechten hergestellt werden kann, können wir nicht beurteilen", sagt etwa Martin Weiß vom Sozialteam. Der Bezirksverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ließ eine Anfrage unbeantwortet.

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