22.02.2021 - 15:00 Uhr
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Gitarren-Professor aus Teublitz: „Europäischer Jazz hat sich emanzipiert“

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Er gehört zu den renommiertesten Jazz-Gitarristen Deutschlands. Und er stammt aus der Oberpfalz. Seit wenigen Wochen hat Paulo Morello einen besonderen Job. Ein Interview.

Paulo Morello ist nicht nur auf der Bühne ein renommierter Jazz-Gitarrist, sondern auch ein gefragter akademischer Vermittler des Genres.
von Holger Stiegler (STG)Profil

ONETZ: Herzlichen Glückwunsch, Herr Morello: Sie sind seit wenigen Wochen Professor und Leiter des Gitarrendepartment am Jazz-Institut Berlin (JIB). Was sind da Ihre Aufgaben?

Paulo Morello: Ich bin der Professor für Gitarre: Ich sitze mit den Studenten in meinem Büro, in einer One-to-One-Situation. Es geht dann ums Verfeinern der Technik und ums Erweitern des Repertoires der Studenten. Ziel ist es, dass nach dem Studium hochwertige Profimusiker herauskommen. Meine Aufgabe sehe ich darin, das künstlerische Potenzial der Studenten freizulegen, damit jeder den Weg findet, den er gehen möchte.

ONETZ: Was ist das Jazz-Institut Berlin für eine Einrichtung?

Paulo Morello: Das JIB entstand aus einer Kooperation der Hochschule für Musik „Hanns Eisler” Berlin und der Universität der Künste Berlin. Aus den jeweiligen renommierten Jazzabteilungen formte sich ein neues Institut, an dem der Bachelorstudiengang Jazz sowie die Masterstudiengänge Jazz-Arrangement/ - Komposition und der European Jazz Master angeboten werden. Das Institut hat 90 Studierende, darunter zehn Gitarristen.

ONETZ: Sie unterrichten und lehren heute Jazz, in einem Interview vor 15 Jahren haben Sie einmal gesagt, dass für Sie ein Jahr New York effektiver war als vier Jahre Studium in Deutschland.

Paulo Morello: In meinem Fall hat das schon gestimmt. Die Jazz-Pädagogik in den USA gab es dort schon viel länger und die Methodik war einfach ausgereifter. Und: In New York waren und sind natürlich auch die tollsten Lehrer vor Ort. Ich versuche die vielen Inputs aus New York, die ich bekommen habe, jetzt auch als Lehrer umzusetzen. Als ich mit dem Studium in Deutschland Anfang der 90er Jahre begonnen habe, war das alles noch in den Kinderschuhen: Ich gehörte in Mannheim beispielsweise zum ersten Jazz-Studienjahrgang.

ONETZ: Und wie ist die Situation heute: Hat sich das angepasst?

Paulo Morello: Ich weiß nicht, ob man von einem Anpassen sprechen kann. Ich bevorzuge eher den Begriff Weiterentwicklung. Der Europäische Jazz hat sich emanzipiert. Denken Sie beispielsweise an Till Brönner oder an das Esbjörn Svensson Trio (e.s.t.). Es gieren nicht mehr alle nur noch in Richtung USA. Wir haben eine eigene Jazz-Art des Spielens und auch des Unterrichtens entwickelt.

ONETZ: War denn Ihr Weg zum professionellen Jazz-Gitarristen vorgezeichnet?

Paulo Morello: Nein, überhaupt nicht. Nicht einmal der Weg zur Gitarre. Als kleines Kind habe ich mit Geige angefangen. Und dann hatte ich einen Cousin, der spielte in einer coolen Punkrock-Band. Da fand ich Gitarre dann viel besser als Geige und bin umgestiegen.

ONETZ: Und wie kam dann der Jazz?

Paulo Morello: Irgendwann war ich auf einem Konzert von Helmut Nieberle, zuvor wusste ich über Jazz-Gitarre relativ wenig. Ich habe ihn gefragt, ob er mir Unterricht gibt und er hat mich dann in die Welt des Jazz eingeführt. Aber es gab keinen Plan, dass ich das mal beruflich mache. Denn eigentlich hatte ich einen Studienplatz für Medizin in Regensburg. Aber Helmut hat mich darin bestärkt, den musikalischen Weg weiterzugehen. Und ich habe in Nürnberg tatsächlich auch einen Studienplatz bekommen.

ONETZ: Sie sind ja nicht nur ein akademischer Jazzer, sondern waren und sind in vielen Formationen unterwegs. Wie empfinden Sie die aktuelle Corona-Situation?

Paulo Morello: Corona geht mir schon nah. Ich habe gemerkt, als die ganzen Konzerte weggefallen sind, wie sehr mir das eigentlich fehlt. Konzerte zu spielen war bisher eigentlich völlig „normal“ für mich, das war und ist meine Arbeit. Im vergangenen Jahr wurde mir bewusst, dass das eben nicht normal ist und ich dankbar sein darf, Live-Musik für und vor Menschen machen zu können. Im Sommer habe ich mich über jedes Konzert wirklich wie ein Kind gefreut.

ONETZ: Sind Streaming-Auftritte im Internet ein Ersatz für Konzerte?

Paulo Morello: Streaming ist auf alle Fälle besser als gar nicht zu spielen. Denn selbst Streaming-Konzerte machen Spaß. Es ist ein Gefühl, als ob man im Studio sitzt und ein Album aufnimmt. Klar: Am Anfang denkt man sich vielleicht, man spielt ins Leere. Aber das legt sich recht schnell, wenn einem bewusst wird, dass am anderen Ende der Internetleitung Menschen sitzen, die einen zuhören wollen.

Interview mit dem Regensburger Kulturreferenten Wolfgang Dersch

Regensburg

Mehr Informationen zu Paul Morello im Internet:

Hintergrund:

Zur Person: Paulo Morello

  • geboren 1970 in Burglengenfeld als Cornelius Paul Schmidkunz
  • wohnt in Teublitz (Kreis Schwandorf)
  • der Künstlername Paulo Morello hat seinen Ursprung in Brasilien, wo er von den Musikerkollegen „Paulo“ genannt wurde
  • aus dem Nachnamen Schmidkunz wurde dann der Name „Morello“
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