30.09.2020 - 09:40 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Stimmen im Kopf: 21-Jähriger wegen versuchten Mordes vor Gericht

Im Gerichtssaal läuft ein Film mit Horrorszenen. Man sieht zwei Männer, die sich lange unterhalten. Dann zieht einer ein Messer, sticht zu und tritt wie von Sinnen auf sein wehrlos am Boden liegendes Opfer ein.

Auf dem Vorplatz dieser Sparkasse geschah am 3. Februar 2020 die Tat.
von Autor HWOProfil

Vor der Jugendstrafkammer des Amberger Landgerichts sitzt ein 21-Jähriger, dessen Mutter von ihrem Sohn sagt, sie hätte keine Angst vor ihm gehabt. Dann fügt die Frau hinzu: "Aber Sorgen habe ich mir gemacht, dass etwas passieren würde." Am 3. Februar 2020 ist dann in der zweiten Morgenstunde etwas geschehen, das diese unheilvolle Ahnung bestätigte. Der Sohn streifte nachts durch die Stadt Sulzbach-Rosenberg (Kreis Amberg-Sulzbach), um sich in mutmaßlicher Tötungsabsicht jemandem zu nähern. Er hatte ein Messer dabei und stach zu.

Wie eine Art Dokumentation

Es ist 1.27 Uhr an diesem kalten Februarmorgen. Im beleuchteten Vorraum der Sulzbach-Rosenberger Sparkassenfiliale will sich ein Obdachloser sein Nachtlager einrichten. Videokameras haben das aufgezeichnet. Die Sequenzen, nun wie eine Art Dokumentation des Horrorgeschehens im Sitzungssaal vorgeführt, zeigen den 58-Jährigen, wie er zunächst mutterseelenallein von drinnen nach draußen auf den Vorplatz pendelt. Er nimmt auf einem niedrigen Fenstersims Platz und will wohl noch ein Bier trinken, bevor er sich zur Ruhe begibt.

Dann plötzlich erscheint aus dem Dunkel der Nacht eine Gestalt auf dem Gelände vor dem Geldinstitut. Die beiden Leute kommen ins Gespräch, unterhalten sich über viele Minuten hinweg. Dem unerwartet aufgetauchten Mann wird offenbar ein Bier angeboten. Er lehnt ab. Dann entwickelt sich die Szene in einen Kampfplatz, kommt es zum massiven Angriff auf den Wohnsitzlosen. Der sich eben erhebende 58-Jährige erhält zwei Messerstiche. Einer trifft den Bauch, der andere den Rippenbereich.

Überraschender Angriff

Die Attacke des zunächst Unbekannten geht weiter. Sein zu Boden gegangenes Opfer wird mit Tritten malträtiert. Wie von Sinnen holt der Peiniger mit seinen Füßen weit aus und drischt zu. Nach gefühlt drei Minuten lässt er endlich ab und verschwindet. Allerdings nur für kurze Zeit. Dann kehrt der junge Mann zurück und schaut nach, ob der Schwerverletzte noch lebt. Noch einmal setzt es Fußhiebe. Damit ist die unsägliche Episode beendet. Im Gerichtssaal herrscht fassungsloses Entsetzen. Der Obdachlose, von dem der Staatsanwalt sagt, er habe sich in Lebensgefahr befunden, hat den für ihn völlig überraschend kommenden Angriff mit verheilten Blessuren überstanden. Als Zeuge ist er am ersten Prozesstag nicht erschienen.

Doch es gab diesen Videofilm, den die Polizei nicht lange nach der Tat ausgehändigt bekam. Er führte zu einem 21-Jährigen, den die Beamten kannten. Vorrangig deswegen, weil es immer wieder einmal Ermittlungen gegen ihn gab und auch schon Haft gegen ihn verhängt worden war. In seinem Papierkorb lag ein Messer mit abgebrochener Klinge. "Hat er wirklich Stiche?", soll er gefragt haben. Dann wollte der 21-Jährige wissen: "Und was ist mit seinem Kopf?"

Angeklagter schweigt

Nur seine Personalien hat der Beschuldigte bisher dem Vorsitzenden Richter Harald Riedl mitgeteilt. Ansonsten ist er schweigsam und lässt seinen Anwalt Georg Karl (Regensburg) reden. Die Jugendkammer weiß unterdessen, dass der 21-Jährige offenbar an einer schizophrenen Erkrankung leidet. "Mein Sohn hört Stimmen", hat seine Mutter mitgeteilt. Mehrfach war er unterdessen bei Fachärzten, wurde auch im Bezirkskrankenhaus behandelt. Momentan ist der junge Mann mit Unterbringungsbefehl in der Regensburger Psychiatrie einquartiert. Bei ihm soll auch der übermäßige Konsum berauschender Mittel festgestellt worden sein.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Sulzbach-Rosenberger versuchten Mord vor. Begangen in heimtückischer Absicht und, wie Anklagevertreter Holger Bluhm hinzufügte, "im Zustand der Schuldunfähigkeit". Deswegen möchte die Ermittlungsbehörde auch seine dauerhafte Einweisung in die Forensik. Weil sich, wie sie befürchtet, weitere erhebliche Straftaten ereignen könnten. Der Prozess wird fortgesetzt.

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