06.08.2020 - 13:11 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

Literaturarchiv öffnet wieder: Corona-Betrieb und Bauarbeiten

Günter Grass´ "Pariser Koffer", das Sofa von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Richters "Gruppe 47"-Tisch warten im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg wieder auf Besucher. In den Sommerferien ist der Eintritt zur Dauerausstellung frei.

Der "Pariser Koffer" des Nobelpreisträger Günter Grass ist endlich wieder zu besichtigen.
von Anke SchäferProfil
Auch der berühmte "Gruppe 47"-Tisch aus der Berliner Wohnung Hans-Werner Richters kann wieder in Augenschein genommen werden.
Michael Peter Hehl, wissenschaftlicher Leiter des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg.

Für den einzigartigen Hort der deutschsprachigen Literatur nach 1945 wäre der Corona-Lockdown allein schon schlimm genug gewesen. Zusätzlich erschweren aber noch so notwendige wie langwierige Umbauarbeiten im ehemaligen Amtsgericht den Museums-, Veranstaltungs- und Forschungsbetrieb. Wie man sich zwischenzeitlich mit den neuen Gegebenheiten arrangiert hat und wie es im Herbst weitergeht, berichtet der wissenschaftliche Leiter Michael Peter Hehl im Interview:

ONETZ: Herr Hehl, wie groß ist die Erleichterung, das Literaturarchiv, wenn auch in kleiner Form, endlich wieder für Besucher öffnen zu können?

Michael Peter Hehl: Die Erleichterung war natürlich groß, zumal wir bereits im Mai für eine Wiedereröffnung gerüstet waren. Leider mussten wir diese aber verschieben, da in unserem Haus eine neue Brandmeldeanlage installiert wurde. Die Bauarbeiten und der Museumsbetrieb unter Corona-Bedingungen ließen sich nicht miteinander vereinbaren.

ONETZ: Und wie ist es um die Besucher-Resonanz nach den ersten Tagen bestellt?

Michael Peter Hehl: Einzelbesucher können sich wie bisher unsere Dauerausstellung ansehen und tun dies wie vor der Pandemie. Es ist allerdings ratsam, sich vorher anzumelden, da noch letzte Bauarbeiten durchgeführt werden müssen und nicht durchgehend alles gleichermaßen zugänglich ist. Unsere geplante Sonderausstellung zu Hermann Hesse mussten wir in den Herbst verschieben und hoffen dann wieder auf mehr Zulauf. Für den Archivbereich, den ich betreue, gilt allerdings ein eigenes Hygienekonzept: Die Nutzung unserer Archivalien für wissenschaftliche Zwecke ist schon seit Mai wieder möglich. Für die kommenden Wochen haben sich Nutzer aus Berlin und Hannover angemeldet.

ONETZ: Die Wiedereröffnung der Dauerausstellung steht unter Maßgabe der Corona-Auflagen für die bayerischen Museen. Gab es staatlicherseits bereits ein fertiges Hygienekonzept oder war Eigeninitiative bei der konkreten Umsetzung gefragt?

Michael Peter Hehl: Nein, das Konzept mussten wir für unser Haus selbst erarbeiten. Die Auflagen für die bayerischen Museen haben hierbei lediglich die Rahmenbedingungen vorgegeben, die wir bezogen auf die jeweiligen Bedingungen unserer Räume ‚ausbuchstabiert‘ haben.

ONETZ: Hat die monatelange Zwangspause im Museumsbereich auch wirtschaftliche Spuren hinterlassen?

Michael Peter Hehl: Wir haben das besondere Privileg, eine aus öffentlichen Mitteln finanzierte Bildungs- und Kulturinstitution zu sein, die nicht im selben Maße gewinnorientiert arbeiten muss wie Privatunternehmen. Die Einbuße an Einnahmen war deshalb leichter verschmerzbar. Bei uns wurde auch niemand in Kurzarbeit geschickt. Die wirtschaftliche Situation des Literaturhauses ist weiterhin stabil. Die eigentlichen Leidtragenden dieser Situation sind die Kulturschaffenden selbst, denen eine Haupteinnahmequelle fehlt.

ONETZ: Wie hat sich die Corona-Situation auf das Literaturhaus Oberpfalz im Ganzen ausgewirkt?

Michael Peter Hehl: Im öffentlichen Kulturwesen herrscht seit März eine erhöhte Sensibilität für die Bedeutung und Aufgaben von Kultur im Ganzen. Selbstverständlichkeiten mussten hinterfragt und überdacht werden, nicht nur bei uns, sondern in allen kulturellen Institutionen. Der Publikumsverkehr fehlt uns sehr und wir wollen so schnell, wie es die Bedingungen zulassen, wieder ein Haus für Lesungen, Tagungen und Begegnungen sein.

ONETZ: Sind Sie zuversichtlich, am 24. September die Sonderausstellung „Ein Panzer gegen die hässliche Zeit. Hermann Hesses ,Glasperlenspiel' im Dritten Reich“ eröffnen zu können?

Michael Peter Hehl: Die Ausstellung wird ganz sicher eröffnet, allerdings werden keine Ausstellungsführungen in größeren Gruppen möglich sein. Im kleinen Rahmen wird es gehen, dann allerdings mit Mund-Nase-Schutz und Sicherheitsabstand. Es wird außerdem eine ‚stille Eröffnung‘ ohne Vernissage sein. Dafür planen wir die Ausstellung bis Anfang 2021 zu zeigen und mit einer schönen Finissage abzuschließen.

ONETZ: Am 15. September soll es auch wieder losgehen mit Lesungen. Auf welche neuen Rahmenbedingungen müssen sich die Zuhörer von Ingo Schulze beim Abend im Capitol einstellen?

Michael Peter Hehl: Das Capitol ist zum Glück groß genug, um die Einhaltung der allgemeinen Hygienerichtlinien zu gewährleisten. Hier müssen sich die Besucher auf dieselben Bedingungen einstellen, die auch für andere Veranstaltungsorte gelten: Sicherheitsabstand, Anmeldung mit Datenerfassung und Eintritt nur mit Mund-Nase-Schutz.

ONETZ: Auch die auf 26. Januar 2021 verschobene Lesung mit Lutz Seiler, dem diesjährigen Preisträger der Leipziger Buchmesse, soll im Capitol stattfinden. Hat das Literaturhaus Oberpfalz bis auf weiteres ausgedient als Ort für Abendveranstaltungen?

Michael Peter Hehl: Unter den zurzeit geltenden Hygienebedingungen sind Abendveranstaltungen im alten Amtsgericht nicht möglich, wir würden maximal zwölf Besucher in unserem Veranstaltungsraum unterbringen, das wäre doch zu exklusiv. Ein Normalbetrieb im Haus wird erst bei weiteren Lockerungen der Fall sein, die möglicherweise erst mit dem Ende der Pandemie kommen werden.

Info:

Zur Dauerausstellung

Die Dauerausstellung zur deutschsprachigen Literatur nach 1945 ist jeweils von Dienstag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr geöffnet. Eine Voranmeldung per Email (info[at]literaturarchiv[dot]de) oder telefonisch (09661/8159590) ist ebenso erforderlich wie die Angabe der Kontaktdaten. Der Zugang ist auf zehn Besucher begrenzt, es gelten die allgemeinen Abstands-, Hygiene- und Schutzregeln. Der Eintritt ist bis zum Ende der Sommerferien frei.

Weitere Informationen zum Literaturarchiv:

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