04.01.2019 - 09:01 Uhr
Sulzbach-RosenbergDeutschland & Welt

"Es ist keine Schande, an Depression zu erkranken"

Dominik Pentner leidet an Depression. Nach fünf Jahren hat er seine Krankheit im Griff. Jetzt möchte er anderen Mut machen - und aufrütteln. Denn er wünscht sich mehr Aufklärung.

Symbolbild.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

"Depression ist eine Krankheit - wie jede andere Erkrankung." Dominik Pentner weiß, wovon er spricht. Er leidet an Depression und Zwangsstörungen. Der 30-Jährige ist gelernter Bäcker, seit dem Zivildienst ist er Pfleger im Altenheim. Zusammen mit seiner Freundin Nicole wohnt Dominik in Sulzbach-Rosenberg.

Blickt er in die Zukunft, wünscht er sich, dass die Gesellschaft respektvoller mit der Krankheit umgeht. "Es ist keine Schande, an Depression zu erkranken." Er müsse das so deutlich sagen, weil man als psychisch Kranker oft das Gefühl vermittelt bekomme, man gehöre geächtet. "Als hätte man eine ansteckende Krankheit." Erkrankte würden als "Psycho" beschimpft, ihnen werde vorgeworfen, sie seien zu faul zum Arbeiten. "Man ist wie gefangen", erklärt der 30-Jährige. Einfach aufstehen und weitermachen sei unmöglich.

Es fällt ihm schwer, über manche Erinnerungen zu sprechen. Er tut es trotzdem. Denn jetzt, wo er seine Krankheit im Griff hat, möchte er anderen Betroffenen Mut machen. Und zwar nicht mit leeren Floskeln wie: "Hab dich nicht so, das wird schon wieder" - wie er sie selbst nicht mehr hören kann; sondern mit seiner Geschichte.

Ein schwarzer Tunnel

Angefangen hatte alles vor fünf Jahren: "Ich bin oft bis spätnachmittags im Bett gelegen, habe kein Interesse mehr an meinem sozialen Umfeld gezeigt." Dominik fehlte schlicht die Kraft, etwas zu unternehmen. "Das war wie ein schwarzer Tunnel, ein tiefes, schwarzes Loch - und nirgendwo ein Licht. Auch Farbe hatte das Leben keine mehr."

Das war 2014. Er selbst, erinnert er sich, wollte die Krankheit anfangs nicht wahrhaben. Seine Freundin war der Grund, weshalb er schließlich zum Arzt ging. Nach acht Wochen - und zunächst zum Hausarzt. Auf einen Termin beim Psychiater musste er sieben Wochen warten - danach dauerte es weitere drei Monate, bis er einen stationären Behandlungsplatz bekam. "Die Wartelisten sind lang. Man verzweifelt, während man auf Hilfe wartet", sagt der 30-Jährige. "Daher möchte ich auch an die Politiker appellieren, damit sie endlich etwas tun, um diese verzwickte Situation zu entschärfen."

Unerträgliche Qualen

2016, zwei Jahre nach der Erstdiagnose. Seine Gedanken kreisen immer wieder um ein Thema: Suizid. "Ich war wie gefangen in meinem Körper", erinnert er sich. "Die Qualen waren unerträglich." Er hatte Zwangsstörungen entwickelt, war täglich drei Stunden damit beschäftigt, zu überprüfen, ob die Wohnungstür zu, der Ofen aus und das Auto abgeschlossen ist. "Drei Stunden wertvolle Lebenszeit", sagt er heute.

Eine schwere Zeit - unter anderem, weil viele seiner Freunde ihm bereits den Rücken gekehrt hatten. "Sie konnten nicht verstehen, wieso ich so bin." Erzählt hat er ihnen damals nicht von der Krankheit. "Ich konnte nicht." Er vertraute sich nur seiner Freundin Nicole an. "Dass ich tatsächlich Hilfe gebraucht habe, habe ich erst spät selbst eingesehen", sagt er rückblickend. "Ohne Nicoles Unterstützung hätte ich nicht aus diesem Teufelskreis herausgefunden, hätte nicht die Kraft gehabt, es mit der Krankheit aufzunehmen." Und er ergänzt: "Da wäre ich heute nicht mehr am Leben."

Wie am Fließband

Betroffenen rät Dominik: "Vertraut euch euren engsten, liebsten Menschen an, wenn ihr selbst keine Kraft dazu habt, euch Hilfe zu holen." Es gibt Möglichkeiten, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, sagt er. Unterstützung bekam er damals von Ärzten der Amberger Medbo. "Die haben sich viel Zeit für mich genommen." Anderswo dagegen kam er sich vor wie ein Gegenstand auf dem Fließband, der abgefertigt wird. Lebhaft erinnert er sich zum Beispiel an einen Arzt, der ihm immer wieder Tabletten verordnete, die nichts geholfen hatten. "Trotzdem hat er sie fleißig weiter verschrieben."

"Freude am Leben" erschien Dominik lange wie ein Fremdwort. "Heute gehe ich oft im Wald spazieren, das hilft mir sehr." Auch Achtsamkeitstraining praktiziert er, damit schärft er seine Wahrnehmung und versucht, Stress zu reduzieren. Er weiß: Das bewusste Leben mit allen Sinnen wird oft vernachlässigt. "In unserer Leistungsgesellschaft wird alles immer hektischer - das kann auch dazu beitragen, dass man unvermittelt in solch ein Loch stürzt." Auch heute noch unterstützt ihn die Medbo beim Thema Medikamente. Außerdem besucht er einen Psycho- und einen Ergotherapeuten. "Das hilft mir sehr dabei, wieder ins normale Leben zurückzufinden." Bei Gedächtnistraining oder Basteln kann der 30-Jährige abschalten. "Das bringt mich auf andere Gedanken."

Dominik hat es geschafft: Er geht wieder zur Arbeit, pflegt seine Freundschaften, tauscht sich in Selbsthilfe-Gruppen und über soziale Medien mit anderen Betroffenen aus. Jetzt hilft es ihm, über die Krankheit zu sprechen. Der 30-Jährige ist stolz: "Früher hat mich die Depression bestimmt - heute bestimme ich sie." Er wünscht sich eine komplexere Aufklärung über die Krankheit. Breite Kenntnis würde schließlich nicht nur dem Betroffenen selbst helfen, sondern auch den Umgang mit Erkrankten erleichtern. Das Thema Suizid dürfe nicht in der Versenkung verschwinden. Wirkliche Hilfe müsse her, im Klartext also: Genügend Fachärzte, schnelle und bedarfsorientiere Terminvergabe. Dominik mahnt: "Erst wenn sich der Betroffene spürt, dass er mit seinem Leid nicht mehr allein ist, dann können wir vom ersten Schritt einer gelungenen Suizidprävention sprechen - nur dann!"

Ihr wollt reden? Ihr braucht Hilfe?

Amberg

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Susanne Luth

Applaus für Herrn Pentner für diesen Beitrag.
Jeder kann morgen schon betroffen sein und da die Krankheit schleichend kommen kann, ist es für Betroffene schwierig einzuordnen, was mit einem selbst los ist.
Weiterhin alles Gute an Herrn Pentner.

06.01.2019