04.08.2020 - 16:17 Uhr
StörnsteinDeutschland & Welt

Lockere Radmuttern: Schon 14 Fälle in der nördlichen Oberpfalz

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Der Fall eines Störnsteiners, bei dem sich auf dem Weg zur Arbeit das linke Vorderrad seines Wagens gelöst hat, ist nur der jüngste einer ganzen Serie im Jahr 2020. Die Polizei ist gewarnt, doch nicht immer muss Manipulation vorliegen.

Kfz-Sachverständige empfehlen, das Reifenwechseln den Experten in Werkstätten zu überlassen und nicht selbst Hand anzulegen.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Da kann einem Autofahrer ganz schnell himmelangst und bange werden: Ein 35-jähriger Störnsteiner (Kreis Neustadt/WN) stieg am Morgen in sein Auto und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Schon nach 300 Metern aber löste sich das linke Vorderrad. Der Fahrer blieb glücklicherweise unverletzt, am Fahrzeug entstand ein Schaden von etwa 5000 Euro. In der Werkstatt folgte schnell der nächste Schock des Tages: "Am Reifen wurde vermutlich manipuliert, da er alle fünf Radmuttern gleichzeitig verloren hatte", heißt es im Bericht der Polizeiinspektion Neustadt/WN. In der Nacht vor dem Unfall war das Auto vor dem Haus des Störnsteiners geparkt. Daher hat die Polizei Neustadt/WN Ermittlungen wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr aufgenommen. Da der Geschädigte bei der Feuerwehr in seinem Wohnort aktiv ist, posteten seine Kameraden auf der Facebook-Seite der Wehr ein Foto des Unfallwagens mit dem markanten Hinweis: "Es wurden mittlerweile auch noch weitere Radbolzen in Störnstein gefunden, welche allerdings nicht zu diesem Fahrzeug gehören." Da unter dem Beitrag mehrere Nutzer von ähnlichen Vorfällen in der Region berichteten und Beweisfotos hochluden, stellt sich die Frage: Treibt im Landkreis Neustadt/WN ein mysteriöser Bolzenlöser sein Unwesen?

14 Fälle in 9 Orten

"In der Tat haben wir seit Januar im Bereich Weiden, Neustadt, Tirschenreuth, Waldsassen, Vohenstrauß und Eschenbach 14 Fälle gelöster oder gelockerter Radmuttern registriert. Dabei wurde eine Person leicht verletzt, und es entstand ein Schaden von knapp 20 000 Euro", sagte Polizeioberkommissar Alexander Franz aus Neustadt/WN gegenüber Oberpfalz-Medien. Die Tatorte sind dabei breit gestreut: Weiden (3 Fälle), Waldsassen, Windischeschenbach, Eslarn (je 2) sowie Störnstein, Neustadt/Kulm, Luhe-Wildenau, Weiherhammer und Freihung (je 1). Dass zwischen all diesen Fällen ein Zusammenhang besteht, hält Franz für relativ unwahrscheinlich. "In manchen Fällen, wenn etwa nur eine oder zwei Muttern locker waren, handelt es sich möglicherweise auch um Montagefehler beim Reifenwechsel. Wenn sich allerdings – wie nun aktuell in Störnstein – alle fünf Muttern lösen, ist das nicht üblich. Da ist ein Eingriff von außen schon wahrscheinlich." Durch den öffentlichen Aufruf nach Zeugen erhoffen sich die Ermittler neue Erkenntnisse, "auch wenn es schwierig wird, wenn wir den oder die Täter nicht auf frischer Tat ertappen". Franz hofft im Zuge der Ermittlungen etwa auf Blutspuren von möglichen Verletzungen bei der Demontage der Radmuttern.

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Schmidgaden

Für Polizeihauptkommissar Achim Kuchenbecker von der Inspektion Amberg ist der vordere, linke Reifen ohnehin der Problemreifen schlechthin an einem Auto. "Der Reifen dreht sich entgegen der Öffnungsrichtung der Radmuttern. Wenn da der Laie nicht den richtigen Drehmomentschlüssel benutzt, oder die Werkstatt auf ‚schnell, schnell‘ macht, kann sich schnell eine Mutter lösen." Deshalb haben lockere Radmuttern vorne links für Kuchenbecker in 99 Prozent der Fälle "technische Ursachen". Von Vorsatz würde der Amberger Polizist erst sprechen, wenn alle vier Reifen auf einmal betroffen wären.

Wenn sich allerdings – wie nun aktuell in Störnstein – alle fünf Muttern lösen, ist das nicht üblich. Da ist ein Eingriff von außen schon wahrscheinlich.

Polizeioberkommissar Alexander Franz (Neustadt/WN)

Dabei verweist Kuchenbecker auf ein Gutachten eines Kfz-Sachverständigen aus dem Jahr 2014, das Staatsanwaltschaften im Bereich des Polizeipräsidiums Niederbayern in Auftrag gegeben hatten. Darin heißt es unter anderem: "In der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle kommt der Sachverständige zu dem Ergebnis, dass technische Ursachen zur Lockerung der Radmuttern/-schrauben geführt haben." Die Liste möglicher Bedienungsfehler beinhaltet unter anderem, "dass die Räder beim Wechseln nicht mit der erforderlichen Sorgfalt festgezogen werden, kein Drehmomentschlüssel zur Anwendung kommt, fälschlicherweise Fette und Öle verwendet werden oder ein Zusammenhang mit fehlerhaftem Bremsscheibenwechsel besteht". Für Polizeihauptkommissar Kuchenbecker nimmt eine bewusste Manipulation an den Reifen "ausreichend Zeit" in Anspruch und ist mit "auffälligen Geräuschen" verbunden. "Das macht einen externen Eingriff in den meisten Fällen unwahrscheinlich."

Werkstatt kann sich Schlampereien nicht erlauben

Christian Gebert vom TÜV Süd in Weiden entgegnet der Kuchenbecker-Theorie: "Das würde ich blind so nicht unterschreiben." Oftmals hätte schon eine minimale Umdrehung von 45 Grad "eine Wunderwirkung zur Folge". Er erlebe jeden Tag, "dass nicht jeder ein Monteur ist. Aber eine Werkstatt kann sich derartige Schlampereien nicht erlauben". Einschränkend fügte Gebert aber an: "Wer befolgt die Werkstatt-Empfehlung, die Reifen nach 50 bis 100 gefahrenen Kilometern nach dem Wechseln, wirklich? Ich glaube, nicht viele." Egal, ob Manipulation oder fehlerhafte Montage: Für die Polizei in Neustadt/WN liegt viel Ermittlungsarbeit auf dem Schreibtisch, damit sich derartige unübliche Fälle wie zuletzt in Störnstein nicht mehr wiederholen.

Etwa 70 Fälle auch in Nordschwaben

Auch außerhalb unseres Verbreitungsgebietes warnt die Polizei Autofahrer vor gelockerten Radmuttern. Rund 70 Vorfälle seien seit Beginn des Jahres allein bei der Polizei in Nordschwaben angezeigt worden, teilte Sprecher Michael Jakob auf dpa-Anfrage mit. In den vergangenen Monaten seien ungewöhnlich viele Fälle aufgetreten, besonders in den Landkreisen Donau-Ries und Dillingen. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Radmuttern zumeist vorsätzlich manipuliert wurden. „Wir haben es hier mit keinem Spaß- oder Kavaliersdelikt zu tun“, betonte Jakob. In Donauwörth (Landkreis Donau-Ries) hatte ein noch unbekannter Täter vergangene Woche die Radmuttern am Auto eines 18-Jährigen gelockert. Dem Fahrer fiel erst während der Fahrt auf, dass sein Auto vibrierte.

Wer befolgt die Werkstatt-Empfehlung, die Reifen nach 50 bis 100 gefahrenen Kilometern nach dem Wechseln nachzuziehen, wirklich? Ich glaube, nicht viele.

Christian Gebert vom TÜV Süd in Weiden

Auch bei einem Auto in Rain wurden Mitte Juli vier Radmuttern gelockert. Der 52-jährige Fahrer habe während der Fahrt verdächtige Geräusche bemerkt, wie die Polizei mitteilte. In Oberleichtersbach (Landkreis Bad Kissingen) löste vergangene Woche ein noch unbekannter Täter die Radmuttern an einem Fahrschulauto. In Hof in Oberfranken begann das Auto eines 27-Jährigen während der Fahrt zu wackeln. Auch hier waren gelockerte Radmuttern der Grund. Laut dem Psychologen Engelbert Fuchtmann von der Hochschule München gibt es verschiedene mögliche Hintergründe und Motive für solche Taten. Auslöser könnten unter anderem sogenannte Wutimpulse aufgrund von Frustration sein. Aber auch Langeweile oder Imponiergehabe vor Freunden könnten zu solchen Taten führen.

Mit diesem Facebook-Post machte die Feuerwehr Störnstein auf den Unfall ihres Kameraden aufgrund lockerer Radmuttern aufmerksam. Darunter kommentierten einige User, denen ähnliches widerfahren ist.
Hintergrund:

Das ist beim Reifenwechsel zu beachten

Die Kfz-Sachverständigen von TÜV Süd, Dekra sowie der Polizei empfehlen, dass Reifen beim Fachbetrieb gewechselt werden. Wer dennoch lieber in Eigenregie wechselt, sollte folgende Ratschläge beherzigen:

  • Bedienungsanleitung der Fahrzeughersteller beachten. Dort können die vorgeschriebenen Drehmomente entnommen werden.
  • Bei Sonderrädern sowie bei Winter- und Sommerreifen sind oft unterschiedliche Radschrauben und -muttern zu verwenden.
  • Radschrauben müssen frei von Korrosion, Schmutz und Fett sein. Auch die Anlageflächen müssen mitunter gereinigt werden.
  • Das Einfetten der Radschrauben oder Anlageflächen ist nicht erforderlich, kann mitunter sogar gefährlich werden, weil sich Räder dadurch selbstständig lösen können.
  • Nach 50 bis 100 Kilometern nach dem Reifenwechsel muss der Anzugsdrehmoment an den Schrauben und Muttern nochmals überprüft werden.
  • Es wird empfohlen, den Anzugsdrehmoment in turnusmäßigen Abständen, wie etwa den Reifendruck, zu überprüfen.
  • Verkehrsteilnehmer sollten grundsätzlich vor jeder Fahrt ihr Fahrzeug auf Beschädigungen und lockere Radmuttern untersuchen. Wenn während der Fahrt ungewohnte, klackende Geräusche auftreten oder die Lenkung eingeschränkt ist, sollten Autofahrer sofort anhalten.

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