07.06.2020 - 17:57 Uhr
SchwandorfDeutschland & Welt

Corona verursacht Ebbe und Flut: Klopapier bis zur Decke

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War da mal was? Vor ein paar Wochen das große Thema: Ebbe im Toilettenpapier-Regal. Heute eher das Gegenteil: "In den Zentrallagern stapelt sich das Klopapier bis unter die Decke", sagt ein Regensburger Lkw-Fahrer.

Ein Angestellter fährt mit einem mit Toilettenpapier bepackten Gabelstapler durch das Zentrallager Rewe Süd zum Verladeterminal.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Anders als Otto Normalverbraucher kann der systemrelevante Lkw-Fahrer Herbert G. (Name von der Redaktion verändert) einen Blick hinter die Kulissen der Konsumgesellschaft werfen: "Im Netto-Zentrallager in Ponholz wissen sie nicht mehr wohin mit dem Klopapier", sagt der Regensburger. Der Discounter ist nicht allein mit dem temporären Problem: "Auch die Zentrallager von Edeka oder Lidl in Straubing platzen aus allen Nähten", berichtet der 67-Jährige von seinen Beobachtungen.

Geplatzte Tüten in Straubing

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Weiden in der Oberpfalz

Im wahrsten Sinn des Wortes: "Neulich ist ein Lagerist in Straubing gegen einen Stapel gefahren, überall kugelten Rollen aus den geplatzten Tüten." Und das sei nicht nur beim sensiblen Sanitätsprodukt so: "Bei Nudeln und Reis ist es ähnlich", sagt G.. Wie aber kommt es zu Ebbe und Flut bei diesen Produkten des alltäglichen Lebens? "Wenn ein Einkäufer Lunte riecht, kauft der ein", beschreibt der alte Logistik-Hase die Marktmechanismen. "Der sahnt eine Provision ab wie nie."

Nachdem sich aber nach anfänglichen Hamsterkäufen die Lage wieder beruhigte, liefen automatisch die Lager voll. Umgekehrt kämen manche Molkereien immer noch nicht hinterher, die gestiegene Nachfrage aus ganz Europa zu bedienen: "Bechtl in Schwarzenfeld hat einen riesigen Parkplatz mit 20 Verladerampen, von denen 3 Millionen Liter Milch pro Tag rausgehen", erzählt der Fahrer. "Dort ist jetzt kaum was los, in dem gigantischen Lager für 2000 Tonnen Milch ist alles leer, kein Käse, kein Joghurt." Österreicher, Schweizer und Italiener hätten mangels eigener Produkte ihre Milch bei Bechtl geholt.

Zu Feinkostläden nach Hamburg

Selbst eine mittelgroße Molkerei wie Andechs habe täglich eine halbe Million Liter nach halb Europa exportiert. Vom Europa-Zentrallager von Dennree in Töpen seien sonst etwa 17 Lkw zu den Feinkostläden nach Hamburg gestartet. "In den Corona-Hochzeiten waren es dann 70 Lkw." In der firmeneigenen Recyclinganlage würden täglich 1000 Tonnen Müll pro Tag verarbeitet, gesammelt, gebündelt und recycelt: "In drei Schichten, da arbeiten fast nur Pendler aus Tschechien." Die Spedition seines Arbeitgebers sei gut damit ausgelastet nicht verkaufte Ware von Tedi, Woolworth und Kick zurück nach Dortmund zu fahren: "Das ganze Zeug kommt dick verpackt aus China mit Containern."

Niemand kennt sich mit der Automatisierung von Lagern besser aus, als das Parksteiner Logistik Unternehmen Witron. "An uns lag es sicher nicht", sagt Firmensprecher Christian Skiefe zum zwischenzeitlichen Nachschubproblem beim Toilettenpapier."Das lässt sich nicht automatisch kommissionieren", erklärt der Absolvent der OTH Amberg-Weiden. "Die Automatisierung setzt feste Stammdaten voraus", erklärt der Sprecher des Weltmarktführers, "also eine feste Höhe, Länge und Breite." Das funktioniere nur bei festen Verpackungen: "Ein weiches Klopapiergebinde ist mal einen Zentimeter größer oder kleiner, weil es gequetscht wird."

Konsument als Schwachstelle

Die Schwachstelle im Systems sei der Konsument: "Wenn der Kunde viermal so viel kauft, muss der Hersteller viermal so viel produzieren, braucht die vierfache Menge an Lastwagen." Die Engstelle sei die Lieferkette. "Wenn der Konsument viermal so viel Lippenstift will, geht's noch", sagt Skiefe, "aber Toilettenpapier hat Volumen." Automatisierung hin oder her: "Die Bestellung des Supermarktes läuft im Logistikzentrum auf - dass das Klopapier nach einer Stunde weg ist, kann keiner im Voraus kalkulieren."

„Jetzt verkaufen wir das Toilettenpapier von unseren Nachbarn“ stand auf einem Hinweis im Rewe Einkaufsmarkt Schmitz.
Automatisierte Lagerhaltung:

Weltmarktführer Witron optimiert Lieferketten

Der Automatisierungsgrad gerade in der Lebensmittelbranche sei inzwischen „hoch bis sehr hoch“, sagt Witrons Firmensprecher Christian Skiefe. „Ein Kommissionierer hebt in einer Schicht im manuellen Lager 10 bis 12 Tonnen Last pro Schicht“, erklärt Sliefe, „das ist extrem unergonomisch, extrem unbeliebt.“ Deshalb stellten immer mehr Einzelhändler um. „Wir stellen je nach Anforderung eine Box mit unterschiedlichen technischen Komponenten zur Verfügung“, sagt der Sprecher des Parksteiner Weltmarktführers. „Die Kiste ist möglich gut vernetzt mit seinem Warenwirtschaftssystem, seiner Tourenplanung. „Wir machen in Zusammenarbeit mit den Märkten alles, damit die Lieferketten funktionieren.“ Auch Peaks wie zu Coronazeiten seien Witron nicht fremd. „Das ist wie Weihnachten oder Ostern, nur dass das jetzt Dauerzustände sind.“ Seit Mitte Februar liefen die Systeme auf Hochtouren: „Wir bekommen viel positives Feedback, dass die Technologie das durchhält.“

In konventionellen Lagern brauche man bei solchen Ausnahmezuständen dreimal so viele Menschen im Lager, die jeden Tag rund um die Uhr zur Verfügung stünden. „Da sind unsere Kunden sehr happy, weil man mit einer Stammmannschaft ein Lager ferngesteuert auf Höchstleistung fahren kann.“ Nach Schweden liefert Witron gerade die Hardware für ein Omnichannel-Logistikzentrum der Zukunft: „Der Konsument bekommt dann seine Bestellung an die Haustür geliefert.“

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