14.10.2020 - 09:00 Uhr
SchirmitzDeutschland & Welt

"Krebsgeschwür": Solarpreisträger aus Schirmitz gegen Solarparks

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Der Schirmitzer Fritz-Dieter Doenitz gilt als Pionier der Solaranergie. In der Diskussion um PV-Freiflächenanlagen in der Region stellt er sich auf die Seite der Solarpark-Gegner - mit Argumenten, Alternativen und einem bösen Vergleich.

Prof. Fritz-Dieter Doenitz in seinem Wohnzimmer in Schirmitz mit jeder Menge Unterlagen, mit denen er gegen Solarparks in Bayern argumentiert.
von Julian Trager Kontakt Profil

Die Diskussionen um Solarparks in der Region reißen nicht ab. In Schmidmühlen (Kreis Amberg-Sulzbach) ist eine geplante Photovoltaikanlage wieder vom Tisch, unter anderem weil es aus der Bevölkerung erheblichen Gegenwind gab. In Köfering (Kreis Amberg-Sulzbach) und in Fensterbach (Kreis Schwandorf) - nur zwei weitere Beispiele - wird derzeit fleißig diskutiert über Sinn und Unsinn der PV-Freiflächenanlagen.

Prof. Fritz-Dieter Doenitz begrüßt die Debatten - weil er von Solarparks nichts hält, zumindest nicht auf Äckern in Deutschland. "Ich halte Freiflächenanlagen für unnötig", sagt er. "Da wird die Landschaft ohne jedes Nachdenken belastet." Gegen die Photovoltaik an sich kann er nichts sagen, im Gegenteil: "Das ist eine geniale Technik. Es ist eine geniale Idee, Sonnenstrahlung direkt in Strom umzuwandeln", sagt der Deutsche Solarpreisträger von 2004, der sich seit mehr als 25 Jahren mit Solarenergie beschäftigt.

Es spreche vieles für Photovoltaik, "aber ich sehe nicht ein, dass wir dafür die Natur verschandeln müssen", meint der 81-jährige Physiker aus Schirmitz. Auf Freiflächen soll die Technik dort eingesetzt werden, wo sie am nützlichsten ist: im Süden Europas. Wenn er an die immer mehr Solarparks in Bayern und auch in der Region denkt, kommt ihn ein "böser Vergleich" in den Sinn, wie er selbst sagt. "Das ist wie ein Krebsgeschwür. Wenn ein Organ vom Krebs befallen ist, entarten die ursprünglich guten Zellen und überwuchern das sogar", meint Doenitz, der mehrere Argumente gegen PV-Freiflächenanlagen in Deutschland gesammelt hat und Alternativen aufzeigt.

Viel Ärger um Solarparks in der Region

Oberpfalz

Geringes Potenzial?

Die Photovoltaik hat in Deutschland nicht das Potenzial, das Land angemessen mit Elektrizität zu versorgen, sagt Doenitz. Die Kapazität aller auf geeigneten Dächern von Wohnhäusern installierten Solarzellen decke gerade mal vier Prozent des deutschen Strombedarfs ab. Nimmt man Dächer von Schulen, Scheunen oder Industriebauten hinzu, bleibe man trotzdem im einstelligen Bereich. Eine nennenswerte Steigerung sei eben nur durch einen weiteren Ausbau auf Freiflächen möglich. "Ein Albtraum", sagt der Schirmitzer dazu.

Die Alternative?

Man müsse die erneuerbaren Energien dort erzeugen und nutzen, wo sie am günstigsten zu gewinnen sind. Das gelte hierzulande für den Off-Shore-Bereich. "Das ist die große Zukunftstechnik in Deutschland", meint Doenitz. "Da sind wir von der Natur mit Nordsee und Ostsee begünstigt worden." Auf diese Ressourcen müsste man in Deutschland zurückgreifen - und nicht auf die Sonne.

Bayern kein Sonnenland?

Politiker und Wissenschaftler , die für mehr Solarparks in der Fläche sind, halten Bayern gern für ein Sonnenland. Fritz-Dieter Doenitz sieht das anders. "Das ist Blödsinn", meint der 81-Jährige. Nordbayern liege fast auf der geographischen Breite des Baikalsees in Sibirien. Die Einstrahlung liege in Deutschland bei rund 950 Watt pro Quadratmeter - im Mittelmeerraum aber bei etwa 2700 Watt. Zudem scheine dort die Sonne viel stärker und gleichmäßiger, der Himmel sei viel klarer. "Und das braucht man für Photovoltaik", sagt Doenitz.

Zu große Schwankungen?

"Was bei uns gegen die Photovoltaik im großen Maße spricht, ist das schwankende Angebot", sagt Doenitz. Das seiner Meinung nach ohnehin geringe Potenzial werde gar nicht ausgeschöpft. "Die Gesamtausbeute gemessen an den installierten Zahlen ist sehr gering." Im vergangenen Jahr seien nur 9,5 Prozent der installierten Leistung erzeugt worden. Von den 8760 Stunden im Jahr sei die Photovoltaik durchschnittlich 950 Stunden am Netz. Dazu die extremen Schwankungen zwischen Sommer und Winter, zwischen sonnenreichen und sonnenarmen Jahren. Und: "Je größer der Anteil an erneuerbaren Energien wird - was wir ja alle wollen -, desto größer werden die Schwankungen", sagt Doenitz. "Und deswegen brauchen wir Strategien und Techniken, die diese Schwankungen auffangen können."

Der Königsweg?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, diese Schwankungen aufzufangen. Erstens: Gaskraftwerke. "Aber das ist ja ein Widerspruch in sich, wenn wir CO2-frei sein wollen", sagt Doenitz. Zweitens: Große Stromleitungen, wie etwa die zwischen den Niederlanden und Norwegen. "Die Niederländer speisen ihren Windstrom in norwegische Pumpspeicher. Wenn in Holland nichts mehr bläst, kommt der Strom durch dieselbe Leitung wieder zurück. Das rechnet sich." Die dritte Möglichkeit, die Doenitz für den "Königsweg" hält, ist eine "großräumige, intelligente Vernetzung". Ein europäischer Stromverbund.

Bedeutet: "Der Strom wird dort erzeugt, wo es am günstigsten ist." Die Windenergie entlang der Atlantikküste und in Nord- und Ostsee. "Denn da bläst der Wind." Dazu die Geothermie Islands und die heute schon für Speicherzwecke genutzte Wasserkraft Skandinaviens. Und die Sonnenenergie? "Die sollte man da gewinnen, wo sie sehr viel einfacher zu erhalten ist", sagt Doenitz. Am Südrand der Europäischen Union, im Mittelmeerraum, auch in Nordafrika. Dabei gehe es nicht unbedingt um Solarthermie, eine andere Technik, Sonnenenergie zu nutzen, bei der Doenitz als Pionier gilt. "Wir brauchen da nur dieselben Solaranlagen aufstellen wie bei uns und haben schon den dreifachen Nutzeffekt. Und das auf Boden, seien wir ehrlich, der von der Qualität her nicht mit unserem Ackerboden zu vergleichen ist", meint der Schirmitzer. "Und das ist ein ganz starkes Argument, finde ich."

Traumtänzerei?

Technisch ist das alles machbar, sagt Doenitz. "Das ist keine Traumtänzerei, sondern Realität." Das Beispiel Niederlande-Norwegen zeige, dass es funktioniert.

"Dafür sind natürlich große Leitungen erforderlich", sagt Doenitz, der ein Befürworter solcher Stromtrassen ist. Den regionalen Widerstand gegen den Süd-Ost-Link beobachtet der Physiker genau. "Da sind viele dabei, die an PV-Freiflächen profitieren", sagt er. Warum ist etwa der bayerische Energieminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) gegen die Trasse? "Der ist Energiebauer, und die Stromtrassen sind Konkurrenten." Bei den Solarparks in Bayern gehe es eben vor allem um Profit. "Mit Photovoltaik-Freiflächen kann man viel mehr Geld machen", sagt Doenitz. "Aber wir wären doch blöd, hier unsere Landschaft zu verschandeln."

Zur Person: Prof. Fritz-Dieter Doenitz:
  • Prof. Fritz-Dieter Doenitz ist 1939 in Thüringen geboren worden
  • Flucht in den Westen ein Jahr vor der Wende aus der damaligen DDR zusammen mit seiner Frau
  • seit mehr als 30 Jahren lebt er in Schirmitz (Kreis Neustadt/WN)
  • von 1991 bis 2004 arbeitete er bei Schott-Rohrglas in Mitterteich; dort war er für die Entwicklung zuständig
  • 2004 erhielt er den Deutschen Solarpreis für die Entwicklung des Schlüsselelements für solarthermische Kraftwerke
  • von 2007 bis 2009 war er Berater für das Ingenieur-Büro Solar Millennium in Erlangen
  • jahrelang lehrte er an Hochschulen in Jena und Chemnitz, war auch Honorarprofessor für Glas und Solarthermie an der Universität Bayreuth
  • verheiratet, zwei Kinder und stolzer Opa von sechs Enkeln

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Kommentare

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Martin Hofmann

Der große Vorteil der erneuerbaren Energien ist, dass jeder diese vor der eigenen Haustüre sieht. Die ölverseuchten Meere oder abgetragene Landschaften für Schieferöl oder Braunkohle sieht man nicht und damit ist es auch nicht so tragisch. Jedem der Photovoltaikstrom erzeugen möchte wird Provitgier vorgeworfen, obwohl z. B. für die Übertragung des Stroms wesentlich höhere Preise bezahlt werden. Energie in anderen Ländern oder gar in auf anderen Kontinenten zu erzeugen funktioniert nicht, sieh Projekt Dessertec. Wer Strom benötigt soll auch mit den Auswirkung der Stromerzeugung konfrontiert werden.

15.10.2020
Manfred Schiller

Zitat: "Je größer der Anteil an erneuerbaren Energien wird (...) desto größer werden die Schwankungen."
Dieses Problem war eigentlich jedem, der ein bisschen rechnen kann, von Anfang an klar. Und mit jedem Zubau von instabilen Energien steigt das Blackout-Risiko, da die immer größeren Schwankungen zwischen viel und wenig Sonne und viel und wenig Wind von den konventionellen Kraftwerken nicht mehr ausgeglichen werden können. Zumal es immer auch weniger Regelkraftwerke werden. Ein schwankendes Angebot ist Gift für das Netz. Die Netzfrequenz von 50 Hz kann kaum mehr ausgeregelt werden, elektronische Verbraucher sind gefährdet und es droht ein Zusammenbruch des Stromnetztes sowohl bei zu viel Strom (Netzfrequenz ab 50,2 Hz) oder zu wenig Strom (Netzfrequenz unter 49,8 Hz)

14.10.2020