Auch Bio-Milch ein Draufzahlgeschäft

Bio gilt vielen Verbrauchern immer noch als Luxus. Doch was bekommen die Erzeuger zum Beispiel von Bio-Milch wirklich? "Im Schnitt der letzten 5 Jahre 21 Prozent weniger als die Erzeugung gekostet hat", rechnet Karin Jürgens vom Büro für Agrarsoziologie vor.

Bio-Milchbauer Matthias Zahn bei der Stallführung.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Bio-Milchbauer Matthias Zahn aus Eiglasdorf bei Reuth bereut den Umstieg nicht: "Wir haben das Gefühl, es gibt wieder eine Perspektive." Der Jungbauer tut alles, um seinen Betrieb auf eine breite Basis zu stellen: "Wir haben eine gebrauchte Hofmelkerei an der Ostsee gekauft", erklärt er den Internationalen Gästen vom Europäischen Milkboard, "nächste Woche eröffnet unser Hofladen."

Wachsen oder sterben?

65 Milchkühe hat er im Laufstall stehen, aus dem schon mal das ein oder andere hyperaktive Tier ausgebüxt ist. "Mehr wollen wir nicht", wehrt er sich gegen das Diktat "wachsen oder sterben", denn: "Wenn das nicht reicht, wird's auch mit immer mehr nicht besser." 80 Hektar Ackerfläche bewirtschaftet Zahn im nahen Umkreis. Und auch für sinnvolle Technik ist er aufgeschlossen: "2012 haben wir einen Melkroboter aus arbeitswirtschaftlichen Gründen angeschafft", erklärt er, "ich will nicht, dass die Eltern bis 70 im Melkstand stehen."

Ein typischer Oberpfälzer Familienbetrieb, die Eltern und zwei Mini-Jobber arbeiten mit, der achtjährige Maximilian verkörpert die mögliche Zukunft. Dass am Ende des Monats noch Geld in der Kasse ist, liegt aber nicht am florierenden Bio-Betrieb: "Meine Frau verdient als Tierärztin ganz gut, deshalb können wir uns das leisten", sagt er. "Unser Hof ist seit 1714 in Familienbesitz, wir haben Napoleon, Hitler und Stalin überlebt, wir werden auch das überleben", scherzt er.

Hobby Bio-Bauer? Kjartan Poulsen, Vorstand des European Milk Boards ASBL aus Dänemark bestätigt: "Wenn du deinen eigenen Lohn nicht mitrechnest, passt das." Eine Landwirtschaft ohne Erträge? "Wir arbeiten umsonst."

Bessere Verhandlungsposition

Weil das nicht so bleiben kann, unterstützt Klaus Vetter vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter seine Kollegen mit Datenmaterial: "Wenn man genauer weiß, welcher Preis kostendeckend ist, ist das auch eine bessere Verhandlungsposition mit den Molkereien", weiß der Landwirt, der seit 21 Jahren Bio-Milch in einer Mittelgebirgslage produziert.

Seit 2013 ist Karin Jürgens vom Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaft beauftragt, diesen kostendeckenden Preis zu ermitteln: "Seit heuer auch für Bio-Milch auf Basis amtlicher Daten, regelmäßig aktualisiert und vergleichbar."

So wird der kostendeckende Preis berechnet:

Amtlich anerkannt und stets aktuell

Grundlage der Berechnung sind die Daten von 227 Ökomilch-Buchführungsbetrieben: „Sie gelten als repräsentativ für 4800 Öko-Milchviehbetriebe.“ Neben EU-Zahlen aus dem Dairy Farms Report mit aktuellen Preisen etwa für Mischfutter setzt Jürgens für einen Betriebsleiter einen Stundensatz von 26,58 Euro bei einer 48-Stunden-Woche an, für Familienangehörige von 15,86 Euro bei einer 24-Stunden-Woche. „Angerechnet wurde 74 Prozent entsprechend des Erlösanteils durch die Milcherzeugung“, rechnet sie andere Tätigkeiten genauso wieder heraus wie Erlöse aus dem Schlachtkuhverkauf, Direktzahlungen der EU oder die Bio-Prämie. Das Ergebnis dürfte weniger die Landwirte überraschen, als viel mehr die Verbraucher: Nur 75 Prozent der Kosten sind im Durchschnitt der letzten 5 Jahre gedeckt. „Auch Bio-Viehmilchbetriebe können ohne Beihilfen kein Einkommen erwirtschaften“, resümiert Jürgens.

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