11.10.2020 - 18:23 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Zwiegespräch zwischen Heiligem und Komödianten

Was hätten sich ein berühmter Kirchengelehrter und ein legendärer Film-Komiker wohl zu sagen? Ziemlich viel, wie Schriftsteller Markus Orths zeigt. Dass die Begegnung in stockfinsterer Kulisse stattfindet, sorgt für zusätzlichen Reiz.

Schriftsteller Markus Orths bringt Thomas von Aquin und Stan Laurel zusammen.
von Anke SchäferProfil
Buchcover

700 Jahre liegen zwischen den beiden Protagonisten des Romans "Picknick im Dunkeln", Thomas von Aquin und Stan Laurel. Nachdem zu Beginn der eine förmlich über den anderen gestolpert ist, kommt ein Gespräch über Gott und die Welt in Gang, das selbst bei schwierigen Themen vor allem eines bleibt: Tröstlich und unterhaltsam. Am 14. Oktober stellt Markus Orths seinen Roman in Regensburg vor. Was ihn auf die außergewöhnliche Idee gebracht, erzählt Markus Orths schon jetzt im Interview:

ONETZ: Herr Orths, als Ihnen die Idee zum Buch kam, wer war zuerst da – die Komiker-Ikone Stan Laurel oder der Kirchengelehrte und Heilige Thomas von Aquin?

Markus Orths: Der Komiker Stan Laurel. Viele wissen leider nicht, was für ein heller und wacher Geist er war. Unermüdlich im Auftrag des Komischen unterwegs. Ein Improvisationsgenie, ein begnadeter Pantomime, er hat die Gags und später die Dialoge seiner Filme geschrieben, hat teilweise Regie geführt oder dem Regisseur gesagt, was er tun oder lassen sollte, ja, er hat im Schneideraum für den letzten Schliff gesorgt und sich die Probevorführungen angeschaut: Bei zu wenigen Lachern hat er noch einmal nachgearbeitet. Er war ein Besessener.

ONETZ: Und was hat gerade diese beiden Persönlichkeiten als Protagonisten prädestiniert?

Markus Orths: Stan kennt man zumeist nur als „Stan & Ollie“. Und ich wollte zunächst im Dunkeln einfach jemanden auftauchen lassen, der äußerlich Ollie ähnelt, aber ansonsten so weit wie möglich von ihm entfernt ist. Da fiel mir spontan Thomas von Aquin ein, der stumme Ochse, das wandelnde Weinfass, einer der begnadetsten Denker der Philosophiegeschichte, und zugleich unheimlich dick. Die beiden erwiesen sich für mich als treffliches Paar, da der eine (Stan) für das Lachen gelebt hat, aber den Glauben verlor, der andere (Tommie) für den Glauben gelebt hat, aber das Lachen verlor.

ONETZ: In Ihrer Geschichte funktioniert der schnelle erste Eindruck übers Sehen nicht. Ein Plädoyer dafür, sich auch und gerade in diesen Zeiten anderen Menschen und Umständen behutsam tastend und über das Gespräch zu nähern?

Markus Orths: Ja. Es ist vor allem auch ein Plädoyer fürs Zuhören. In der Scholastik musste man bei einer „Disputation“ immer zunächst die Argumente des anderen wiederholen, und zwar so lange, bis der andere sagte: „Jetzt hast du mich verstanden!“ Danach erst durfte man seine eigenen Gegenargumente ins Feld führen. Stellen Sie sich das bitte einmal vor bei Maybrit Illner, in einem Disput zwischen Söder und Wagenknecht. Man hört heute dem anderen nicht mehr zu, sondern hat seine vorgefertigten Antworten und Worthülsen im Kopf, und der Gesprächspartner steckt tief in einer Schublade drin. Das wollte ich hier mal aufbrechen. Dass sich zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein können, aufeinander einlassen und miteinander das Dunkel zu lichten versuchen.

ONETZ: Lebensendlichkeit und Finsternis sind ja eigentlich eine Paarung des Schreckens. Wie wichtig war es Ihnen zu zeigen, dass auch das nicht stimmen muss?

Markus Orths: Naja, es ist natürlich eine pure Imagination. Keiner weiß und wird je wissen, was nach dem Tod los ist. Die wahrscheinlichste Variante ist: nichts. Mein Buch ist – für mich – ein langsames Abschiednehmen von meinem eigenen Vater, der vor vier Jahren verstarb, ein großer Stan Laurel-Fan war und ein gläubiger Christ (wie Thomas). Und ich habe es als eine Art Trost gesehen, mir vorzustellen, dass die beiden ihn „auf die andere Seite“ begleitet haben. Das muss man aber als Leser*in weder wissen noch merken.

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ONETZ: „Picknick im Dunkeln“ ist einige Wochen vor der alles verschlingenden Corona-Welle erschienen. Wie sehr war die Buchvorstellung dennoch davon betroffen?

Markus Orths: Leider sind haufenweise Lesungen abgesagt worden. Das trifft mich als Autor sehr hart. Nicht nur finanziell, auch bezüglich des Kontakts mit den Leser*innen. Eine Lesung ist die einzige Möglichkeit zu erspüren, was ein Text bei den Leser*innen bewirkt. Das ist mir sehr wichtig. Denn ich schreibe ja niemals nur für mich, sonst müsste ich ja nichts veröffentlichen. Sondern immer auch für andere. Davon handelt das Buch: Dass wir nichts sind ohne den anderen. „Der Mensch wird erst am Du zum Ich“, sagt Martin Buber (österreichisch-israelischer Religionsphilosoph, Anmerk.d.Red. ).

ONETZ: Im Grunde genommen tasten wir uns jetzt alle in der Pandemie-Dunkelheit voran. Was glauben Sie, werden wir das Licht in absehbarer Zeit erreichen?

Markus Orths: Naja. Wir müssen lernen, damit zu leben. Mit den AHA-Regeln habe ich keine Probleme. Und in Deutschland scheint es ja einigermaßen zu gelingen bislang. Ich finde es ganz wichtig, dass die Schulen nicht mehr schließen. Nur eine klassenweise Quarantäne, falls ein konkreter Corona-Fall vorliegt. Kinder (und Eltern) können einen nochmaligen Lockdown nicht verkraften. Das jedenfalls ist mein Gefühl als dreifacher Vater. Ausgehend von dem, was ich selber erlebe und was ich bei vielen anderen Familien mitbekommen habe. Hoffen wir das Beste. Ja. In der Dunkelheit ist es nicht immer ganz so schrecklich, manchmal kann es sogar schön sein – siehe Stan und Tommie – aber wenn wir dann das Licht wieder sehen, atmen wir doch alle auf, befreit und glücklich. Und das wünsche ich uns allen.

Info:

Buch und Lesung

Der Roman "Picknick im Dunkeln", 240 Seiten, Hardcover, ist im Januar 2020 im Hanser Verlag erschienen und kostet 22 Euro. Am Mittwoch, 14. Oktober, 20 Uhr, ist Markus Orths damit in der Buchhandlung Dombrowsky(Tel. 0941 /560422) in Regensburg zu Gast.

Info:

Zur Person

Markus Orths, Jahrgang 1969, studierte Philosophie, Romanistik und Anglistik studiert. Neben Hörspielen und Kinderbüchern umfasst sein Gesamtwerk vor allem Romane, die in 16 Sprachen übersetzt wurden. "Das Zimmermädchen" 2015 fürs Kino verfilmt. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Karlsruhe.

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