23.02.2020 - 18:35 Uhr
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Wirsing-Turm in Regensburg gesprengt

In Regensburg hat der Wirsing-Turm mit einem lauten Knall das Zeitliche gesegnet. Innerhalb weniger Minuten war nur noch ein Haufen Schutt übrig. Rund 50 Menschen mussten zuvor ihre Wohnungen verlassen.

von Externer BeitragProfil

Von Vanessa Gewehr

Noch ist alles ruhig auf den Straßen rund um den Ernst-Reuter-Platz. Und das nicht nur, weil an diesem Sonntagmorgen die Autos ab 9 Uhr großräumig umgeleitet werden. Auch die Schaulustigen lassen noch auf sich warten. Nur die Bauarbeiter mit ihren neongelben Helmen und orangefarbenen Signaljacken wuseln hier und da umher. Kontrollieren Absperrungen und Container – Schutzmaßnahmen gegen mögliche umherfliegende Schuttteilchen. Die Bereitschaftspolizei – aufgeteilt in rund zehn Mann starke Gruppen – patrouilliert auf dem Gelände, damit kein Unbefugter versucht, in die Sperrzone einzudringen. Immer wieder drehen sie ihre Runden. Etwa 50 Einsatzkräfte sind vor Ort laut Polizeihauptmeister Markus Reitmeier.

In der Mitte dieser Sperrzone steht der Wirsing-Turm – jedoch nur noch knapp zwei Stunden. Nach monatelanger Planung ist nun der Tag gekommen, an dem das Gebäude dem Erdboden gleich gemacht wird. 50 Kilogramm Sprengstoff und 200 Bohrlöcher, verteilt auf drei Ebenen, werden das ehemalige Studentenwohnheim innerhalb von Sekunden zerlegen. Von verschiedenen Einsturzszenarien spricht Sprengmeister Martin Hopfe: „Der Mittelteil kippt nach hinten weg, die Kollapssprengung lässt die Seiten senkrecht nach unten stürzen.“ Bauleiter und Organisator Simon Lehmeyer ist sichtlich nervös. Schlecht geschlafen habe er. Aufgeregt sei er natürlich auch. „Es ist einer der extremsten Sprengungen, die wir bisher gehabt haben.“ Das Sprengkonzept sei sehr kompliziert. Da müsse alles zeitlich genau geplant sein.

Zuschauer verabschieden sich vom Wirsing-Turm

Kalt ist es an diesem Morgen. Der Himmel wolkenverhangen. „Bedrückend“, wird einer der Zuschauer kurz vor der Sprengung dazu bemerken. Nach und nach trudeln sie ein, die Schaulustigen. Viele versammeln sich hinter der Absperrung Kreuzung D.-Martin-Luther-Straße und Landshuter Straße. Eine Mutter erklärt ihrem kleinen Sohn, warum er nicht weiter nach vorne gehen darf. Ein Mann mittleren Alters erzählt seiner Begleitung, wie er vor 30 Jahren im obersten Stockwerk Tischtennis gespielt hat. Das Gedränge wird dichter. Jede Bewegung innerhalb der Sperrzone wird von den Zuschauern genau beobachtet. Gegen 10.30 Uhr setzen die ersten Aerosol-Nebelwerfer ein. Wasserspritzer befeuchten das Gebäude. Auch die Planschbecken habe man installiert – neun auf dem Dach, drei im Gebäude, informiert Lehmeyer. Alles Maßnahmen für eine möglichst gründliche Staubbindung. Einzelne Wassertropfen verweht es bis in die ersten Zuschauerreihen – wie Nieselregen fühlt es sich an. Plötzlich erklingt ein Alarmton. Schräg gegenüber vom Wirsing-Turm ist der Einbruchalarm in einem Geschäft angegangen. Es dauert Minuten, bis der schrille Ton wieder verklingt.

Unser Vorbericht zur Spengung

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Um 10.50 Uhr ertönt schließlich das erste Sprengsignal. Hektisch laufen die letzten Bauarbeiter in ihren orangefarbenen Westen um den Wirsing-Turm herum. Um 10.58 folgt das zweite Sprengsignal – jetzt dauert es nicht mehr lange. Während im Zelt des Sprengmeisters vor dem Park Hotel Maximilian der Countdown heruntergezählt wird, wie Lehmeyer später erzählt, werden die Zuschauer an der Kreuzung D.-Martin-Luther-Straße und Landshuter Straße von der Sprengung überrascht. Ein lauter Knall ertönt. Viele zucken zusammen. Wie eine Fontäne saust die Staubwolke in die Höhe. Kurz sieht man noch den Turm in sich einstürzen, dann hüllt die Staubwolke von unten den Rest des Gebäudes ein. Es riecht leicht verbrannt – wie an Silvester, wenn Unmengen an Kracher und Böller gezündet werden. Dann bewegt sich die Staubwolke auf die Zuschauermenge zu, in Richtung Dachauplatz. Feine Körner verteilen sich auf Haut, Kameras und Jacken. Schnell ist die Wolke über die Menge hinweggeflogen. Langsam lichtet sich der Nebel und gibt den Blick frei auf den Schutthaufen, der nun anstelle des Wirsing-Turms dort liegt. Minuten vergehen. Dann ertönt das dritte Signal: „Sprengung beendet“.

„Wir gehen jetzt erstmal einen trinken“

Wieder laufen die orangegekleideten Arbeiter über das Sperrareal. Kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Lehmeyer streckt beide Daumen in die Höhe. Er lächelt. Ist sichtlich erleichtert. „Ich glaub, der Knall, als mir das Herz in die Hose gerutscht ist, war lauter als die Sprengung selbst“, erzählt er. „So wie es aussieht, haben wir keinen einzigen Schaden.“

In den kommenden Wochen werde man nun die rund 16 000 Tonnen Schutt aufbereiten und recyceln. Auch der Keller müsse noch abgebrochen werden, ebenso wie die Kanäle. Zisternen, die sich noch auf dem Grundstück befänden, müssten ebenfalls entfernt werden. „Bis alles fertig ist, wird es früher Herbst werden“, prognostiziert der Bauleiter. Am heutigen Sonntag allerdings werde er jetzt „erstmal einen trinken gehen“. Sprengmeister Martin Hopfe ist ebenfalls erleichtert: „Es ist besser verlaufen, als wir geahnt haben.“ Jede Sprengung berge etwas Neues und innerstädtische Sprengungen seien nie ganz einfach, doch die Berechnungen seien soweit richtig gewesen. Auch Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer ist glücklich: „Ich bin froh, dass der Turm jetzt weg ist und wir weiterkommen mit der Umgestaltung des Bahnhofsumfelds.“ Auf dem Gelände soll nun der Interims-Busbahnhof entstehen. Was danach passiert, ist noch unklar.

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