08.09.2021 - 18:12 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Wiebke Richter will in den Bundestag: Einsatz für inklusive Gesellschaft

Wiebke Richter ist angekommen. Seit Jahren arbeitet und kämpft sie dafür, dass es auch andere Menschen mit Behinderungen schaffen. Deshalb will sie nun in den Bundestag.

Rollstuhlfahrer verfolgen in Berlin die Sitzung des Bundestages von der Besuchertribüne. Wiebke Richter will für die Grünen unter den Abgeordneten Platz nehmen.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Nach dem Abitur in Rendsburg (Schleswig-Holstein) wollte Wiebke Richter weit weg, raus in die Welt. Mindestens 500 Kilometer sollten es schon sein. Also ist sie vor mehr als 30 Jahren in Regensburg gelandet – und geblieben. Die Stadt an der Donau war eine von zwei Universitätsstädten, die für sie zur Wahl standen. In Regensburg gab es damals wie in Marburg ein Studierendenwohnheim mit Pflegedienst. Richter lebt mit einer angeborenen Körperbehinderung und ist Tag und Nacht auf Assistenz angewiesen.

Seit eineinhalb Jahren sitzt die 52-Jährige für Bündnis90/Die Grünen im Regensburger Stadtrat und will nun als Abgeordnete in den Bundestag in Berlin einziehen. Zum Gespräch in ihrem Büro in der Beratungsstelle Phoenix e. V. in Regensburg kommt sie mit dem Rollstuhl gefahren. Sie bittet schon mal hineinzugehen, weil sie noch auf ihre Assistenz warten wolle. Deren Hilfe braucht sie etwa zum Maske auf- und absetzen. Sie könne mit ihren Händen nicht alles machen, erzählt Richter.

Psychologin bei Beratungsstelle Phoenix

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet die Diplom-Psychologin bei Phoenix. Der Verein bietet Beratung und Hilfe für Menschen mit Behinderung. Er setzt sich für ein selbstverständliches Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung ein. Ziele, für die auch Wiebke Richter kämpft. Sie will Horizonte aufzeigen und Perspektiven eröffnen. Es geht es um Teilhabe, auch für Menschen mit Behinderung.

Vielen sei gar nicht bewusst, was für Ansprüche und Rechte sie hätten, erzählt Richter. Besonders Menschen, die zuvor gesund gewesen seien, würde sich durchwursteln. Beim Nachfragen stelle sich dann etwa heraus, dass sie seit drei Jahren nicht mehr aus der Wohnung gekommen seien, weil es in ihrem Haus keinen Aufzug in den 3. Stock gibt.

Die Bundestagswahl kurz erklärt

Als Kind in der Regelschule

Seit mehr als zehn Jahren gibt es auch im Behinderten-gerecht ausgebauten Ludwig-Thoma-Heim, in dem Richter zu Beginn ihres Studiums in Regensburg gewohnt hatte, keinen Pflegedienst mehr. Studenten müssen sich selbst um eine persönliche Assistenz kümmern. Richter war schon nach einem Jahr wieder ausgezogen, in eine Wohnung mit persönlicher Assistenz. Warum hat sie nicht von Anfang an allein gewohnt? Sie habe nicht über 800 Kilometer hinweg die Individuelle Schwerstbehinderten-Betreuung organisieren wollen, antwortet sie.

Richter besuchte als Kind die Regelschule – Grundschule und Gymnasium. Darauf hatten ihre Eltern, beide Berufsschullehrer, bestanden. "Meine Eltern haben damals schon mit denselben Sachen gekämpft, mit denen ich heute beruflich und politisch zu tun habe", sagt sie. Eine persönliche Assistenz habe sie damals noch nicht gehabt. Die Hilfe hätten die anderen Schülerinnen und Schüler übernommen, etwa die Schulbücher auf den Tisch legen.

Kinder müssen miteinander aufwachsen

Die grüne Bundestagskandidatin wirbt und kämpft für Inklusion. "Ich glaube, dass Inklusion nur gelingen kann, wenn Kinder miteinander aufwachsen", sagt Richter. Berührungsängste und Hemmungen könnten so erst gar nicht entstehen. Sie verweist auf ihre eigene Schulzeit. "Mit dir hat es ja auch geklappt", würden Schulkameradinnen und -kameraden, die heute selbst unterrichten, sagen. Inklusion in der Schule bezeichnet die Psychologin, die bei Phönix hat die Abteilung Schulbegleitung aufgebaut hat, als ihre "Herzensangelegenheit". Sie ist sich im Klaren darüber, dass die Umsetzung eine Revolution bedeutet. Es stellt das bisherige Fürsorgesystem infrage. "Wir haben die Fachleute, aber wir brauchen sie in den normalen Schulen."

Richter geht es um Empowerment, Menschen mit Behinderung, sollen selbst-bestimmt leben können. Deshalb empfiehlt sich auch, nach München oder Regensburg zu ziehen. In beiden Städten gäbe es in Bayern die beste Infrastruktur. Zum Beispiel Regensburg: Hier gibt es drei Organisationen, die persönliche Assistenz anbieten und organisieren. Zudem sei die Stadt trotz des Kopfsteinpflasters in der Innenstadt bei der Barrierefreiheit sehr weit. "Barrierefreiheit ist Voraussetzung für Teilhabe", sagt Richter. Wer mit ihr spricht, merkt: Regensburg ist ihr ans Herz gewachsen.

Wahlkampf von Haustür zu Haustür

Um Barrierefreiheit bemühen sich die Regensburger Grünen auch im Wahlkampf. Bei Präsenzveranstaltungen gibt es Gebärden-Dolmetscher, bei online-Veranstaltungen Schriftdolmetscher. Das heißt: alles was gesagt wird, wird verschriftlicht. Zudem soll es Flyer in leichter Sprach geben, um auch die Sprachbarriere zu senken.

Der Wahlkampf läuft für die Regensburgerin seit sie im April auf Platz 23 der Landesliste gewählt wurde, zunächst allerdings nur online. Richter sagt, sie schätze es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Falls es die Pandemieregeln zulassen, will die Bundestagskandidatin auch wieder Haustürwahlkampf machen, so wie im Kommunalwahlkampf. Ihre Erfahrung ist, dass die Menschen zunächst auf ihre Begleitung schauen. Sie versuche deshalb immer, auf Augenhöhe zu kommen, indem sie ihren Rollstuhl hochfährt so weit es geht. Und: Sobald sie beginne zu reden, würden die Menschen auch mit ihr reden. Ihr Handicap. Sie kann nichts in der Hand halten und reichen. Dazu fehlt ihr die Kraft.

Schäubles Beispiel keine Hilfe

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) ist aus ihrer Sicht keine Hilfe für Menschen mit Behinderung: "Er tut so, als wäre er nicht behindert", sagt Richter. "Ich muss leider sagen, dass bringt uns überhaupt nicht weiter." Sie erzählt von einem Besuch des CDU-Politikers in Regensburg, wo sich dieser zu einer Veranstaltung in den alten Reichssaal ins Rathaus habe hochtragen lassen. Richter würde erwarten, dass der Gast in diesem Fall den Veranstaltern sagt: Ladet mich dahin ein, wo ich auch hinkomme.

Falls Wiebke Richter in den Bundestag gewählt werden sollte, will sie versuchen, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung mit zu verbessern. Dafür ist sie bereit, auf Hochtouren zu laufen. "Ich kann mich nicht aufstellen lassen, wenn ich nicht bereit bin, solche Sachen hinzubringen", sagt die grüne Politikerin. Für sie bedeutet das in Berlin auszukundschaften, wie alles funktioniert. Dazu gehört auch, dass sie für die Zeit im Bundestag ihre persönliche Assistenz anders organisieren muss.

Dass Richter bereit ist, sich mit voller Kraft einzusetzen, hat sie bewiesen. Als die Grüne in den Regensburger Stadtrat gewählt worden war, hat sie ihre Stelle bei Phönix auf die Hälfte reduziert – und die Leitung der Abteilung Schulbegleitung abgegeben. Sollte sie in den Bundestag kommen, überlegt Richter das Mandat im Stadtrat aufzugeben, obwohl ihr die Arbeit viel Freude bereitet. Damit der Wechsel nach Berlin gelingt, sollte die Partei aber nicht allzu weit unter 20 Prozent rutschen.

So funktioniert die Briefwahl

Hintergrund:

Zur Person: Wiebke Richter

  • 1969 in Rendsburg in Schleswig-Holstein geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen, 1988 Abitur
  • Danach Studium in Regensburg, zunächst ein Semester Jura, dann Psychologie. Ausbildung in systemischer Therapie.
  • Nach dem Abschuss als Diplom-Psychologin zunächst eine Forschungsstelle an der Universität Regensburg.
  • Diplom-Psychologin bei Phönix e.V. in Regensburg, einer Beratungsstelle für behinderte Menschen
  • Seit 2019 Stadträtin für Bündnis 90/Die Grünen in Regensburg
  • Bundestagskandidatin auf Platz 23 der Landesliste der Grünen
Wiebke Richter, Grüne Stadträtin in Regensburg und Bundestagskandidatin 2021 der bayerischen Grünen.
Schon im Jahr 2017 mussten neue Stühle in den Plenarsaal in Berlin eingebaut werden. Offen ist, ob im neuen Bundestag erneut mehr Abgeordnete sitzen.

"Meine Eltern haben damals schon mit denselben Sachen gekämpft, mit denen ich heute zu tun habe."

Wiebke Richter (Bündnis 90/Die Grünen), Stadträtin in Regensburg und Bundestagskandidatin

Wiebke Richter (Bündnis 90/Die Grünen), Stadträtin in Regensburg und Bundestagskandidatin

Blick in den Plenarsaal des Bundestags. Nach der Bundestagswahl will die Regensburgerin Wiebke Richter (Grüne) hier Platz nehmen. Sie lebt mit angeborenen Körperbehinderung.

Direktkandidaten

Deutschland & Welt

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.