08.07.2020 - 18:36 Uhr
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"Vergelt's Gott, lieber Georg": Bewegende Worte zum Abschied vom Papst-Bruder

Zum Requiem für seinen Bruder Georg Ratzinger kann der frühere Papst Benedikt XVI. nicht nach Regensburg kommen. Und doch richtet er mitreißende Worte an die Trauernden – und ein allerletztes Mal auch an seinen Bruder.

Bischof Rudolf Voderholzer steht vor einem Foto des verstorbenen Domkapellmeisters Georg Ratzinger beim Pontifikalrequiem im Dom St. Peter. Der ältere Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. war am vergangenen Mittwoch im Alter von 96 Jahren gestorben.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Nur wenige Stühle bleiben leer bei diesem Requiem der besonderen Art. Der Sarg von Georg Ratzinger ist gebettet auf Blumen, daneben steht ein weiß-gerahmtes Bild des ehemaligen Domkapellmeisters. Die Luft im Regensburger Dom ist erfüllt von Weihrauch, große und kleine Bildschirme übertragen das Geschehen am Altar.

Die Messe zelebrieren neben dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer auch Benedikts Privatsekretär, Erzbischof Georg Gänswein, und der deutsche Papstbotschafter, Erzbischof Nikola Eterovic. Vor Ort sind knapp über 200 Trauergäste, Tausende aber verfolgen die Totenmesse im Livestream - so auch der frühere Papst Benedikt XVI., dem Voderholzer Anteilnahme ausspricht. Der Regensburger Bischof erinnert gleich zu Beginn an den überraschenden Besuch des Bruders in Regensburg an Georgs Krankenbett vor wenigen Wochen. "Dieses Zeichen der Menschlichkeit hat viele tief berührt. Umso mehr nehmen wir Anteil an Ihrer Trauer", richtet der Bischof seine Worte an den Zuhörer im Vatikan.

Geistliche gehen nach Trauerfeier für Georg Ratzinger vor dem Dom St. Peter. Der ältere Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. war am vergangenen Mittwoch im Alter von 96 Jahren gestorben.

Benedikt: "Abschied für immer"

Später wird die Erinnerung an diesen Besuch noch zu Tränen rühren. Nämlich, als Erzbischof Georg Gänswein einen Nachruf des emeritieren Papstes Benedikt XVI. auf seinen Bruder verliest. Der frühere Papst beschreibt den Verstorbenen in dem Schreiben als gesellig und heiter, als Liebhaber der "guten Gaben der Schöpfung" sowie als "Mann des direkten Wortes". Benedikt berichtet in dem Brief auch von der Musikalität seines Bruders und von der Freude, mit der dieser sein Amt als Domkapellmeister ausgeführt habe.

Immer wieder muss Gänswein beim Lesen pausieren und tief durchatmen. Das Lesen dieser Zeilen fällt ihm sichtlich schwer: "Er hat nicht um einen Besuch von mir gebeten. Aber ich spürte, dass es die Stunde war, um noch einmal zu ihm zu fahren. ... Als ich mich am Montag, dem 22. Juni, morgens bei ihm verabschiedete, wussten wir, dass es ein Abschied aus dieser Welt für immer sein würde", liest der Erzbischof vor. "Vergelt's Gott, lieber Georg", wieder ringt Gänswein mit der Fassung, seine Stimme wird brüchig, "für alles, was du getan, erlitten und mir geschenkt hast." Die Worte rühren zu Tränen, es wird nach Taschentüchern gekramt, aus jeder Ecke hört man Trauernde sich schnäuzen.

Eine Erinnerung aus dem Leben der beiden Ratzinger-Brüder beschreibt ganz treffend die Verbindung des Glaubens mit einer Liebe zur Musik: Als Georg aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, so erzählt Voderholzer in seiner Predigt, setzte er sich vor vielen Worten der Begrüßung ans Klavier und spielte "Großer Gott, wir loben Dich". "Niemand", so habe sich sein Bruder erinnert, "niemand von uns schämte sich der Tränen, die nun flossen." Und weiter: "Von diesem Tag an begann ein Üben und Musizieren, das fast keine Pausen mehr kannte, wie wenn alles nachgeholt werden sollte, was drei Jahre versagt hatten."

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Qualität und Menschlichkeit

Bereits am vergangenen Sonntag hatten einige Domspatzen bei der Totenvesper den Dom mit Gesang erfüllt, um Abschied von ihrem "Cheef" zu nehmen, so der Regensburger Bischof Voderholzer. "Das hat fast die Corona-Beschränkungen vergessen lassen", sagt er und bedauert gleichzeitig, dass nicht alle Domspatzen zu Georgs Abschied singen können. Das Requiem gestaltet ein Vokalensemble aus nur wenigen ehemaligen Domspatzen unter Leitung von Domkapellmeister Christian Heiß und Domorganist Franz Josef Stoiber.

Voderholzer betont den "tiefen inneren Zusammenhang", den der Doppelberuf für Ratzinger bedeutet hatte. Er habe sein Amt in der Kirche mit Musik verbunden und dies stets als Gnade empfunden. Zu seinem Vermächtnis für Regensburg gehöre deshalb besonders die kirchenmusikalische Tradition, die er, so Voderholzer, "wie kein zweiter vermittelt hat" und Maßstäbe setzte. Dabei habe er, so Voderholzer, seinen Anspruch auf höchste Qualität mit viel Menschlichkeit verbunden. Schüler habe er nach Jahrzehnten noch an der Stimme erkannt. Voderholzer fügt mit Blick auf den Missbrauchsskandal bei den Domspatzen an: "Es gehört zu seiner Größe, dass er dabei in der Rückschau auch Fehler eingeräumt und dafür um Verzeihung gebeten hat."

Verschmitzt und bescheiden

Bischof Voderholzer erinnert sich in seiner Predigt auch an einen seiner ersten Besuche nach der Bischofsweihe bei Georg Ratzinger, als jener ihm anvertraut habe: "Exzellenz haben eine jugendliche Stimme." Ihm war so, als hätte er "gerade die Aufnahmeprüfung bei den Domspatzen bestanden", sagt Voderholzer und schmunzelt. Auch der heutige Leiter der Domspatzen, Christian Heiß, würdigte Ratzinger als Ausnahmemusiker, der eine ganze Generation geprägt habe. Ratzinger habe von seinen Sängern immer das bestmögliche erwartet und sei bei allem Erfolg bescheiden geblieben. Er bezeichnete Ratzinger als "wunderbar verschmitzten Geschichtenerzähler" mit einem bemerkenswerten Gedächtnis.

Georg Ratzinger, aufgenommen in seinem Haus. Der frühere Regensburger Domkapellmeister, Leiter der Regensburger Domspatzen, und Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI ist gestorben.

Bild: Papst-Bruder Georg Ratzinger in Regensburg beigesetzt

Hintergrund:

Das Leben von Georg Ratzinger

Fast in Hörweite der Altöttinger Kirchenglocken ist Georg Ratzinger am 15. Januar 1924 zur Welt gekommen und schon früh in seiner Kindheit kristallisierte sich seine Leidenschaft für Musik heraus. Der Regensburger Bischof Voderholzer spricht am Mittwoch beim Requiem für Georg Ratzinger auch von einer „glücklichen Kindheit in Marktl, Tittmoning, Aschau und Traunstein mit seinen Eltern und Geschwistern, der älteren Schwester Maria und dem jüngeren Bruder Joseph“.

Nachdem Georg Ratzinger, wie Voderholzer sagte, „drei kostbare Jahre an den Krieg vergeuden musste, den ein gottloses Regime angezettelt hatte, dem die Familie Ratzinger zutiefst ablehnend gegenüberstand“, trat er zusammen mit seinem Bruder Joseph Ratzinger 1946 ein ins Priesterseminar der Erzdiözese München und Freising.

Seine Primiz feierte er am 8. Juli 1951 in der Traunsteiner Stadtpfarrkirche St. Oswald. Damals habe der 27-Jährige für seine erste Messe bewusst Worte aus dem Beginn jener Lesung aus dem Buch Jesaja gewählt, die auch zu seinem Requiem vorgetragen werden, so Voderholzer: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen Gnade über Gnade.“ Vor allem seien die Worte ein Ausdruck der Dankbarkeit gewesen.

Dank für Geborgenheit in seiner Familie, Dank für Glaube und schulische Bildung, Dank für eine glückliche Heimkehr aus dem Krieg und Dank für eine verheilte Kriegsverletzung. Denn wegen dieser Verletzung am Oberarm, erklärt der Bischof, sei lange Zeit unklar gewesen, ob Georg je wieder Klavier oder Geige spielen werden könne.

Im Februar 1964 übernahm Georg Ratzinger schließlich das Amt des Domkapellmeisters von Theobald Schrems – Schrems war auch Mitbegründer des Musikgymnasiums der Regensburger Domspatzen, dessen neuer Leiter Georg Ratzinger zugleich wurde.

30 Jahre lang war der Kirchenmusiker danach als Domkapellmeister tätig und hatte mit dem Knabenchor mehr als 1000 Konzerte im In- und Ausland gegeben. Seine letzte Ruhe fand der Domkapellmeister nun auf dem Unteren Katholischen Friedhof der Stadt Regensburg. Dort wurde bereits sein Vorgänger Theobald Schrems beigesetzt.

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