05.12.2020 - 00:30 Uhr
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Tor in die Vergangenheit

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Touristentrauben bilden sich – zu Nicht-Corona-Zeiten – regelmäßig vor der Porta praetoria, der Toranlage des römischen Legionslagers, aus dem später Regensburg entstand. Zuvor war die Sehenswürdigkeit lange in Vergessenheit geraten.

Geschichte zum Anfassen: Durch die Porta praetoria gingen schon vor über 1800 Jahren Menschen.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Es ist Geschichte zum Anfassen: Wer vor der Porta praetoria in der nördlichen Regensburger Altstadt steht, sieht, wo die Römer sich einst gegen ihre Feinde abschotteten, welch große Steinquader sie dafür herangeschafft hatten, wie tief der Boden damals lag. Die Toranlage mitsamt Wachturm wurde 179 nach Christus unter Kaiser Marc Aurel fertiggestellt. Sie bildete den nördlichen Eingang zum römischen Lager Castra Regina - auf der dem Feind zugewandten Seite. Die drei weiteren Tore sind unter der Erde verschüttet.

Warum die Römer das monumentale Lager für 6000 Soldaten gerade im Überschwemmungsgebiet an der nebligen Donau bauten, wo die Sicht auf die feindlichen Germanen oft schlecht war, ist Stadtarchäologe Lutz Dallmeier ein Rätsel. "Das war eigentlich ein unmöglicher Platz für eine Militäranlage." Zuvor hatten die Römer im Jahr 60 nach Christus ein kleineres Kohorten-Kastell im höher gelegenen Kumpfmühl angelegt. "Die Germanen haben das Lager aber zwei Mal plattgemacht", erzählt Dallmeier. Nach der zweiten Zerstörung 166 bauten die Römer dann weiter unten, direkt vor die Nase der Germanen, ein massives Lager aus Stein - wohl als reine Protz- und Drohgebärde, mutmaßt der Stadtarchäologe. "Typisch römisch", fügt er schmunzelnd hinzu.

Bau dauerte viele Jahre

Die Errichtung dieses "Luxusbaus" sei eine Mammutaufgabe gewesen und habe mehrere Jahre gedauert, sagt Dallmeier. "Es war Wahnsinn, wozu die Legionäre fähig waren." Die Steinquader stammen wahrscheinlich aus Steinbrüchen zwischen Regensburg und Kelheim, haben Untersuchungen ergeben. Herantransportiert wurden die Steine wohl mit dem Schiff über die Donau. Vor Ort wurden sie weiterbearbeitet und genau ins Mauerwerk eingepasst. Das Lager diente als Grenzsicherung und Unterbringung für das Militär. Die Soldaten unternahmen von dort aus immer wieder Erkundungsmärsche.

So spannend wie die Entstehung des Lagers ist auch die spätere Geschichte der Porta praetoria. Für Jahrhunderte verschwand sie nämlich völlig aus dem Stadtbild. Vermutlich im späten 5. Jahrhundert wurden die letzten römischen Soldaten aus dem Legionslager abgezogen. Es entwickelte sich die Stadt Regensburg, in der das Tor noch bis 932 weitergenutzt wurde, dann unter dem Namen Porta aquarum. Mit der Errichtung der Steinernen Brücke im 12. Jahrhundert und der damit einhergehenden Umstrukturierung der Stadtbefestigung verlor das Bauwerk dann aber seine Bedeutung.

Erst 1885 wurde es wiederentdeckt, als das Lehrlingswohnheim der bischöflichen Brauerei abgerissen wurde, mit dem die Porta überbaut worden war. Gelehrte vom Historischen Verein für Oberpfalz und Regensburg hatten das historische Tor bereits an diesem Ort vermutet und verfolgten mit Spannung die Bauarbeiten. Die Freude war groß, als tatsächlich das "vaterländische Kulturgut" auftauchte.

Dennoch war für eine Weile nicht klar, was mit dem Fund passieren sollte. In der Bevölkerung gab es die Befürchtung, dass bei der Freilegung der römischen Mauerreste alte Krankheitserreger freigesetzt werden, die zum Ausbruch einer Seuche führen könnten. Doch die Denkmalschützer setzten sich durch: Die Porta wurde freigelegt - und in ihren heutigen Zustand versetzt.

Ruß und Staub entfernt

Die letzte große Sanierung erfolgte 2016. Zuvor hatte sich über Jahrzehnte eine dicke Kruste aus Ruß und Staub über die Touristenattraktion gelegt, die vorsichtig abgetragen wurde. Wie schwarz die historischen Steine bis dahin waren, ist an einem kleinen Viereck zu sehen, das die Restaurateure zu Dokumentationszwecken stehen ließen.

Im Zuge der Sanierung wurde auch ein kleiner Aufenthaltsplatz neben der Porta geschaffen, der einen dreiviertel Meter tiefer liegt. Hier ist der wahre Boden der Tor-anlage zu sehen, denn das gesamte Römerlager lag deutlich tiefer als die heutige Altstadt, die auf den Ruinen späterer Jahrhunderte aufgebaut ist. Darüber hinaus entstand das "Document Porta praetoria": In einem kleinen Raum können Interessierte bei Führungen auch das Innere der Turmreste bestaunen und sich einen Film über die Tor-anlage informieren.

Nach 1950 entstanden mehrere Forschungsarbeiten über die Porta praetoria, die so manches Geheimnis der Anlage lüfteten. So stellte sich heraus, dass die Porta nach der korinthischen Säulenordnung gebaut wurde - und dass der Turm der Anlage mittlerweile recht schief steht. Entdeckt wurde auch zwei fluoreszierende Streifen am Mauerwerk. Sie wurden wohl in den 1920er Jahren angebracht und sollten dazu dienen, dass die ersten Autos nicht gegen das Bauwerk stoßen, sagt Dallmeier.

Für den Stadtarchäologen ist der historische Wert der Porta gar nicht zu überschätzen. Es handle sich um das größte zusammenhängende Monument aus der Römerzeit in Süddeutschland - und weltweit gar um das einzige erhaltene römische Legionslagertor. "Deshalb ist es so wichtig, sie zu schützen."

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