28.04.2021 - 12:56 Uhr
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Ein telefonischer Krisendienst bietet Oberpfälzern Hilfe

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In der Oberpfalz gibt es seit März einen telefonischen Krisendienst. Der entscheidet, ob ein Anrufer gefährdet ist und welche Hilfe er braucht. Wir haben mit Geschäftsführer Jens Scheffel über diese wichtige Arbeit gesprochen.

Hilfe am Hörer: In der Oberpfalz gibt es seit März einen telefonischen Krisendienst.
von Autor BDLProfil

ONETZ: Seit dem 1. März gibt es ein telefonisches Hilfsangebot des Krisendienstes für Menschen, das 24 Stunden erreichbar ist. In welchen Situationen sind Menschen, die diese Telefonnummer wählen?

Jens Scheffel: Die Krisendienste Bayern sind seit dem 1. März bayernweit unter der einheitlichen, kostenfreien Telefonnummer 0800 655 3000 erreichbar. Ohne Termin, bei Bedarf anonym und ab 1. Juli rund um die Uhr. Über ein Georouting werden Anruferinnen und Anrufer in die Leitstellen ihres Bezirkes weitergeleitet. Die Leitstelle für die Oberpfalz hat ihren Sitz in Schwandorf. Der Krisendienst bietet jedem Anrufer erste Entlastung und Orientierung für seine Krise, für sein Problem. Krisen gehören zum alltäglichen Leben und jeder Mensch bestimmt für sich selbst, wann eine Situation als Krise erlebt wird. Es gibt für uns keine Lexikon-Definition für eine psychische Krise. Damit ist Krise das, was ein Mensch als Krise empfindet, und zwar in dem Moment, indem er dies empfindet.

ONETZ: Welche Vorteile hat es, den Krisendienst anzurufen ?

Jens Scheffel: Wir werten beim Krisendienst nicht, sondern uns ist jedes Anliegen, jede Not wichtig und wir versuchen, einen passgenauen nächsten Schritt einzuleiten. Ein Merkmal ist allen Krisen gemein: Sie sind dringend. Ein Mensch in einer akuten Krise kann nicht erst auf die Suche nach einem passenden Hilfsangebot gehen. Wenn es brennt, alarmieren wir über die 112 die Feuerwehr – seit dem 1. März wählt man in der psychosozialen Krise die Nummer des Krisendienstes: 08 00/655 30 00. Damit muss man als Betroffener, Angehöriger, Bezugsperson oder Hilfesuchender nicht lang überlegen, welche Anlaufstelle in dem umfassenden Beratungs- und Hilfeangebot man wählt.

ONETZ: Sind es die Betroffenen selbst, die anrufen, oder auch Angehörige und Freunde?

Jens Scheffel: An den Krisendienst kann sich jeder Mensch wenden. Mit Einverständnis eines Betroffenen können auch Gespräche vermittelt werden. Hierfür treffen wir Kooperationsvereinbarungen mit anderen Beratungsstellen, der Polizei und der medbo. Wir nehmen dabei den Beratungsstellen und anderen Hotlines wie zum Beispiel der Telefonseelsorge nichts an Bedeutung. Wir ergänzen sie. Denn alle Akteure im Beratungs- und Versorgungssystem können psychosoziale Krisenfälle an uns weitervermitteln, wenn sie der Meinung sind, dass unser Angebot hilfreich ist.

ONETZ: Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Anruf bekommen ?

Jens Scheffel: Unsere Leitstelle verfügt über ein qualifiziertes und kompetentes Team aus Psychologinnen und Psychologen, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen und psychiatrischen Fachpflegekräften. Uns ist wichtig, jedes Anliegen individuell zu begleiteten, gemeinsam nach Wegen zu suchen und bei Bedarf die Angebote des Gesundheitswesens der Oberpfalz passgenau zugänglich zu machen. Dabei orientieren wir uns an den persönlichen Anliegen und Bedürfnissen der Anruferinnen und Anrufer. Solch ein Vorgehen kann durchaus mehrere Stunden am Telefon umfassen. In besonderen Fällen entscheidet die Leitstelle auch, ob eine Krisenintervention am Ort der Krise die richtige Hilfe ist. Dann geht es vorrangig um Deeskalation, um das Einschätzen von Gefährdungen, die Entlastung der Mitbetroffenen und das Einleiten weiterer Schritte. Durch den mobilen Einsatz lässt sich oft eine Eskalation verhindern. Die Einsätze erfolgen durch je zwei Fachkräfte am Ort der Krise – durch unsere mobilen Teams.

ONETZ: Wie kann der Krisendienst helfen?

Jens Scheffel: Wir wollen den Menschen in psychischen Krisen Anlaufstellen bieten und durch eine frühzeitige Unterstützung wirksam helfen. Für uns sind Prävention, Krisenintervention und Vermittlung in das bestehende Hilfesystem ganz zentrale Bezugspunkte. Sie verfolgen das Ziel, Unterbringung ohne oder gegen den Willen betroffener Menschen sowie Zwangsmaßnahmen zu vermeiden. Der Einbezug der Selbsthilfe, ein Krisenverständnis, welches den Menschen nicht primär Diagnosen bezogen, sondern ganzheitlich wahrnimmt, bilden das Fundament unserer Arbeit.

ONETZ: Wurde das Angebot bisher gut angenommen?

Jens Scheffel: Ein wesentliches Ziel der Krisendienste Bayern ist es, dass die kostenfreie Nummer 0800 /655 30 00 vielen Menschen bekannt ist. Aus diesem Grund nutzen wir Radio, Fernsehen und Presse, aber auch Flyer und Plakate, um an möglichst viele Menschen heran zukommen. Wartezimmer, Bäcker, Apotheken, Pfarreien, Agentur für Arbeit, Sozialpsychiatrische Dienste (SPDi), Beerdigungsinstitute, Krankenhäuser, Suchtberatungsstellen uvm. sind Orte, an denen Menschen mit Krisen zu treffen sind. Hier liegen unsere Flyer aber auch diskreten Visitenkarten aus oder hängen unsere Plakate. Statistiken lassen sich für die Oberpfalz derzeit noch schwer seriös nutzen. Absehbar ist aber ein stetes Anwachsen der Anzahl an Telefonaten. Wo die Reise einmal hingehen kann, zeigt das Beispiel Oberbayern. Dort existiert der Krisendienst seit vielen Jahren. Hier verzeichnet die 2020er Statistik: 29 719 Telefonkontakte in einem Jahr. Mit einer Bevölkerungszahl in der Oberpfalz von circa 20 Prozent im Vergleich zu Oberbayern rechnen wir also mit etwa 6 000 Anrufen im Jahr. Das entspricht etwa 16 Telefonaten pro Tag mit 24 Stunden Erreichbarkeit – derzeit liegen wir bereits bei circa zehn Telefonaten bei zwölf Stunden Erreichbarkeit.

ONETZ: Können Sie kurz ein Beispiel aus Ihrer Arbeit beschreiben?

Jens Scheffel: In unserer Gesellschaft wird gern die Frage gestellt „Wie geht es dir?“ Menschen, die beim Krisendienst anrufen, haben dann bereits oft die Erfahrung gemacht, dass die Antwort auf diese Frage keinen interessiert. Dabei wünschen sie sich, dass ihnen jemand ernsthaft zuhört, nicht sofort für alles Ratschläge parat hat, für sie da ist – ohne Verharmlosung ihrer Probleme. Sie wollen Gefühle zulassen dürfen, Trauer, Hilflosigkeit, Tränen, Verzweiflung, Sorgen und Ängste und brauchen jemanden, der das auch zulässt, aushält und das Gefühl vermittelt – alles darf sein. Kein falsches Mitleid, keine banalen Ratschläge, vielmehr ein erholsames, entlastendes Erleben. So konnte bereits sehr oft emotionale Entlastung geboten und gemeinsam herausgefunden werden, was braucht der Mensch jetzt in seiner Situation, wie kann es weitergehen?

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