08.05.2020 - 03:48 Uhr
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Riskanter Muttertag im Altenheim

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Elisabeth L. fiebert dem Sonntag entgegen. Die 92-jährige Regensburgerin darf zwar am Muttertag weder ihre Tochter noch ihre Enkel in die Arme schließen. "Aber wenigstens sehe ich die Familie nach Wochen ohne Besuch im Garten", sagt sie mit Tränen in den Augen.

Martin Preuß, Leiter des ProCurand Seniorenzentrum Sulzbach-Rosenberg, kritisiert die Öffnung.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Konzepte der Nordoberpfälzer Altenheime für Besuche an Muttertag

Amberg

Sulzbach-Rosenberg/Regensburg. Die Aufregung in den Oberpfälzer Altenheimen ist groß. Doch während sich viele Bewohner in Vorfreude die Hände reiben, schlagen die meisten Einrichtungsleiter dieselben über den Kopf zusammen: Zu schnell, zu unvorbereitet kämen die Corona-Lockerungen, um gerade die höchst gefährdete Bevölkerungsgruppe vor dem Virus lückenlos zu schützen.

Von Wochenende an dürfen Altenheimbewohner wieder Besuch empfangen: Zwar mit Masken und Mindestabstand wie auch in Geschäften, dazu wo immer möglich im Garten, aber eben doch mit der Möglichkeit zum persönlichen Gespräch. "Eine feste Kontaktperson ist unter strikten Hygiene- und Schutzauflagen wieder erlaubt", gab Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Dienstag bekannt - nach sechs Wochen strikter Isolation.

Schnellschuss bereitet Probleme

"Ich bin grundsätzlich schon der Meinung, dass Besuche von Angehörigen für unsere Bewohnerinnen und Bewohner sehr wichtig sind und auf Dauer auch nicht derart eingeschränkt bleiben können", sagt Martin Preuß, Leiter des ProCurand Seniorenzentrum Sulzbach-Rosenberg. Er schränkt jedoch ein: "Das bedarf aber umfangreicher Vorbereitungen, größtmöglicher Klarheit und konkreter Vorgaben." Was er derzeit erlebe sehe aber eher nach einem Schnellschuss aus: "Der vermutlich alle Einrichtungsträger vor immense Probleme stellt."

Mit dieser überhasteten Mitteilung würde die Bayerische Staatsregierung den Heimbetreibern nach den vielen positiven Maßnahmen der vergangenen Wochen jetzt zusätzliche Schwierigkeiten bereiten: Noch am Montag, 4. Mai, seien die Einrichtungen von der Regierung der Oberpfalz darauf hingewiesen worden, dass das Besuchsverbot bis zum Ablauf des 10. Mai 2020 weiter bestehen bleibe.

Wie will Preuß mit dieser Rochade jetzt umgehen? "Um ganz ehrlich zu sein, ich kann noch nicht sagen, wie wir das handhaben sollen", sagt er ehrlich. "Wir arbeiten unter Einbeziehung des noch nicht vorliegenden Konzepts von Gesundheitsministerium und Sozialministerium an einem individuellen Konzept für unser Haus, das der neuen Situation personell, räumlich, organisatorisch wie materiell gerecht werden muss. Das ist aus heutiger Sicht bis zum kommenden Wochenende definitiv nicht zu schaffen."

Demnächst wieder ohne Scheibe: Ilona Spottke und Karl Gegner unterhalten sich durch eine Fensterscheibe im Erdgeschoss eines Pflegeheims.

Lauffeuer: "Der Söder hat gesagt"

Die Nachricht der Lockerungen habe sich wie ein Lauffeuer verbreitet: "Der Söder hat gesagt, dass die alten Leute jetzt wieder besucht werden können", hätten die Bewohner beharrt. "Wir mussten heute schon besuchswillige Angehörige an der Eingangstüre abweisen." Dabei finde das "Kleingedruckte" in der Entscheidung des Ministerrats kaum Beachtung: "Voraussetzung für die Lockerung des Besuchsverbots in Pflegeeinrichtungen ist die strikte Einhaltung strenger Hygienemaßnahmen." Die Einrichtungen hätten Schutz- und Hygienekonzepte hinsichtlich Vorkehrungen zu kontrolliertem Zugang, Registrierung, Besuchszonen und Beaufsichtigung etc. vorzulegen.

Für Personal und Bewohner seien regelmäßige Testungen sicherzustellen. Das Gesundheitsministerium erarbeitet in Abstimmung mit dem Sozialministerium ein Konzept für den weiteren Fortgang im Bereich der Alten- und Pflegeheime, insbesondere der Besuchsregelungen. "Leider gibt es noch keine konkreten Umsetzungshinweise sondern nur sehr allgemein gehaltene", beklagt Preuß. "Ohne schlüssiges Konzept befürchte ich negative Folgen für die Gesundheit und das Leben von Bewohnern und Mitarbeitern - und dafür übernehme ich nicht die Verantwortung." Dies habe er auch so der Heimaufsicht (FQA) telefonisch mitgeteilt.

Info:

Woher kommt der Muttertag?

Die Idee stammt von der US-Frauenrechtlerin Anna Jarvis. Um ihre 1905 gestorbene Mutter zu ehren und auf die Benachteiligung von Frauen aufmerksam zu machen, forderte sie einen Festtag für alle Mütter. Der damalige Präsident Woodrow Wilson führte 1914 auf Wunsch des US-Kongresses den nationalen Ehrentag für Mütter ein.

In Israel wird statt Muttertag der „Tag der Familie“ gefeiert. Nach dem jüdischen Kalender wird er am 30. des Monats Schwat (Januar/Februar) begangen, der 2017 auf den 26. Februar fiel. Am Tag der Familie feiern Israelis die Bindung an engste Angehörige. Kinder bringen Bilder ihrer Familie in die Schule und schicken den Eltern Grußkarten.

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