25.11.2020 - 16:08 Uhr
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Regensburger Start-up findet Lösung gegen Kälbersterben

Sechs junge Männer haben sich in Regensburg mit einem innovativen Nischenprodukt selbstständig gemacht: Sie haben ein Frühwarnsystem für Kälberkrankheiten entwickelt. Das bayerische Wirtschaftsministerium zeigt sich beeindruckt.

Der von der Futuro Farming GmbH entwickelte Sensor überwacht die Bewegungen des Kalbs und warnt den Landwirt bei einem auffälligen Verhalten des Tiers per App.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Die Geschäftsidee stammt mitten aus dem landwirtschaftlichen Leben. Patrick Zimmer, einer der Mitgründer, ist auf dem Dorf aufgewachsen. Eine gute Freundin, die aus einem Milchviehbetrieb kommt, beklagte sich beim ihm darüber, dass auf ihrem Hof immer wieder Kälber in den ersten Lebenswochen starben. Nach einer Recherche auf verschiedenen Höfen stellte sich heraus, dass das Problem auch andere Landwirte betrifft.

Eine Gruppe von Studenten und Absolventen der Uni und der OTH Regensburg machte sich daran, eine Lösung zu finden. 2018 gründeten sie das Start-up-Unternehmen Futuro Farming GmbH, das seinen Sitz im Regensburger Innovationszentrum Techbase hat. Die Kompetenzen der Gründer ergänzen sich: An Bord sind Ingenieure, Informatiker, BWLer und Biologen.

Zusammen entwickelten sie ein Frühwarnsystem für Kälberkrankheiten, das mit Sensortechnologie und Datenauswertung die Sterblichkeitsrate reduzieren und Krankheitsverläufe mildern soll. Wie funktioniert das? Im Zentrum steht ein kleines schwarzes Kästchen, das in einer Kälberbox angebracht wird. Das unauffällige Kästchen hat es in sich: Der optische Sensor darin hat das Kalb ständig im Sichtfeld. Er überprüft, wie sehr sich das Jungtier bewegt, wie oft es frisst, wie viel es schläft. Die Daten werden den ganzen Tag über gesammelt, ausgewertet und zu einer Information gebündelt, die der Landwirt aufs Handy geschickt bekommt.

Ampel zeigt Gesundheit

Eine App zeigt dem Bauern ein Ampelsystem an: Bei „Grün“ ist das Kalb gesund, bei „Rot“ muss er eingreifen: Entweder er kann das Tier selbst behandeln – bei Durchfall und Dehydrierung kann er zum Beispiel Elektrolyte verabreichen. Bei schwereren Krankheiten muss der Tierarzt helfen. Bei „Gelb“ muss das Tier beobachtet werden, eventuell liegt nur ein geschwächtes Immunsystem vor oder das Kalb ist nach einer Erkrankung auf dem Weg der Besserung. Wichtig sei, dass die Krankheit möglichst früh erkannt wird, sagen die beiden Geschäftsführer Jens Eckberg und Alexander Zacharuk im Gespräch. Das sei mit dem Sensor möglich – denn bereits, wenn sich eine Erkrankung ankündigt, verändere das Tier sein Verhalten.

Sehr viele Kälber würden in den ersten zwei Lebenswochen erkranken, vor allem an Durchfall und Lungenkrankheiten, erklären die Gründer. Die Sterberate liege bei etwa zehn Prozent. Für den Landwirt bedeute das entweder den Verlust des Kalbs oder später ein Tier, das wegen vorheriger Krankheiten ein geringeres Leistungspotenzial mitbringt. Nicht zuletzt seien viele Landwirte eng mit ihren Tieren verbunden, hat Zacharuk beobachtet. „Wenn das Kalb stirbt, machen sie sich Vorwürfe.“

Seit 2017 hat das Team von Futuro Farming sein Produkt zusammen mit verschiedenen Landwirten getestet. „Wir standen alle schon mit Gummistiefeln im Stall, um sicher zu gehen, dass unser Produkt den Ansprüchen gewachsen ist“, erzählt Eckberg. Der schwarze Sensor werde für den Überwachungszeitraum der ersten Lebenswochen für ein einzelnes Kalb eingesetzt. Danach könne er hintereinander für weitere Kälber verwendet werden – insgesamt für etwa fünf Jahre.

Digtalisierung im Stall

Weiden in der Oberpfalz

Ab Februar Verkaufsstart

Das Team kalkuliert einen Preis von etwa 150 Euro pro Stück. Noch ist das Produkt nicht am Markt. Futuro Farming plant die Markteinführung zur „EuroTier“-Messe in Hannover im Februar 2021. Die Ziele sind groß: Nach dem deutschen und dem europäischen wollen die Gründer auch den weltweiten Markt erobern. Sie sind dabei sehr zuversichtlich. „Das ist ein ungelöstes Problem, das viele Landwirte haben. Und unser System funktioniert“, sagt Zacharuk.

Beeindruckt vom Konzept zeigte sich auch das Bayerische Wirtschaftsministerium. Als einziges Oberpfälzer Start-up gewann Futuro Farming in diesem Jahr eine Förderung aus dem Programm „Start?Zuschuss!“ des Wirtschaftsministeriums. Damit ist das Regensburger Unternehmen eines von 27 Start-ups, das sich über eine Förderung von bis zu 36 000 Euro für die Anlauffinanzierung freuen kann. Mehr als 100 Start-ups hatten sich beworben. „Wir sind sehr stolz, dass wir die Jury überzeugen konnten“, sagt Eckberg. Geholfen habe dem jungen Unternehmen das „sehr gute Umfeld“ mit dem Gründerzentrum Techbase als Standort und der Digitalen Gründerinitiative Oberpfalz als Unterstützung. Besonders reizt den Gründer die unternehmerische Freiheit. „Es ist toll, etwas umzusetzen, was einen echten Unterschied machen kann.“

Die Jungunternehmer Jens Eckberg (links) und Alexander Zacharuk präsentieren den kleinen schwarzen Sensor, das Zentrum ihrer Geschäftsidee gegen Kälberkrankheiten.
Der Sensor hat das Kalb stets "im Auge".
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