07.08.2020 - 16:44 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Neue CD von "Geff" Eisenhauer: "Meine Musik ist nicht für jeden"

Der aus Weiden stammende Weltklassedrummer Gerwin Eisenhauer hat mit "2019" ein neues Album aufgenommen. Darin verarbeitet er ein beruflich erfolgreiches Jahr, das sich aber privat als Alptraum erwies.

Gerwin „Geff“ Eisenhauer hat weltweit Fans. Die überrascht er jetzt mit einem Solo-Werk.
von Peter GeigerProfil

Was für ein außergewöhnlicher Drummer Gerwin Eisenhauer (52) ist, das konnte das Regensburger Theaterpublikum noch im Februar begutachten: Bei der Produktion "Jenseits von St. Emmeram" im Velodrom leitete der gebürtige Weidener als musikalischer Direktor seine Band so souverän durch die Geschichte der Popmusik, dass die Musiker irgendwann so fugenlos hin- und herswitchten, zwischen Weihnachts- und Queen-Hymne, dass den Zuschauer nicht nur das Sehen verging, sondern sie vor allem an der Verlässlichkeit ihrer Hörorgane zweifeln mussten. Was da live auf die Bühne gezaubert wurde, klang, als wär's der Willkür des Umschaltknopfs einer Fernbedienung entsprungen.

Gerwin Eisenhauer ist ein Derwisch, ein Wundermann, der nicht nur auf Drum'n'Bass geeichte Computer das Fürchten lehrt, sondern überhaupt im Hase-Igel-Rennen dem Digitalen eine lange Nase dreht. Auf seinem gerade erschienenen Album "2019" dagegen zeigt er sich von seiner poetischen Seite: Als wär's ein Filmsoundtrack, zaubert er düstere Stimmungen, baut Spannungsbögen und löst diese schließlich, so auf, dass am Ende Sonnenstrahlen sichtbar sind. Über das Album, das in handverlesener Stückzahl auf den Markt kommt (Bezug: gerwin[at]trioelf[dot]de) , hat die Kulturredaktion mit ihm gesprochen:

ONETZ: Sie haben Ihr neues Album mit der Jahreszahl „2019“ überschrieben. Das war im Gegensatz zum Seuchenjahr 2020 für Sie ein positiv belegtes Epochenjahr?

Gerwin Eisenhauer: Beruflich war es sehr gut. Ich war unheimlich viel auf Tour, ich spielte auf der ganzen Welt und erhielt schließlich eine Professur an der Hochschule für katholische Kirchenmusik in Regensburg. Aber privat und psychisch war 2019 für mich ein kompletter Alptraum. Ich wusste nicht, wohin ich will, soll, kann. Was war wichtig in meinem Leben? Ich hatte enorme psychische und private Probleme, obwohl – von außen betrachtet – alles wie geschmiert zu laufen schien. Insofern war 2020 und die „Corona-verordnete“ Pause, die mir die Möglichkeit gab, zu schauen, was mir wirklich wichtig ist, geradezu ein Segen. Ich weiß, das mag für viele geradezu absurd klingen.

ONETZ: Als Drummer sind Sie mit dem Trio Elf eine feste Größe im internationalen Jazz. Warum treten Sie jetzt als Komponist und Interpret an die Öffentlichkeit?

Gerwin Eisenhauer: Normalerweise kauft ja niemand das Album eines Drummers. Und leider gibt es auch allerhand Werke von Schlagzeugern, die diese Tatsache durchaus verständlich machen. Bei mir war es einfach so, dass ich wahnsinnig viel Musik, Beats und Klänge im Kopf hatte, die einfach raus mussten. Natürlich sind diese acht Stücke eine Art musikalische Verarbeitung dessen, wie es mir in diesem Jahr erging.

ONETZ: Musik als Rettungsstrategie?

Gerwin Eisenhauer: Ja, ich wollte eine Musik schaffen, wie sie mir wichtig und richtig erschien, ohne irgendwelche Kompromisse. Mir war es eigentlich egal, ob überhaupt jemand die Musik hören will. Mein Album ist keine Musik für jeden! In erster Linie habe ich die Musik eigentlich erst mal nur für mich geschrieben und dann aufgenommen. Ein befreundeter Psychologe hat mir mal gesagt, Künstler wären schlecht für sein Geschäft, weil die viele Sachen durch ihre Arbeit selbst therapieren könnten. Ich glaube, er hat bis zu einem bestimmten Punkt komplett recht.

ONETZ: Sie gelten als Weltklasse-Drummer, der über eine höchst eigenständige Handschrift verfügt …

Gerwin Eisenhauer: Es scheint wirklich so, dass die Art, wie ich bestimmte Sachen, in erster Linie Breakbeats und Drum’n’Bass, spiele, wie eine eigene Handschrift ist, an der mich die Leute erkennen. Und das ist gut so. Mir gefällt es, wenn Leute im Netz schreiben „ein sehr ‚Gerwinesker‘ beat“ oder „klingt wie Gerwin Eisenhauer“. Es fühlt sich schon gut an, wenn man auf der Welt einen klitzekleinen Abdruck hinterlässt. Ich tue halt das, was ich ganz gut kann.

ONETZ: Wenn Sie ein junger Musiker nach Ihrem Erfolgsgeheimnis fragt, welchen Ratschlag geben Sie ihm?

Gerwin Eisenhauer: Wenn ich doch mal eine eigene T-Shirt Linie herausbringe, wird es auch einige geben, auf denen „Üben hilft“ steht!

ONETZ: Täuscht der erste Eindruck – oder ist das, was man auf „2019“ zu hören bekommt, tatsächlich eher düstere Musik?

Gerwin Eisenhauer: Es ist weder Happy Sound für die Party am Ballermann noch was zum nebenbei Hören beim Abwasch. Ich würde mir wünschen, dass jeder, der die Platte hat, sich die 38 Minuten Zeit nimmt, sie ganz durchhört und ich es dann geschafft habe, den Zuhörer auf eine Art emotionale Reise mitzunehmen. Ob die Reise jetzt eher nach Disneyland oder ans Nordkap geht, das bleibt am Ende aber doch dem Hörer überlassen.

ONETZ: Sie haben auch Vokalisten dabei, am auffälligsten ist die Stimme des Rappers. Wie ergab sich die Zusammenarbeit?

Gerwin Eisenhauer: Der Mann nennt sich Shamoozey, und der hat auf einem Internetportal als „Open speech artist“ zwei Texte von sich hochgeladen. Völlig ohne Musik und scheinbar auch ohne ein Metrum. Ich fand sowohl die Geschichten, die er erzählt, wie auch seine Stimme und die Phrasierung so außergewöhnlich und passend zu meiner Musik, dass ich ihn kurzerhand anschrieb und fragte, ob ich die Texte für mein Album benutzen kann. Er hat sofort zugestimmt. Und er hat sich sehr gefreut. Ich mich übrigens auch.

ONETZ: Sie haben auch eine Reihe weiterer Mitstreiter …

Gerwin Eisenhauer: Ich freu mich natürlich sehr, dass viele langjährige musikalische Wegbegleiter wie Lisa Wahlandt, Annika Fischer, die auch aus Weiden ist und Esther Baar einige Chöre beigesteuert haben. Ebenso, dass Christian Wegscheider aus Wien Piano spielt und Christian Diener und unser Trio-Elf-Bassist Sebastian Gieck mit von der Partie sind. Das ist eine sehr illustre Runde.

ONETZ: Darunter befinden sich auch zwei international höchst klangvolle Namen …

Gerwin Eisenhauer: Ja, ich bin auch ein klein wenig stolz, dass Tim Lefebvre und Owen Biddle bei drei Stücken die tiefen Saiten zupfen und ganz unkompliziert mit an Bord gekommen sind. Da ja niemand die Namen von Bassisten kennt, nur so viel zur Info: Tim ist derzeit einer der angesagtesten Bassisten auf diesem Planeten und spielte unter anderem auf David Bowies letztem Album „Blackstar“. Und Owen, der ist Bassist der legendären HipHop Live-Band „The Roots“, mit einem meiner Lieblingsdrummer Questlove.

ONETZ: Wer das Album „2019“ nun haben möchte, muss sich aber sputen. Denn die Zahl der Kopien ist begrenzt …

Gerwin Eisenhauer: Ich wollte auch hier ein kleines Zeichen setzen. Es wird 200 Vinyls, 200 CDs und 100 Cassetten in sehr aufwendigem und schönem Design geben. Aus. Das war’s. Keine Nachpressungen. Wie eine limitierte Sonderedition Sneakers. Mir gefällt die Idee, dass man meine Musik nicht einfach per Knopfdruck auf dem Handy hat und nur 500 Leute in verschiedenen Teilen der Welt meine Musik hören.

ONETZ: Weshalb es das Album auch bei Streamingdiensten nicht geben wird. Ihr Verhältnis zu dieser Distributionsform ist sowieso nicht das allerbeste …

Gerwin Eisenhauer: Ich habe tatsächlich nie verstanden, warum die Musiker der Welt ihr beinahe komplettes aufgenommenes Werk der letzten 100 Jahre für 10 Euro im Monat bei Spotify verscherbeln. Auch bei Downloadportalen wie iTunes habe ich nicht verstanden, warum ein Song von beispielsweise John Cale, Miles Davis oder Notorious B.I.G. das Gleiche kostet wie ein Song von, sagen wir mal, Andreas Gabalier. Es gibt eine Flasche Wein für 2 Euro und eine für 30 Euro. In beiden ist Wein, aber trotzdem gibt es Unterschiede, wie wir alle wissen.

ONETZ: Doppelt teuflisch ist, dass für Musiker durch Corona jetzt auch noch ein wesentlicher Teil des Live-Geschäfts weggebrochen ist. Wie sind Sie durch die Krise gekommen?

Gerwin Eisenhauer: Meine Dozententätigkeit und die Professur haben unserer Familie natürlich eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit vom Live-Business beschert. Aber die verordnete Pause hat mir auch viel Zeit gegeben, mein Leben neu zu ordnen.

ONETZ: Ihre musikalischen Gene sind ja in der Familie geblieben – beide Söhne sind ebenfalls Musiker. Zeichnet sich so etwas wie eine gemeinsame Arbeit ab?

Gerwin Eisenhauer: Oh, da bin ich ganz skeptisch, dass ich da mal mitspielen darf. Das sind auch beide so Kontrollfreaks, was ihre Musik angeht – da ist ihr alter Herr draußen.

Am 18. Juni gastierte Trio Elf in Regensburg.
"2019" ist der Titel der Solo-CD von "Geff" Eisenhauer.

Weitere Informationen zu Trio Elf finden Sie hier

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.