26.07.2021 - 17:20 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Mordprozess: Tochter schildert Martyrium

Aus Eifersucht soll ein 56-jähriger Regensburger seine Ehefrau erstochen haben. Am Montag berichteten die gemeinsamen Kinder vor dem Landgericht Regensburg, wie stark der Mann die Familie über Jahre hinweg tyrannisiert hat.

Über Kopfhörer hört der Angeklagte bei der Verhandlung vor dem Landgericht Regensburg die Simultanübersetzung eines Dolmetschers.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Die Geschichte der Familie beginnt, als die Frau, die aus dem Kosovo stammt, im Zuge der Balkankriege nach Deutschland flieht. In Regensburg wartet bereits ihr Verlobter, der heutige Angeklagte, ein gebürtiger Mazedonier. Die beiden heiraten, sie wird schnell mit ihrem ersten Sohn schwanger, es folgen eine Tochter und ein weiterer Sohn.

Die Tochter, heute 20, beschrieb die Rollenverteilung in ihrer Zeugenaussage so: Der Vater habe gearbeitet, sei zum Essen nach Hause gekommen und habe nachts sein Geld wegen seiner Spielsucht verprasst. Die Mutter sei aus einer gebildeten Familie gekommen, habe in Deutschland aber als Putzfrau gearbeitet – weil ihr Mann ihr verbot, zum Deutschkurs zu gehen.

Die extreme Eifersucht und der Kontrollwahn ihres Vaters hätten das Familienleben überschattet. „Meine Mutter hatte im Auto Angst, aus dem Beifahrerfenster zu gucken, weil ein Mann vorbeigehen könnte.“ Ihr Vater hätte der Mutter dann unterstellt, dass sie mit dem anderen Mann flirtet. Dass die Eifersucht völlig unbegründet war, habe nicht gezählt. „Wenn er sagt, zwei plus zwei ist fünf, dann ist das so“, beschrieb der ältere Sohn in seiner Zeugenaussage den Vater. Auch zu ihrem Putzjob durfte die Mutter nicht alleine, ein Kind musste sie stets begleiten, sagte die Tochter. Der Vater habe die Mutter regelmäßig übelst beleidigt, immer wieder sei es mit zeitlichen Abständen auch zu körperlicher Gewalt gekommen. Er habe die Mutter geboxt oder gegen den Kühlschrank geschubst.

Gegenüber den Kindern sei er nicht handgreiflich geworden, doch auch sie hätten unter seiner tyrannischen Art sehr gelitten. „Ich hatte nachts Angst aufs Klo zu gehen, weil er mich dann anherrschte, warum ich noch wach war“, berichtete die Tochter. Als sie sich einmal den Arm brach, habe ihr Vater sie angeschrien, warum sie das getan habe, nun müsse er sie ins Krankenhaus fahren. Dazu sei die konstante Sorge um die Mutter gekommen. „20 Jahre lang hat er uns nur unterdrückt.“ Nach außen, gegenüber seinen Kumpels habe er so getan, als ob alles in Ordnung war.

Eine große Veränderung kam 2019: Weil er Drogen transportiert hatte, musste der Mann neun Monate in Österreich hinter Gitter. „Wir hatten mehr Freiheiten“, berichtete die Tochter über diese Zeit. Sie habe die Hoffnung gehabt, dass ihr Vater im Gefängnis zu Sinnen kommt. „Tatsächlich wurde es schlimmer.“ Nach der Haftentlassung habe er die Familie noch stärker kontrolliert. Im August 2020 eskalierte ein Streit zwischen Vater und Tochter, nachdem diese ihre Tante über die Probleme in der Familie informiert hatte. Der Vater habe sie mit einem Messer bedroht, berichtete die Tochter. „Ich hatte Todesangst.“ Zum ersten Mal holte sie sich daraufhin Hilfe von außen – und rief die Polizei. Der Vater wurde weggebracht, ein Kontaktverbot wurde verhängt. Sie habe das als Chance gesehen, sagte die Tochter.

Doch die Verwandtschaft intervenierte und drängte die Mutter, ihren Ehemann zurück in die Wohnung zu lassen – was diese schließlich auch tat. „Sie ist eine gläubige Muslimin und wollte ihm noch einmal eine Chance geben“, erklärte die Tochter. In den darauffolgenden Wochen habe sich der Vater tatsächlich anders verhalten, er habe seiner Frau morgens Kaffee gekocht und sei mit ihr spazieren gegangen. „Ich hatte aber immer ein schlechtes Bauchgefühl“, sagte die Tochter. Am 8. Oktober tötete der Vater seine Ehefrau der Anklage zufolge mit rund einem Dutzend Messerstichen in der gemeinsamen Küche. Vorangegangen war demnach ein Streit wegen Anrufen auf dem Handy der Frau von einer unbekannten Nummer – später stellte sich heraus, dass es die neue Handynummer des Bruders der Frau war.

Der Angeklagte verfolgte die Ausführungen seiner Tochter zunehmend ungehalten. Nach ihrer Zeugenaussage bezichtigte er seiner Tochter der Lüge. Ihre ablehnende Haltung ihm gegenüber habe sich auf seine Ehefrau ausgewirkt. Unzufrieden zeigte sich der Angeklagte auch mit seinem Pflichtverteidiger. Er forderte, den Anwalt auszuwechseln, „weil diese Sache hier nicht so gut läuft“. Vorsitzender Richter Michael Hammer lehnte den Antrag als nicht ausreichend begründet zurück. Am nächsten Montag soll ein Urteil fallen.

Anrufe vom Bruder führten zum Tod

Regensburg
Hintergrund:

Mordprozess

  • Die Staatsanwaltschaft Regensburg wirft dem Angeklagten vor, seine Ehefrau aus niedrigen Beweggründen getötet zu haben. Sie fordert, ihn wegen Mordes zu verurteilen.
  • Der 56-jährige Regensburger soll seine Frau schon früher immer wieder zu Unrecht des Ehebruchs sowie des „mangelnden Gehorsams“ bezichtigt und körperlich angegriffen haben.
  • Für den Prozess sind fünf Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil soll am 2. August fallen.

 

 

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