22.07.2020 - 11:24 Uhr
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Missbrauch bei Pfadfindern: Anklage wackelt

Ein ehemaliger "Pfadführer", heute 65, muss sich am Landgericht Regensburg des Vorwurfs auf sexuellen Missbrauchs verantworten. Er leugnet. Auch Zeugenaussagen entlasten ihn.

von Autor AHSProfil

Die Vorwürfe gegen einen 65-jährigen "Pfadführer" aus dem Landkreis Cham gehen zurück auf die Jahre 2013 und 2014. Vor sieben Jahren soll er - damals Ende 50 - einen 13-Jährigen mehrmals sexuell missbraucht haben. Als ihn der 19-Jährige letztes Jahr anzeigte, kam der Rentner in Untersuchungshaft. Derzeit muss er sich vor der 7. Strafkammer des Landgerichts Regensburg unter Vorsitz von Richter Fritz Kammerer verantworten. Ebenfalls angeklagt ist der Besitz von kinderpornografischen Schriften.

Den Besitz der bei ihm sichergestellten rund 3600 Dateien mit etwa 12 000 Bildern räumte der Angeklagte von Anfang an ein. Er will nicht gewusst haben, dass schon der Besitz strafbar ist. Die sexuellen Übergriffe bestreitet er. Der 19-jährige Anzeigeerstatter sorgte als Zeuge vor Gericht mit einer vagen Aussage mit Ungereimtheiten für Stirnrunzeln bei den Richtern (wir berichteten).

Angeklagter "immer hilfsbereit"

Um Licht ins Dunkel zu bringen hörte das Gericht am dritten Verhandlungstag einen jungen Mann, der damals ebenfalls zur Pfadfindergruppe gehörte, und dessen Mutter. Ihm gegenüber sei es zu keinen Annäherungsversuchen gekommen, berichtete der junge Mann. Der Angeklagte sei immer hilfsbereit gewesen. Vor seiner polizeilichen Vernehmung habe der Angeklagte Kontakt zu ihm aufgenommen. Dann habe er ihm erzählt "was Sache ist". Da habe er schon geschluckt und dann schnell das Thema gewechselt, weil er objektiv bleiben wollte. "Möglich ist sowas ja immer. Gelegenheit hätte er gehabt." Der Angeklagte habe sich ihm nach der Trennung der Eltern als väterlicher Freund angeboten und gesagt: "Den Vater kann ich Dir nicht ersetzen, aber wie ein Vater für Dich da sein". Auch das Thema Sexualität habe der Angeklagte angesprochen, aber mehr zur Aufklärung. Er habe das aber abgeblockt.

Unscharfe Pornobilder von Kindern

Die Mutter des jungen Mannes erzählte, dass die Schwester des vermeintlich Geschädigten mit ihr Kontakt aufgenommen und von den Vorwürfen erzählt habe. Sie habe mit dem Angeklagten, zu dem sie auch privat Kontakt hatte, vor seiner Inhaftierung gesprochen. Er habe von einem Racheakt gesprochen, aus dem er nicht schlau werde. Die Frau war in der fraglichen Zeit Elternsprecherin der Pfadfinder. Von einem "unangemessenen Umgang" des Angeklagten mit den Kindern habe sie nichts mitbekommen. Dieser habe ein freundliches und herzliches Wesen, sei "ein Mann von Welt". Sie könne sich auch nicht vorstellen, dass er das getan hat: "Ich glaub' es nicht."

Die Kripobeamtin, die mit der Bewertung der Pornobilder betraut war, sagte im Zeugenstand, dass eine Altersabgrenzung vom Kind zum Jugendlichen oft schwierig, wenn nicht unmöglich sei. Die Bilder seien von schlechter Qualität und teilweise in schwarz-weiß. Abgelichtet waren Kinder etwa ab dem zehnten Lebensjahr, aber auch Jugendliche von deutlich über 14 Jahren.

Pädophilie als "Nebenstörung"?

Auch ein Sachverständiger kam zu keinem abschließenden Ergebnis, wie alt die Kinder auf den Pornobildern letztlich waren. Fest stehe, dass der Angeklagte etwa seit dem zwölften Lebensjahr auch homosexuelle Neigungen habe. Tests über eine pädophile Neigung seien eher unauffällig verlaufen. Eine pädophile Veranlagung konnte nicht abschließend festgestellt werden: wenn, dann eventuell als "Nebenstörung". Ein Satz aus dem Vorgutachten führte zur Fragen. Demnach sagte der Angeklagte zum Sachverständigen: "Ich habe nichts getan, vielleicht kann ich mich nicht erinnern." Geklärt werden konnte diese Einschränkung nicht.

Der Prozess wird am 28. Juli fortgesetzt. An diesem Tag werden die Plädoyers gehalten und es wird voraussichtlich das Urteil verkündet.

Die Aussage des Angeklagten am ersten Verhandlungstag

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