20.05.2021 - 12:26 Uhr
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Missbrauch im Bistum Regensburg: Ex-Landgerichtspräsident legt Finger in die Wunde

Nach einigem Hin und Her gibt es nun auch im Bistum Regensburg eine Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. Vorsitzender ist der frühere Regensburger Landgerichtspräsident Horst Böhm. Er verspricht Unabhängigkeit.

Am Montag nahm die Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Bistum Regensburg die Arbeit auf.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil
Horst Böhm war bis zum Eintritt in den Ruhestand 2019 Präsident des Regensburger Landgerichts. Nun steht er der neuen Aufarbeitungskommission des Bistums Regensburg vor.

Am Montag fand die konstituierende Sitzung der Aufarbeitungskommission statt: Ihr sollen künftig drei externe Sachverständige, drei Mitarbeiter des Bistums Regensburg und drei Betroffene angehören. Bei dem ersten Treffen sei eine „Road Map“ für die nächsten Jahre angelegt worden, erklärt Böhm im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Kommission werde den Aufarbeitungsprozess im Bistum führen und begleiten.

Eine der ersten Überlegungen sei, wie man an Betroffene mit der Frage herantreten kann, ob sie sich in den Prozess einbringen möchten, berichtet Böhm. Denn einer der drei Betroffenen-Sitze in der Kommission ist noch nicht besetzt. Darüber hinaus soll ein eigenes Betroffenen-Gremium mit mindestens fünf Mitglieder geschaffen werden. „Ihre Partizipation ist allen Beteiligten sehr wichtig“, sagt Böhm. Der 67-Jährige sagt, er könne verstehen, wenn Betroffene ein gewisses Misstrauen hegen. Er betont, dass die Aufarbeitungskommission völlig unabhängig agiere – das sei auch ihm persönlich als ehemaligen Richter immens wichtig. Man wolle die Aufarbeitung ernsthaft betreiben – das bedeute, dass auch Konfrontationen mit der kirchlichen Seite möglich seien. „Wenn es Wunden gibt, werden wir den Finger reinlegen.“

Böhm wurde vom Bayerischen Justizministerium als Vorsitzender der Kommission im Bistum Regensburg vorgeschlagen. Dieses Vorgehen ist in der Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland verankert. Dort heißt es, die jeweilige Landesregierung soll geeignete Personen benennen. Böhm war über mehrere Jahrzehnte als Richter und Staatsanwalt tätig und hatte dabei immer wieder mit Fällen sexuellen Missbrauchs zu tun. Dabei habe er gelernt, wie man mit Betroffenen umgeht, sagt der frühere Regensburger Landgerichtspräsident, der 2019 in den Ruhestand ging. Er habe sich bereit erklärt, die Aufgabe zu übernehmen, weil er das Gefühl habe, „dass das für die Betroffenen etwas bringen kann“. Er hoffe, einen Beitrag dazu leisten, das Leid aufzuarbeiten.

Konkret soll die Kommission in den nächsten Jahren Tatsachen, Ursachen und Folgen von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen im Bistum Regensburg erfassen. Dabei gehe es zum einen darum, die Fallzahlen zu erheben – und zum anderen darum, die Ursachen zu erforschen. Eine zentrale Frage werde es sein, welche Strukturen innerhalb der Kirche förderlich für den sexuellen Missbrauch waren. „Wir wollen wissen, wie administrativ mit den Fällen umgegangen wurde“, sagt Böhm. „Wenn Dinge falsch behandelt wurden, wollen wir das klar und deutlich ansprechen.“ Darüber hinaus sollen Vorschläge erarbeitet werden, wie man möglichen Ursachen künftig gegensteuern kann. Jedes Jahr werde die Kommission einen Bericht zu ihrer Arbeit fertigen. Bei gemeinsamen Sitzungen mit den Kommissions-Vorsitzenden der anderen Bistümer sei ein reger Austausch vorgesehen. Nach drei Jahren sei eine öffentliche Fachtagung geplant.

Vor rund einem Jahr hatte der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) beschlossen, Aufarbeitungskommissionen in allen 27 Bistümern einzusetzen. Zunächst hatte es so ausgesehen, als ob Regensburg einen Sonderweg gehen und keine Kommission gründen würde. Das Bistum hatte darauf verwiesen, dass es die DBK-Beschlüsse bereits in den vergangenen Jahren umgesetzt habe. Zwei Studien hatten sich mit Gewalt bei den Regensburger Domspatzen befasst, Betroffene wurden bei der Aufarbeitung beteiligt – dafür hatte es Lob von der Opferseite gegeben.

In die Diskussionen vor der Gründung der Regensburger Kommission, der er nun vorsteht, war Horst Böhm nicht involviert. Er erklärt aber auf Nachfrage, dass die Vorbereitungen für die konstituierende Sitzung, die am Montag stattfand, schon seit vielen Wochen liefen. Das deutet darauf hin, dass die Gründung wohl doch schon länger feststand. Anders als bei der bisherigen Aufarbeitungsarbeit, bei der die Missbrauchsfälle bei den Domspatzen im Vordergrund standen, liege der Fokus der neuen Kommission nun auf dem sexuellen Missbrauch in allen Bereichen der katholischen Kirche im Bistum Regensburg, erklärt Böhm. „Wir legen das breiter an.“

HINTERGRUND:

Aufarbeitung im Bistum Regensburg

  • Im April 2020 hatte die Deutsche Bischofskonferenz beschlossen, unabhängige Aufarbeitungskommissionen in allen 27 Bistümern einzusetzen.
  • Die konstituierende Sitzung der Aufarbeitungskommission des Bistums Regensburg fand am vergangenen Montag statt.
  • Der Kommission gehören drei externe Sachverständige, drei Mitarbeiter des Bistums Regensburg und drei Betroffene an.
  • Unabhängige Ansprechpartner im Bistum Regensburg für Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs sind weiterhin Wolfgang Sill, zu unterreichen unter 09633/9180759 oder wolfgang.sill[at]gmx[dot]de, und Marion Kimberger, zu erreichen unter 0941/20914268 oder marion.kimberger[at]kimberger-online[dot]de.
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