21.09.2020 - 18:26 Uhr
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Maria-Baumer-Prozess: Richter verärgert

Der Mordprozess um Maria Baumer geht auf die Zielgerade. Eine womöglich letzte Zeugin verweigerte am Montag die Aussage. Der Richter zeigte sich derweil verärgert über einen späten Beweisantrag der Verteidigung.

Christian F. auf dem Weg in den Gerichtssaal. Seit Juli steht er in Regensburg vor Gericht. Links Verteidiger Michael Haizmann.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Die frühere Ehefrau eines der Brüder von Christian F. war am Montag als Zeugin geladen. Vorsitzender Richter Michael Hammer wollte sie zu mehreren Facebook-Chats befragen, die sie mit Maria Baumer im Frühjahr 2012 – kurz vor deren Verschwinden – geführt hatte. Doch die Ex-Ehefrau machte als nahe Angehörige von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Damit folgte dem Beispiel der drei Brüder des Angeklagten, die im Juli ebenfalls als Zeugen geladen waren, aber schwiegen. Richter Hammer ließ an die Prozessbeteiligten dicke Papierstapel verteilen – die ausgedruckten Chatprotokolle. Um was es in den Chats ging, blieb den Prozessbeobachtern verborgen.

Damit wäre das kurze Programm des 15. Prozesstages inhaltlich bereits abgearbeitet gewesen, doch dann sorgte die Planung der weiteren Verhandlungstage für Ärger. Als sicher galt bislang nur, dass am 29. September die psychiatrische Sachverständige ihr Gutachten über den Angeklagten vorstellen wird. Zwei volle Tage lang habe die Sachverständige seinen Mandanten, der in U-Haft sitzt, exploriert, erklärte F.s Frankfurter Anwalt Michael Euler. Christian F. habe sich auch zur Sache eingelassen.

Für Zündstoff sorgte die Frage, wann die Plädoyers gehalten werden sollen. Verteidiger Euler schlug vor, die Schlussvorträge aufzusplitten. An einem Tag sollten seiner Meinung Staatsanwaltschaft und die Anwältinnen der Nebenkläger, Maria Baumers Familie, plädieren, an einem weiteren Tag die Verteidigung, die aus ihm und den Regensburger Pflichtverteidigern Michael Haizmann und Johannes Büttner besteht. Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher wehrte sich gegen dieses Szenario und forderte, die Schlussvorträge an einem Tag durchzuziehen. Vorsitzender Richter Hammer blieb letztlich bei seinem ursprünglichen Plan: Die Plädoyers sollen am 29. September im Anschluss an die Vorstellung des psychiatrischen Gutachtens zumindest begonnen werden. Falls die Zeit nicht reicht, werden sie am 2. Oktober fortgesetzt. Ein Urteil wäre dann für die Woche danach zu erwarten.

Als alle terminlichen Fragen geklärt schienen, eröffnete Anwalt Euler dem Gericht, dass die Verteidigung noch einen Beweisantrag stellen möchte – bis zum Abend. Da riss Richter Hammer der Geduldsfaden. Es amüsiere ihn wenig, dass nach drei Wochen Sitzungspause nun so ein Beweisantrag kommen soll, der dann noch nicht mal fertig vorliege. „Warum das erst jetzt kommt, ist mir nicht ganz klar“, erklärte Hammer. Inhaltlich gehe es darum, dass drei Zeugen erklären sollen, dass Maria Baumer Cannabis konsumiert habe, kündigte Euler an. Falls das Gericht dem Antrag zustimmt, könnten diese Zeugen kurzfristig noch geladen werden.

Was die Vorstellungen über das Strafmaß angeht, scheinen sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung kurz vor Ende des Mammut-Prozesses unversöhnlich gegenüberzustehen. Anwalt Euler hatte im August für Aufsehen gesorgt, als er eine Einlassung seines Mandanten vortrug, in der dieser einräumte, Maria Baumer im Wald vergraben zu haben – aber nichts mit ihrem Tod zu tun zu haben. Er habe seine Verlobte tot im Bett vorgefunden, nachdem diese selbst verschiedene Medikamente zu sich genommen hatte. Nach der Einlassung hatte Euler Journalisten gegenüber erklärt, was F. getan habe, sei moralisch sehr verwerflich, aber strafrechtlich nicht relevant. Er strebe weiterhin einen Freispruch an.

Oberstaatsanwalt Rauscher wiederum machte am Montag deutlich, dass sich aus seiner Sicht im Prozess mit Blick auf die Anklageschrift nichts Wesentliches geändert hat. In der Anklageschrift vom Februar wird F. des Mordes beschuldigt. Dafür sieht das Strafgesetzbuch die höchste Strafe vor, die es in Deutschland gibt: lebenslange Haft.

Alles über den Fall Maria Baumer

Hintergrund:

"Was bisher geschah"

Der Mordprozess, der seit 1. Juni vor dem Landgericht Regensburg verhandelt wird, sorgt bundesweit für Aufsehen. Dem Regensburger Krankenpfleger Christian F. wird vorgeworfen, im Mai 2012 seine damalige, aus Muschenried (Kreis Schwandorf) stammende Verlobte Maria Baumer ermordet zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte die damals 26-Jährige mit einem Medikamentenmix heimtückisch getötet und in einem Wald bei Bernhardswald (Kreis Regensburg) verscharrt hat – weil er frei für eine andere Frau sein wollte, in die er sich verliebt hatte.

Nachdem der 36-Jährige Angeklagte zunächst geschwiegen hatte, ließ er seinen Anwalt Michael Euler Mitte August eine Einlassung vortragen. Darin erklärte Christian F., dass er Maria Baumers Körper in der Nacht vom 26. auf 27. Mai 2012 „in einer Kurzschlussreaktion“ im Wald vergraben habe. Er habe seine damals 26-jährige Verlobte aber nicht vorsätzlich getötet, sondern sie am Morgen leblos im Bett vorgefunden. Neben ihr seien auf dem Nachttisch Tabletten gelegen. Mit den Medikamenten habe er Maria aus dem Bezirksklinikum Regensburg versorgt, wegen Regelschmerzen und depressiven Verstimmungen. F., der als Krankenpfleger arbeitete und Medizin studierte, habe berufliche Konsequenzen gefürchtet, wenn herauskommt, dass er die Tabletten gestohlen hatte. Um Marias Verschwinden zu erklären, habe er angegeben, dass seine Verlobte eine Auszeit nehmen wolle – und dafür Anrufe und Facebook-Nachrichten vorgetäuscht. Es folgte eine europaweite Suchaktion, an der sich F. unter anderem mit einem Auftritt in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ aktiv beteiligte – obwohl er den Verbleib seiner Verlobten sehr wohl kannte. (gib)

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