15.03.2021 - 14:10 Uhr
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Kabul, Moria, Regensburg - Stationen einer afghanischen Familie

Monatelang hatte die Regensburger Hilfsorganisation Space-Eye dafür gekämpft, Flüchtlinge aus den Lagern auf den griechischen Inseln in die Domstadt zu holen. Nun ist die erste Familie angekommen. Ein Besuch.

Space-Eye-Vorsitzender Michael Buschheuer (rechts) begrüßt Walid Rahmani in Regensburg.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Ela ist gastfreundlich. Die Dreijährige hält der Reporterin freudestrahlend einen Spielzeugteller und einen Plastikbecher hin. Das kleine Mädchen ist der gut gelaunte Wirbelwind der afghanischen Familie Rahmani (alle Namen geändert). Ela saust durch die Drei-Zimmer-Wohnung, als ob sie hier schon lange zuhause ist. Dabei wohnt sie erst seit zehn Tagen zusammen mit Vater Walid (31), Mutter Mariam (28) und ihrer Schwester Rana (6) in dem Mehrfamilienhaus im Regensburger Süden.

Vater Walid bittet ins Wohnzimmer. Ein Sofa, ein Wohnzimmertisch, ein kleiner Schrank stehen dort, gemütlich ist es noch nicht. Helfer von Space Eye haben die Wohnung mit gespendeten Möbelstücken zweckmäßig ausgestattet. Mariam bringt Saft, schwarzen Tee und einen Teller mit Keksen. Walid, der sehr gut Englisch spricht, beginnt zu erzählen. Seine Familie habe in Kabul, der afghanischen Hauptstadt, ein gutes Leben gehabt, sagt er. Doch dann sei die Sicherheitslage immer schlechter geworden. 2014 starb Mariams Vater bei einem Selbstmordattentat. Seitdem sei seine Frau nicht mehr dieselbe, sagte Walid mit traurigen Augen. Sie leide unter Depressionen, nehme Medikamente ein.

Walid arbeitete für die afghanischen Armee in Zusammenarbeit mit der NATO. Damit sei es für ihn zunehmend gefährlich im Land geworden. „Die Taliban töten Menschen, die mit der NATO zusammenarbeiten.“ Aus Angst vor den Taliban will Walid auch seinen echten Namen nicht in der Zeitung nennen. 2018 beschlossen Walid und Mariam, aus Afghanistan zu fliehen. Die kleine Ela war damals vier Monate alt. Zunächst verbrachte die Familie zwei Monate im Iran, dann brachten Schleuser sie zur türkischen Grenze. Die Schleuser nahmen Tausende von Euros und erzählten der Familie, dass sie auf legalem Weg die Grenze überqueren könnte – eine Lüge. Per Auto, zu Fuß und auf Pferden ging es auf abenteuerliche Weise über die Grenze – für die Familie war es die Hölle. Die Kinder weinten viel, sagt Walid.

Es folgten drei Monate in der Türkei. Zusammen mit 85 anderen Flüchtlingen versuchte die Familie in einem kleinen Schleuserboot nach Griechenland zu gelangen – nach 15 Minuten auf dem Meer wurde das Boot von Polizisten gestoppt. Erst der fünfte Versuch glückte: Nach vier Stunden kam die Familie auf der griechischen Insel Lesbos an. Walid dachte, es sei nur eine Durchgangsstation – doch die Familie blieb für zwei Jahre dort. Zusammen mit drei weiteren Familien hausten sie in einem Zelt im Flüchtlingslager Moria. „Es war ein einziges Warten, es war hart“, erzählt Walid.

Der 31-Jährige erinnert sich gut an die Nacht, in der Moria abbrannte. „Alle versuchten wegzulaufen, diese Nacht war wirklich gefährlich“, sagt er. Eine Woche lang lebte die Familie auf der Straße, dann kam sie im eilig errichteten Ersatzcamp unter. Im Herbst 2020 erreichte Walid die gute Nachricht: Sie sollten zu den 1500 anerkannten Asylbewerber gehören, die von den griechischen Inseln nach Deutschland einreisen dürfen. „Ich war sehr glücklich“, sagt der Familienvater. Er danke der Bundesrepublik sehr, dass sie sich auch um Flüchtlinge außerhalb Deutschlands kümmere. Seine Mutter in Kabul erzähle am Telefon, dass die Situation in Afghanistan sich weiter verschlechtere „Sie ist sehr froh, dass wir hier sind“, sagt Walid.

In einer Woche kommt Tochter Rana in die Schule, als Sechsjährige ist sie schulpflichtig. „Ich hoffe, dass sie und wir alle schnell Deutsch lernen“, sagt Walid. Er selbst hat sich in den ersten Tagen in Regensburg nützlich gemacht: Er half dabei, die sieben anderen Wohnungen in dem Mehrfamilienhaus herzurichten. In sie sollen weitere Flüchtlingsfamilien einziehen.

Dass das Haus der städtischen Wohnungsgesellschaft Stadtbau für die Unterbringung der Geflüchteten genutzt werden kann, ist ein Glücksfall, sagt Space-Eye-Vorsitzender Michael Buschheuer, während er gespendete Wohngegenstände in einem Lager im Erdgeschoss sortiert. Das alte Haus wird modernisiert, weshalb die Mieter bereits ausgezogen sind. Doch dann hätten sich Genehmigungen verzögert, der Bau stehe nun ohnehin ein, zwei Jahre leer. So entstand die Idee, die Flüchtlinge, die Space-Eye mit dem Projekt „Second Life“ nach Regensburg holen will, dort unterzubringen.

Space-Eye zahlt die Miete, solange es notwendig ist. Doch Buschheuer stellt auch klar: „Wir empfangen die Leute herzlich und menschlich, aber wir fordern auch.“ Ziel sei es, dass die Geflüchteten eine Arbeit in Regensburg finden. Um bei der Integration zu helfen, stehen den Familien Paten zur Verfügung, erzählt er. Dann wird Buschheuer vor die Türe gerufen. Ein Bus parkt vor dem Haus, drei Familien mit Kindern steigen aus. Es sind die nächsten Bewohner des „Second-Life-Hauses“.

Hilfe aus Amberg: Unterstützung für Moria

Amberg
Space-Eye:

Vor-Ort-Hilfe auch in Griechenland

  • Space-Eye ist ein gemeinnütziger Verein, der 2018 vom Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer ins Leben gerufen wurde.
  • Der Regensburger Verein setzt sich auf vielfältige Weise für Geflüchtete ein.
  • Ziel des Projekts „Second Life“ ist es, 50 Geflüchteten aus den griechischen Lagern eine neue Heimat in Regensburg zu geben.
  • Space-Eye kümmert sich auch auf den griechischen Inseln um eine menschenwürdige Unterbringung von besonders hilfsbedürftigen Menschen. Derzeit versorgt der Verein knapp hundert Menschen auf Lesbos und Samos mit festen Wohnungen und medizinischer Hilfe.
Space-Eye-Vorsitzender Michael Buschheuer.
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