16.12.2020 - 18:39 Uhr
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Heimtückisches Virus: Corona in Seniorenheimen

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Seit Beginn der Corona-Pandemie steht der Schutz von Seniorenheimen besonders im Fokus. Dennoch ist es in jüngster Zeit in der Oberpfalz gleich zu mehreren, größeren Corona-Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen gekommen. Was läuft schief?

Eine Altenpflegerin testet in einem Seniorenheim eine Bewohnerin.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Seniorenheime sind erneut Hotspots der Corona-Pandemie - wie schon während der ersten Welle. Was ist dort los. Die Verantwortlichen für die Heime von BRK und Caritas in der Oberpfalz beantworten die wichtigsten Fragen.

Warum ist der Schutz der Seniorenheime so schwierig?

"Das größte Problem ist die Heimtücke, mit der das Corona-Virus auftritt und sich weiterverbreitet", sagt Mario Drexler, Geschäftsführer des Bezirksverbands des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) Niederbayern-Oberpfalz. "Es ist schlichtweg nicht kontrollier- oder steuerbar." Menschen, die frei von Symptomen sind, könnten das Virus in sich tragen und unbewusst andere infizieren. Für die BRK-Einrichtungen bedeute das eine enorme Herausforderung. Covid-19-Erkrankungen in einem Pflege- oder Seniorenheim seien der "Worst Case", weil sie in besonderer Weise alte, mitunter stark geschwächte Menschen treffen - die vielzitierte Hochrisikogruppe.

Michael Weißmann, Caritas-Direktor in der Diözese Regensburg, weist daraufhin, dass die Heime keine Gefängnisse sein dürfen. Auch wenn Besuche derzeit eingeschränkt sind, gebe es doch Kontakt mit der Außenwelt. Hinzu komme, dass auch die Mitarbeiter in den Heimen ein "Außen"-Leben führen. Viele hätten Familie und damit Kontakte, auch wenn ein Lockdown verordnet ist. Trotz sehr guter Schutz- und Hygienekonzepte kämen sich Menschen im Alten- und Pflegeheim nahe, "denn Pflege ist halt buchstäblich Dienst am Menschen".

Michael Weißmann, Caritas-Direktor in der Diözese Regensburg.

Wie helfen Schutzausrüstung und Tests?

Ein Problem, das Heimbetreiber noch im Frühjahr beklagt hatten, scheint behoben zu sein. Weder Caritas noch BRK berichten aktuell über einen Mangel an Schutzkleidung und FFP2-Masken. Schutzausrüstung sei ausreichend vorhanden. Was sich seit der ersten Welle ebenfalls geändert hat, sind die Testkapazitäten. Corona-Tests spielen mittlerweile eine zentrale Rolle beim Schutz von Seniorenheimen. In der 10. Bayerischen Infektionsschutz-Maßnahmenverordnung ist festgelegt, dass sich die Heim-Mitarbeiter an zwei Arbeitstagen pro Woche testen lassen müssen. Das werde in ihren Einrichtungen auch so gehandhabt, teilen BRK und Caritas mit.

Was ist mit den Besuchern

In der Verordnung heißt es weiter, dass Besucher auf Verlangen ein negatives Testergebnis vorlegen müssen. Für die Besucher, die ihre Angehörigen sehen wollen, ist das in der Praxis allerdings teils nicht so leicht umzusetzen. Schnelltests sind teuer, bei anderen Tests dauert es einige Zeit, bis ein Ergebnis vorliegt. BRK-Bezirksgeschäftsführer Drexler berichtet dennoch, dass die meisten Besucher Testergebnisse vorweisen können, wenn sie ins Heim wollen. In Ausnahmefällen würden Besucher, die keine Möglichkeit haben, sich testen zu lassen, in den Einrichtungen getestet. Caritas-Direktor Weißmann betont aber, dass die Pflegekräfte hier wirklich an ihr Limit kommen. "Für Testungen bei Besuchern fehlen schlicht die Kapazitäten."

Corona-Ausbruch in Altenheim in Pfreimd

Pfreimd

Gab es Versäumnisse?

Die Frage, ob es politische oder institutionelle Versäumnisse beim Schutz der Seniorenheime gegeben hat, verneint BRK-Bezirksgeschäftsführer Drexler. "Eine Situation, wie wir sie seit März kennengelernt haben, gab es vorher noch nie", betont er. Die Politik greife die Erfahrungen auf und bessere, wenn notwendig, nach. Das passiere aus BRK-Sicht regelmäßig und umsichtig. Das Virus lasse sich schlichtweg nur bedingt kontrollieren. Die Mitarbeiter der Pflegeeinrichtungen wiederum täten ihr Menschenmöglichstes im Kampf gegen das Virus. Für Caritas-Direktor Weißmann ist es nicht der Moment, Vorwürfe zu erheben. "Ich kann sagen, dass in den Heimen alles unternommen wird, um einen Ausbruch von Covid-19 zu verhindern", erklärt er. "Aber Heime sind keine Gefängnisse und deshalb kann ein Eintrag nie zu 100 Prozent ausgeschlossen sein."

Mario Drexler, Geschäftsführer des BRK-Bezirksverbands Niederbayern-Oberpfalz.

Wie belastend ist die Situation für die Bewohner?

Inwieweit ein Bewohner seine aktuelle Lebenssituation als belastend empfindet, hänge stark von seinem allgemeinen Gesundheitszustand ab, sagt Drexler. "Körperlich und geistig fitte Menschen in unseren Einrichtungen, die regelmäßige Besuche gewohnt sind oder die Häuser verlassen dürfen, etwa zum Einkaufen, fühlen sich sicherlich eher und schneller belastet als Personen, die das Geschehen um sich herum wegen einer fortgeschrittenen Demenz ganz anders wahrnehmen." Unterm Strich lasse sich sagen, dass viele der Bewohner die Einschränkungen und Einschnitte mit großer Geduld an- und hinnehmen.

Und die Mitarbeiter?

Drexler bedauert, dass die Situation der Mitarbeiter in der öffentlichen Diskussion oft vergessen werde. Sie seien zum einen durch Mehrarbeit belastet, würden aber auch eine gewaltige psychische Bürde tragen. Pflege bedeute, Verantwortung für Schwache und Hilflose zu tragen - und sei unter normalen Umständen eine Riesenaufgabe, sagt Drexler. "Und jetzt sind unsere Beschäftigten in diesem ohnehin schon fordernden Alltag und in diesem sensiblen Umfeld auch noch auf engstem Raum mit einem hochgefährlichen Virus konfrontiert."

Seniorenheime in der Region:

BRK und Caritas als wichtige Betreiber

Der BRK-Bezirksverband Niederbayern-Oberpfalz mit Geschäftsführer Mario Drexler an der Spitze betreibt acht Alten- und Pflegeheime. Dazu kommen zahlreiche Seniorenheime der verschiedenen BRK-Kreisverbände in der Region. Der Caritasverband der Diözese Regensburg, geleitet von Direktor Michael Weißmann, betreibt insgesamt 51 Alten- und Pflegeheime im Bistum.

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