02.11.2020 - 17:52 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Freispruch in Neuauflage von Mordprozess

Ein 51-Jähriger soll laut Anklage einen Bekannten erstochen haben. Im Februar 2019 wurde er deswegen zu elf Jahren Haft verurteilt. Im Revisionsprozess folgte nun die Wende.

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von Autor AHSProfil

(ahs/dpa) Im Zweifel für den Angeklagten: Ein 51 Jahre alter Mann ist am Montag vor dem Landgericht Regensburg vom Vorwurf des Mordes freigesprochen worden. Er sollte laut Anklage einen Bekannten erstochen haben - was er aber stets abstritt. Das Gericht musste sich zum zweiten Mal mit dem Fall befassen. In einem ersten Prozess war der Pole im Februar 2019 wegen Mordes verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe hob das Urteil aber auf und verwies den Fall zurück.

Nach 887 Tagen in Polizeigewahrsam und Untersuchungshaft konnte der 51-Jährige erleichtert aufatmen. Als er den Richterspruch hörte konnte er kurz seine Tränen nicht zurückhalten.

Unfall bei "Indianertanz"?

Im Mai 2018 war in der Wohnung des Angeklagten in Neustadt an der Donau bei einer Party ein Mann mit einer einzigen Stich-Schnittverletzung in den Hals regelrecht hingerichtet worden. Dem Rettungsdienst und den Beamten des Erstzugriffs erzählten die verbliebenen drei Anwesenden etwas von einem Unfall, da der Geschädigte "einen wilden Indianertanz" aufgeführt habe und dabei gestürzt sei. Doch das Verletzungsbild passte nicht zu dieser Behauptung. Bei ihrer zweiten Vernehmung änderte eine 39-Jährige, die zur Tatzeit in der Wohnung war, auf eine eindringliche Befragung hin ihre bisherige Aussage und gab an, dass der Angeklagte der Täter sei.

Auch vor der Schwurgerichtskammer blieb die Frau bei dieser Version. Daraufhin wurde der Angeklagte im Februar 2019 zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren und Unterbringung in einer Entziehungsanstalt verurteilt, da er zur Tatzeit 2,19 Promille Alkohol im Blut hatte. Auf die Revision des Angeklagten hin hob der Bundesgerichtshof diese Entscheidung auf. Die Karlsruher Richter kamen zu dem Ergebnis, dass das Regensburger Urteil einer "sachlich-rechtlichen Nachprüfung nicht stand hält". Die Täterschaft des Angeklagten sei "nicht tragfähig belegt", unter anderem sei die Widersprüchlichkeit der Aussagen der 39-jährigen Zeugin nicht ausreichend gewürdigt worden.

Vorbericht zur Neuauflage des Mordprozesses

Regensburg

Kronzeugin schweigt nun

Das Verfahren wurde nach Regensburg an eine andere Strafkammer zurückverwiesen. Mit der Möglichkeit konfrontiert, dass sie als Täterin infrage kommen könne, machte die einstige Kronzeugin nunmehr von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Die zur Tatzeit auch anwesende Lebensgefährtin des Angeklagten ließ wissen, dass sie sich inzwischen verlobt hätten und berief sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht. Dennoch versuchte die Strafkammer durch Vernehmung zahlreicher Zeugen und Anhörung von drei Sachverständigen Licht ins Dunkel zu bringen.

"Was wissen wir am Ende?", fragt die Vorsitzende Richterin - um die Frage gleich selbst zu beantworten: "Zu wenig für eine Verurteilung." Es gebe keine originäre Aussage. Auch objektive Spuren würden keinen zuverlässigen Rückschluss zulassen. Fest steht nur, dass das Opfer getötet wurde - aber von wem? Ein zeitweise in den Prozess eingeführter Suizid sei lebensfremd. Auch ein Unfallgeschehen könne nach dem Verletzungsbild ausgeschlossen werden. Dann beschäftigte sich die Gerichtsvorsitzende ausführlich mit der Persönlichkeit der einstigen Kronzeugin. Ihre Aussagen würden erheblich voneinander abweichen und seien teilweise nicht nachvollziehbar. "Sie sind nicht rund und gezielt."

Durch den Freispruch hat der Angeklagte Anspruch auf Haftentschädigung von mindestens 25 Euro pro Kalendertag.

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