14.12.2020 - 00:30 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Feiertage in Hotel-Isolation

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Das Fest der Feste daheim im Kreise der Lieben? Diesmal nicht für den aus Regensburg stammenden, international gefragten Bariton Benjamin Appl: Türchen, respektive Vorhang auf für seine ganz besondere Weihnachtsgeschichte 2020.

Bevor Benjamin Appl im neuen Jahr das Publikum in Hongkong und voraussichtlich auch in Singapur und Taiwan begeistert, sind erst einmal Weihnachten, Silvester und Neujahr in Hotel-Isolation in der ehemaligen britischen Kronkolonie angesagt.
von Anke SchäferProfil

Hongkong statt Oberpfalz oder London. Strenge Quarantäne statt entspannte Feiertage: Der Beruf, der in Benjamin Appls Fall definitiv eine Berufung ist, erfordert manchmal eben auch Opfer. Bevor er also im neuen Jahr das klassikbegeisterte Publikum in der ehemaligen Kronkolonie und voraussichtlich auch in Singapur und Taiwan begeistert, sind erst einmal Weihnachten, Silvester und Neujahr in Hongkonger Hotel-Isolation angesagt.

Eine gänzlich neue Erfahrung wird das für den in London lebenden Sänger allerdings nicht: Um einen Meisterkurs in Lichtenberg sowie zwei Liederabende in München und Waren geben zu können, ging es schon im November nach der Einreise via Schweiz in Regensburger Pflicht-Quarantäne.

Die neue Häuslichkeit

Mit der neuen Häuslichkeit hat sich der bis dahin viel reisende Sänger auch schon während des ersten Frühlings-Lockdowns in London anfreunden müssen. Viel Zeit habe er sich da gelassen, sich vieles angesehen oder angehört, viel telefoniert und ausgiebig Repertoire studiert.

So oder so ähnlich wird es wohl auch demnächst wieder laufen. Sind erst einmal die Corona-Tests vor Abreise am 21. Dezember und am Flughafen Hongkong (mit acht Stunden Wartezeit) überstanden, erwarten ihn ein - immerhin geräumiges - Hotelzimmer, dessen Schlüsselkarte aber eben nur ein einziges Mal öffnet, diverse Bring-und Lieferoptionen, Fitness-Geräte und ein Klavier, damit er auch seine Stimme in Form halten kann. Die Belohnung für diese nicht wirklich beneidenswerte Feiertags-Variante folgt ab 7. Januar: eine Woche Proben für die drei Liederabende vor fast normal besetztem Publikum inmitten des relativ uneingeschränkten Hongkonger Lebens. Insgesamt sind sechs Wochen für die Asien-Tournee eingeplant.

Kein Ersatz für Live-Konzert

Und vielleicht wird die Gefühlslage dann ähnlich ambivalent sein wie beim Restart-Konzert Ende Juni in der Schweiz: zum einen ein erfüllender, großer Moment, der deutlich gemacht hat, dass alles Online-Streamen doch kein Ersatz für ein Live-Konzert sein kann. Zum anderen aber auch ein bisschen Mulmigkeit angesichts der nahezu uneingeschränkten Schweizer Konzert-Realität mit fast verlernter Nähe. Bis zur Ankündigung des neuerlichen Lockdowns, die er wie viele andere zermürbend fand, hat der 38-jährige ehemalige Domspatz mit CD-Aufnahmen und Konzert-Engagements wieder ein Stück weit künstlerischen Alltag erlebt. Als schwierig empfindet er aber die immer noch mangelnde Erkenntnis, dass nur der Besuch der Konzerte etc. den Künstlern tatsächlich hilft. Er habe da auch auf ein aktives Zeichen durch führende Politiker im Publikum gehofft - vergeblich. Für Farbe im Grau des Jahresausklangs sorgt derweil sein kurz vor Pandemie-Beginn in Buenos Aires und Berlin abgedrehter Tango-Film, der seit einigen Wochen in ganz Südamerika für positive Resonanz sorgt.

Goethe und Tango

Die Offenheit der argentinischen Musiker einem deutschen Klassik-Sänger gegenüber, der obendrein ein Goethe-Gedicht mit Tango-Klängen verschmelzen lässt, sei auch eine schöne Gegenbewegung zu wieder stärker aufkommendem, überzogenem Nationalismus und Engstirnigkeit. Bleibt noch der Wunsch für 2021: Dass alle gesund bleiben, die Pandemie bald überstanden ist und Selbstverständliches wieder Wertschätzung findet.

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Friedenfels
Hintergrund:

Zur Person

Benjamin Appl, 1982 in Regensburg geboren, begann seine Gesangskarriere bei den Regensburger Domspatzen. Parallel zum Studium der Betriebswirtschaftslehre setzte er seine Gesangsausbildung an der Hochschule für Musik und Theater München und der Guildhall School of Music & Drama fort.

Besonders geprägt hat ihn seine Zeit als letzter Schüler des legendären Dietrich Fischer-Dieskau. 2014 wurde er mit dem BBC-Preis "New Generation Artist" ausgezeichnet, 2016 erhielt er den "Gramophone Award" als "New Artist of the year 2016", 2018 wurde er von der Pariser Académie du Disque Lyrique mit dem "Orphée d´Or Dietrich Fischer-Dieskau" geehrt. Seit 2016 unterrichtet er an der Guildhall School of Music & Drama in London, wo er auch lebt.

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