19.08.2020 - 19:04 Uhr
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Fall Baumer: Mordurteil oder nur Verstoß gegen das Bestattungsgesetz?

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Christian F. hat im Baumer-Prozess erklärt, dass er seine Ex-Verlobte nicht umgebracht, aber vergraben habe. Der Weidener Strafverteidiger Tobias Konze ordnet die Stellungnahme ein: „Ein Mord-Urteil ist weiter möglich.“

Strafverteidiger Tobias Konze wagt keine Prognose im Baumer-Prozess: „Das ist ganz dünnes Eis.“
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Für die Verwandten von Maria Baumer ist die Einlassung von Christian F. ein Schlag ins Gesicht. Der Ex-Freund räumt ein, die Leiche der seit Mai 2012 vermissten Muschenriederin vergraben zu haben. Ermordet habe er sie aber nicht.

F.s Anwalt Michael Euler verliest, sein Mandant habe Baumer morgens tot im Bett gefunden. Sie habe selbst eine tödliche Dosis Medikamente geschluckt. Weil der damalige Krankenpfleger in der Psychiatrie diese dort entwendet hätte, habe er aus Angst vor beruflichen Konsequenzen das Verschwinden der Frau inszeniert. Das Vergraben der Toten sei eine „Kurzschlussreaktion“ gewesen.

Gericht und Staatsanwaltschaft rügen die Erklärung „als Vorwegnahme des Plädoyers“, nicht zulässig laut Strafprozessordnung. Vorsitzender Richter Michael Hammer lässt dennoch bis zum Ende verlesen. Staatsanwalt Thomas Rauscher spricht von einer „Märchenstunde“. Zudem sei es „grenzenlos pietätlos“ gegenüber der Familie. Die Angehörigen auf der Nebenklagebank wirken schockiert. Was bedeutet diese überraschende Wendung im Prozess?

Chats mit Fakeprofilen

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Der Weidener Strafverteidiger Tobias Konze hilft bei der Einordnung: „Auch wenn es dem Angeklagten gelingt, eine in sich stimmige Version des Hergangs vorzulegen, kann er im Ergebnis als Mörder verurteilt werden, wenn die Beweislage entsprechend dicht ist.“ Im Umkehrschluss heißt das aber auch: „Völlig ausgeschlossen ist es natürlich nicht, damit durchzukommen.“ Konze verfolge den Prozess auch nur medial, habe keine Akteneinsicht und könne deshalb nur eine abstrakte Einschätzung abgeben.

Auch ohne handfestes Tatsachengutachten – weil die Leiche skelettiert ist und mit Kalk Beweismittel vernichtet wurden – könnten andere Indizien, die ein Gesamtbild ergäben, zu einer Verurteilung wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen führen: Etwa wenn man darlegen könne, dass er die Verlobte getötet hat, um für die Patientin frei zu sein, in die er sich verliebt haben soll. „Die Vorgeschichte mit dem Missbrauch an einem Domspatzen, die manipulativen Chats mit Fakeprofilen etwa auch bei der neuen Frau, erhöhen seine Glaubwürdigkeit sicher nicht“, vermutet Konze.

„Er hat schon viele hinters Licht geführt“

Sofern dies alles dokumentierte Verurteilungen seien, nicht lediglich Polizeiprotokolle, spiele das in den Köpfen der Richter bei der Beurteilung sicher eine Rolle. „Er hat schon viele hinters Licht geführt“, könnten die Richter denken, „vielleicht will er das jetzt wieder.“ Wenn diese keine vernünftigen Zweifel mehr an der Tat hätten, sei ein Schuldspruch auch dann möglich, wenn F.s Darstellung theoretisch denkbar sei. „Es gab schon Verurteilungen ohne Leiche“, sagt Konze, „es kommt auf die Dichtheit der Beweiskette an.“

Dagegen seien Recherchen im Internet nach „perfektem Mord“ oder der letalen Dosis eines Medikaments für sich noch keine Beweise, nur Indizien zur Abrundung der Beweislage. Auch F.s vorangegangenes Schweigen dürfe ihm vom Gericht nicht negativ ausgelegt werden. „Es ist das Recht des Angeklagten und manchmal einfach auch das Klügste.“ Aus Teileinlassungen und einem darauf folgenden Teilschweigen könne das Gericht negative Rückschlüsse ziehen: „Jetzt wird er daran gemessen, was er gesagt hat, in welche Widersprüche er sich womöglich verstrickt.“

Honorige Kollegen

Wenn F. etwa behaupte, Baumer habe das Medikament gegen Regelschmerzen verwendet und deren Frauenärztin sagt, sie habe immer ein anderes genommen, sei F.s Version nicht sehr plausibel. Dennoch streue die Einlassung Sand ins prozessuale Getriebe: „Wir sind als Anwälte nicht da, um Mandanten etwas in den Mund zu legen“, glaubt er nicht, dass die Verteidiger diese Story erfunden haben. „Wenn Sie ein ähnliches Berufsethos haben wie ich – und ich halte sie für honorige Kollegen – muss ihnen der Angeklagte eine plausible Erzählung präsentiert haben.“ Als Anwalt würde er so eine Darstellung seines Mandanten selbstverständlich abklopfen. „Wenn der aber nach dem drittem Hinbenzen sagt, es war so, Sie waren nicht dabei – und es halbwegs stimmig ist, kann ich das vertreten.“

Konze kann auch keine unzulässige Vorwegnahme des Plädoyers erkennen: „Eine Einlassung des Angeklagten kann zu jedem Zeitpunkt erfolgen.“ Natürlich schieße ein Staatsanwalt da zurück. Sollte das Gericht aber, was Konze für nicht sehr wahrscheinlich hält, tatsächlich zu dem Schluss kommen, dass man F. keinen Mord nachweisen könne, sei fraglich, welche strafbare Handlung dann noch übrig bliebe: „Ein Verstoß gegen das Bestattungsgesetz, vielleicht wäre er nach dem Betäubungsmittelgesetz belangbar, weil er ihr Drogen gegeben hat? Da kommt man in Bereiche, die marginal sind.“

Info:

Der Fall Maria Baumer

  • Am 26. Mai 2012 verschwindet die
    26-jährige Maria Baumer aus Muschenried (Kreis Schwandorf) spurlos. Es folgt eine große Suche.
  • Seit 1. Juni 2020 läuft der Mordprozess vor dem Landgericht Regensburg. Christian F. wird vorgeworfen, Maria Baumer mit einem Medikamentenmix getötet und im Wald verscharrt zu haben – weil er sich in eine andere Frau verliebt haben soll. Verhandlungstage sind bis Oktober angesetzt.
  • Am 18. August ließ Christian F. ein Geständnis vorlesen und gab zu, Baumers Leiche vergraben zu haben. Getötet habe er sie aber nicht.
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