11.08.2020 - 15:49 Uhr
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Expertin: So reagieren Sie richtig auf Verschwörungen

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Q-Anon, Reptiloiden oder Impfpflicht: 2020 scheint das Jahr der Verschwörungsmythen zu sein. Beraterin Marianne Brandl blickt zurück auf einen Boom in Zeiten der Ausgangssperre und erklärt, wie man mit solchen Erzählungen umgehen kann.

Marianne Brandl leitet die Fachstelle Sekten- und Weltanschauungsfragen im Bistum Regensburg. Die Diplomtheologin berät zu allen Fragen der Weltanschauung – also auch zum Thema Verschwörungsmythen.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Zu Marianne Brandl kommen Menschen, wenn sie merken, dass eine religiöse Gruppe oder eine Weltanschauung ihr Leben - oder das eines Angehörigen - negativ verändert. Sie kennt sich aus mit fundamentalistisch-christlichen Gruppen, esoterisch geprägten Gesundheits-und Heilungsangeboten oder Verschwörungsideologien. Aus ihrer Beratungserfahrung weiß sie: In Krisenzeiten boomen Verschwörungsmythen. "Und selten betraf eine Krise in unserer Zeit die ganze Bevölkerung so, wie es nun bei Corona der Fall ist. Es herrscht viel Unsicherheit."

Seit 2013 leitet Marianne Brandl die Fachstelle Sekten- und Weltanschauungsfragen im Bistum Regensburg, seit 2007 befasst sich die Diplomtheologin mit dem Themenkomplex "Weltanschauung". Brandl begleitet Hilfesuchende über einen längeren Zeitraum hinweg. "Meistens führe ich drei Beratungsgespräche pro Person, manchmal begleite ich Personen über ein halbes Jahr hinweg oder auch länger."

Wie funktionieren Verschwörungsmythen?

Regensburg

Plötzlicher Verschwörungs-Boom

"In meiner kleinen Beratungsstelle bin ich vor Corona vielleicht ein- oder zweimal im Monat mit dem Thema Verschwörungsmythen in Berührung gekommen", sagt Brandl. In den Wochen der Ausgangsbeschränkung aber habe sie fast jeden Tag eine Anfrage rund um das Virus und seine Mythen bekommen. "Und jeder Anrufer hatte einen persönlichen Bezug zu dem Thema." Also beispielsweise einen Verschwörungsgläubigen im Freundes- oder Bekanntenkreis. Mit den zunehmenden Lockerungen ebbte die Nachfrage an Beratung zu Verschwörungstheorien wieder ab. "Die Situation scheint sich etwas normalisiert zu haben. Man spürt, dass Verschwörungsgläubige auch noch andere Themen haben."

Wichtig: Gespräche suchen

Marianne Brandl informiert über verschiedene Arten von Weltanschauungsphänomenen. Bei einer Beratung will sie Betroffenen die Angst nehmen und deeskalieren. "Im Gespräch finden wir gemeinsam heraus, aufgrund welcher Motivation man sich auf neues Gedankengut einlässt, welche Wünsche und, bei Verschwörungsmythen, auch Ängste dahinterstecken und wie man mit ihnen umgehen könnte." Gemeinsam werde dann erörtert, wie es andere Wege für ein Miteinander geben könnte. Brandl unterstützt dabei, mit einem Verschwörungsgläubigen ins Gespräch zu kommen. "Unter bestimmten Leitlinien."

Vor allem rät sie, solle man möglichst bald ein Gespräch suchen. Bevor man sich nur noch gegenseitig Vorwürfe mache oder anschweige. Bei einem Gespräch könne man beweisen, dass man die Probleme des Gegenübers ernst nehme. "Außerdem gibt selten Blitz-Radikalisierungen. Je früher man also ins Gespräch kommt, desto besser." Ein erster Schritt: Miteinander sprechen. "In manchen Beziehungen ist das schwieriger, in anderen leichter." Muss man beispielsweise in einer Beziehung gemeinsame Entscheidungen treffen, seien Konflikte oft nicht vermeidbar", sagt Brandl. "Also, wenn zum Beispiel Kinder im Spiel sind. Der eine Partner will sie impfen lassen, der andere nicht. Der eine will sie mit zur Corona-Demo nehmen, der andere nicht." Leichter sei dies bei Freundschaften: So könne es vorkommen, dass Freunde trotz unterschiedlicher Meinung lange miteinander im Gespräch bleiben könnten, sagt Brandl. "Nur durch ein einziges Gespräch wird man jemandes Meinung auch nicht nachhaltig verändern können. Man kann aber den anderen besser verstehen, unter Umständen lernen, mit der Situation umzugehen und, wenn es möglich ist, bestimmte Themen eine Zeit lang auch außen vor zu lassen."

Hintergrund:

Was kann ich als Betroffener tun?

Marianne Brandl gibt Anregungen für das Gespräch mit Anhängern von Verschwörungsmythen und Menschen, deren Weltbild sich nachhaltig verändert.

  • Weltbildveränderungen beim Gegenüber frühzeitig ernst nehmen.
  • Sich differenzierte Informationen über die neue Überzeugung verschaffen.
  • Miteinander ins Gespräch kommen, bevor Überzeugungen sich vertiefen und neue hinzukommen.
  • Harsche Kritik, pauschale Urteile und den Begriff „Sekte“ vermeiden.
  • Herausfinden, weshalb die spezielle Überzeugung dem Betroffenen im Moment so wichtig ist.
  • Die eigene Überzeugung sparsam, aber klar anbieten. Im Fall von Verschwörungsmythen kann es hilfreich sein, Widersprüche und die große Öffentlichkeit der angeblichen Verschwörung zu thematisieren. Oder zu erklären, dass man „Sündenbock“-Zuschreibungen nicht befürwortet. Und informieren, wie man sich selbst Orientierung und Sicherheit verschafft.
  • Gelassen bleiben. Verschwörungsgläubige sind eine große Herausforderung für Politik und Gesellschaft, aber auch Abraham Lincoln und Thomas Mann hingen Verschwörungsmythen an.
  • Gegebenenfalls akzeptieren, dass man eine bestimmte Überzeugung eines Menschen aktuell nicht verändern kann. Trotzdem in Beziehung zu bleiben, ist oft das realistischere Ziel für den Moment.
  • Gespräche über das Thema „Verschwörungen“ zwar in der Anzahl begrenzen, aber den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen.
  • Nicht erst im Konfliktfall, sondern auch zur Informationsbeschaffung, zur Vorbereitung eines Gesprächs oder wenn man einfach über seine Ratlosigkeit, Wut oder Verzweiflung sprechen möchte, die Beratung einer Fachstelle in Anspruch nehmen.

Ausschlaggebend: Radikalisierung

Ein Kommentar zum Thema

Weiden in der Oberpfalz

In den 80er Jahren wurde die Fachstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen an der Diözese Regensburg eingerichtet. Waren zu Beginn noch Jehovas Zeugen oder Scientology die großen Themen, sind es heute Verschwörungsmythen.

Die Motive, sich einer religiösen oder weltanschaulichen Gruppe anzuschließen, so Brandl, ähnelten denen, weshalb man sich zu einem Verschwörungsmythos hingezogen fühlt: "Man meint, dort Wissen, Orientierung und Stabilität zu finden."

Wie zugänglich die Betroffenen jeweils seien, erklärt Brandl, hänge nicht von der Religion oder Weltanschauung ab, sondern vom Grad der Identifikation oder Radikalisierung. "Mit Menschen, die mit unhinterfragbaren Fundamenten durchs Leben gehen, kommt man schwer darüber ins Gespräch." Ob das jetzt esoterisch-fundamentalistisch oder religiös-fundamentalistisch sei oder eine nicht mehr diskutierbare Überzeugung hinsichtlich einer Wirklichkeit, die anders, bedrohlicher, perfider sein soll als sie erscheint, mache keinen Unterschied, was die Zugänglichkeit angeht. Das frühzeitige Gespräch miteinander, noch bevor eine starke Identifikation erfolgt ist, könne einen Zugang erleichtern.

Hintergrund:

Beratungsstellen in der Region

  • Beratung zu Weltanschauungsfragen insbesondere Verschwörungsmythen, Dipl. Theol. Marianne Brandl M.A. phil., Fachstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Diözese, Obermünsterplatz 7, 93047 Regensburg, Telefon: 0941/5972431, E-Mail: weltanschauungsfragen[at]bistum-regensburg[dot]de
  • Beauftragter für Weltanschauungsfragen für Sulzbach-Rosenberg, Amberg und Schwandorf, Pfarrer Dr. Roland Kurz, Evang.-Luth Kirchengemeinde Christuskirche, Pfarrplatz 6, 92237 Sulzbach-Rosenberg, Telefon: 09661/891-150, E-Mail: roland.kurz[at]elkb[dot]de
  • Beauftragter für religiöse und geistige Strömungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Kirchenrat PD Dr. theol. Haringke Fugmann, Gabelsbergerstraße 1, 95444 Bayreuth, Telefon: 0921 / 787 759 16, E-Mail: Stroemungsbeauftragter[at]gmx[dot]de
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Kommentare

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Dieter Schmitz

Vielleicht liegt die Unsicherheit der Bürger am Versagen und sichtlicher Überforderung unserer Regierung

11.08.2020
Dr. Jürgen Spielhofen

Zusätzlich befeuert durch die Kanzlerambitionen des schwarzen Ritters aus Bayern. :)

12.08.2020