18.07.2021 - 14:37 Uhr
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Corona bremst den "Synodalen Weg" – auch im Bistum Regensburg

Der "Synodale Weg" war für viele die große Hoffnung in der Katholischen Kirche in Deutschland. Doch dann wurde dieser durch die Corona-Pandemie gebremst. Jetzt muss der Dialogprozess wieder Tritt fassen – und auch die Kirche im Bistum.

Eine Frau geht zur ersten Veranstaltung "Synodaler Weg" im Haus am Dom in Frankfurt. Der Auftakt fand vor eineinhalb Jahren im Februar in Frankfurt statt.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Noch bevor sich die Mitglieder des "Synodale Wegs" zu Beginn des Jahres 2020 zur ersten Vollversammlung getroffen hatten, krachte es zwischen den verschiedenen Lagern. Einer der sich immer wieder lautstark in die öffentliche Diskussion über die inhaltliche Ausrichtung das Dialogverfahren eingeschaltet hat, ist der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer. In seinem Bistum selbst läuft die Debatte über den Reformprozess aber sehr unaufgeregt. Wer Katholiken in der Diözese nach ihrem Blick auf den Dialogprozess frägt, erfährt, dass sie nicht auf eine öffentliche Konfrontation aus sind. Sie betonen das Gemeinsame. Klar ist aber auch: Meinungsverschiedenheiten gibt es, aber das wird nicht in aller Öffentlichkeit sondern untereinander ausgetragen, auch mit dem Bischof.

Der Regensburger Oberhirte beteiligt trotz seiner anfänglichen Bedenken am Dialogprozess – und er ist aus dem Bistum nicht der einzige. Neben den Weihbischöfen Josef Graf und Reinhard Pappenberger sitzen auch der Stadtpfarrer von Waldsassen (Kreis Tirschenreuth), Thomas Vogl, und für die Laien Monika Uhl aus Wernberg (Kreis Schwandorf) in der 230 Mitglieder zählenden Vollversammlung.

Als Ersatz für eine Vollversammlung gab es wegen Corona im Frühjahr eine Online-Versammlung. Sie diente dem Austausch. Entscheidungen sind keine gefallen. Auch wegen dieser Regionalversammlungen gab es Kritik, etwa an der Zusammensetzung.

Der Waldsassener Pfarrer Vogl nimmt als Sprecher des Priesterrats im Bistum am "Synodalen Weg" teil. Für ihn steht im Vordergrund, dass alle lernen müssen einander zuzuhören. Das erfordere Geduld. Die verschiedene Perspektiven müssten diskutiert werden. "Wie nehmen wir die Realität in Vielfalt wahr", betont Vogl. Zugleich brauche es die Bereitschaft, über Veränderungen nachzudenken und zu reden.

Auslöser Missbrauchsstudie

In den vergangenen Monaten ist der Prozess des "Synodalen Wegs" wegen die Corona-Pandemie in Stocken geraten, "aber er ist nicht zu Ende", wie Kardinal Reinhard Marx am Samstagabend bei einer Pressekonferenz zum Thema Missbrauchsaufarbeitung in Grafing an der Alz (Kreis Altöting) sagte. Der Erzbischof von Freising hatte, als er noch Vorsitzender des Deutschen Bischofskonferenz war, vehement für die "Synodalen Weg" geworben. Nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie MHG hatten sich die Bischöfe hatten bei ihrer Frühjahrs-Vollversammlung im März 2019 in Lingen dafür ausgesprochen, gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) einen "verbindlichen synodalen Weg" zur Erneuerung der Kirche einzuschlagen. Eine Synode kam aus kirchenrechtlichen und -politischen Gründen nicht in Frage.

An den Grund für den "Synodalen Weg" erinnert auch ehemalige BDKJ-Bundesvorsitzende Thomas Andonie. "Zur Pandemie und der Müdigkeit kommt für Kirche noch die große Krise wegen systemischer sexualisierter Gewalt und die damit in Verbindung stehende Sexualmoral hinzu. Viele offizielle Aussagen der Kirche scheinen nicht mehr vernünftig nachvollziehbar und selbst tief gläubige und langlebig aktive Gemeindemitglieder hadern mit ihrer Kirche", schreibt der aus Weiden stammende Katholik im Vorwort zur Aprilausgabe von "Kreuz und quer", dem Magazin des Bundes der Katholischen Jugend (BdKJ) und des Bischöflichen Jugendamtes (BJA). Andonie hatte für die Jugendbeteiligung beim "Synodalen Weg" gekämpft und erreicht, dass 15 zusätzliche Plätze für junge Menschen unter 30 Jahren vorgesehen wurden.

Erste Texte aus den Foren bis Ende August

Der Ball liegt derzeit in den vier Gesprächsforen. Dort werden die Texte ausgearbeitet, die von der Vollversammlung abschließend bewertet werden. Bis Ende August könnten Papiere vorliegen. Darauf hoffen viele – ob sich die Hoffnung erfüllt, ist offen. "Es war ein Fehler, die Arbeit der Foren intern laufen zu lassen", sagte Thomas Sternberg, der Präsident Zentralkomitees der deutschen Katholiken bei Frühjahrsvollversammlung des Katholikenkomitees im April. Bisher gibt es aber noch nicht mehr Transparenz bei Themen und Terminen der Foren. Eine breitere Beteiligung der Delegierten und der katholischen Öffentlichkeit, wie von Sternberg gewünscht, ist so nicht möglich.

Bischof Voderholzer arbeitet so wie die Regensburger Theologie-Professoren Ute Leimgruber und Erwin Dirscherl im Forum "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche". Im Forum "Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag" arbeitet die Regensburger Professorin für Kirchenrecht, Sabine Demel, mit. In den beiden anderen Foren "Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft" und "Priesterliche Existenz heute" sitzen keine Vertreter aus dem Bistum Regensburg. Zudem gibt es in allen Bistümern Beauftragte für den "Synodalen Weg", die sich ebenfalls halbjährlich treffen. In Regensburg ist dies Theologie-Professor Josef Kreiml. Der Domkapitular ist aber kein Mitglied der Vollversammlung der "Synodalen Weges".

In Pfarrgemeinden andere Probleme

In den Pfarrgemeinden im Bistum stehen derzeit wegen der Corona-Pandemie nicht der "Synodalen Weg" sondern andere Probleme im Vordergrund. "Wie schaut unser Glaubensleben nach Corona aus", sagt etwa Claudia Stöckl, Gemeindereferentin in den Pfarreien Rothenstadt und Etzenricht bei Weiden. "Wie können wieder in die Gänge kommen", beschreibt Pfarrer Vogl die zentrale Frage. Persönliche Begegnungen waren in den vergangenen Monaten kaum möglich. Manche Pfarrgemeinden fragen sich: Wer zählt sich überhaupt noch zur Gemeinde? Viele junge Menschen und junge Familien seien weggeblieben. Derzeit gehe es vor allem darum Kindern und Jugendlichen, die durch die Pandemie belastet und gestresst seien, in der Jugendarbeit einen sicheren Raum zu schaffen, berichtet Kaplan Lucas Lobmeier aus St. Marien in Sulzbach-Rosenberg. Er ist Kreisjugendseelsorger BDKJ Amberg-Sulzbach und Diözesankurat der Pfadfinder (DPSG) im Bistum Regensburg.

Von der Debatte über den "Synodalen Weg" ist bislang wenig in den Pfarrgemeinden angekommen. Auch dafür ist die Corona-Pandemie der Grund. Claudia Stöckl berichtet, dass das Thema auf Pfarreiebene in Predigten erwähnt worden sei. Was er gehört habe, wisse er nur aus der Medienberichterstattung, sagt Gemeindereferent Anton Rauch aus der Pfarrei Hl. Dreifaltigkeit in Amberg. Bildungsveranstaltungen in der Gemeinde oder Pfarreiübergreifend waren nicht möglich. In Regensburg hatte die Katholische Erwachsenen-Bildung (KEB) noch im März 2020 zu einer Diskussionsrunde eingeladen, bei der unter anderem Monika Uhl von der ersten Vollversammlung des "Synodalen Weges" in Frankfurt berichtet hatte. Pfarrer Vogl informierte im Priesterrat und in seiner Pfarrei Anfang März 2020 über die erste Versammlung. Dann begann die Pandemie.

Nicht alle Ideen finden Zustimmung

Ob und welche Reformen bei den Menschen im Bistum Regensburg Zuspruch finden ist offen. Diskussionsbedarf dürfte es aber geben. Entscheidend ist, dass sich die Menschen wieder treffen können und so ins Sprechen kommen, sagt Monika Uhl. Manche schütteln angesichts einiger Reformideen auch mit dem Kopf. Etwa zum Zölibat. Angelika Schedl, Pfarrhaushälterin in Premenreuth (Kreis Tirschenreuth) betont, dass der Zölibat eine freie Entscheidung der Priester sei. Das gelte auch für die Lebensform der Ehe. Sie verweist auf Papst Johannes Paul II. und dessen Theologie des Leibes. Die Freiheit, die einige wollten, sind aus Ihrer Sicht der falsche Weg.

Zum Thema Diakonat der Frau, sagt Uhl, sie sehe nicht, dass das die große Lösung bringe. Das Bistum Regenburg sei noch gut aufgestellt, das heißt es gebe weiterhin ausreichend Priester. Gleichwohl sieht sie etwa die Möglichkeit, dass Frauen die Trauerbegleitung übernehmen. In Großstadtpfarreien etwa, wo es viele Beerdigungen gebe, ist dies aus Sicht von Professor Kreiml, eine Lösung.

Ortsbischöfe haben das letzte Wort

ZdK-Mitglied Uhl hofft, dass Ende August Texte aus den Foren vorliegen und dann eine breitere Diskussion einsetzen kann. Ob und was bei der nächsten Vollversammlung Ende September entschieden wird, ist offen. Sie ist ohnehin eine Zwischenstation. Gut möglich, dass die Debatte in Deutschland noch einmal eine andere Richtung nimmt. Anfang Oktober startet der Dialogprozess zur Weltsynode im Oktober 2023. Dort sollen auf Wunsch von Papst Franziskus die Ortkirchen, also die Bistümer eingebunden werden. Beim deutschen "Synodalen Weg" kommt es am Ende, nach der letzten Vollversammlung im Herbst 2022, darauf an, worauf sich die Mitglieder einigen können und was Rom erlaubt. Das letzte Wort haben aber die Ortsbischöfe und damit in Regensburg Bischof Rudolf Voderholzer. Sie entscheiden, was umgesetzt in ihrem Bistum wird.

Hintergrund:

"Der synodale Weg" in Deutschland in Stichpunkten

  • Eine "Synode" konnten und wollten die Katholische Kirche in Deutschland aus kirchenrechtlichen und -politischen Gründen nicht einberufen. Also wurde eine andere Form für die Beratungen gewählt, der „Synodale Weg“.
  • In ihrem Reformdialog wollen die Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken über die Zukunft kirchlichen Lebens hierzulande beraten. Ein Ziel ist es, das nach dem Missbrauchsskandal verloren gegangene Vertrauen zurückzugewinnen.
  • Die vier Synodalforen sind „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“, „Priesterliche Existenz heute“, „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ und „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“ überschrieben.
  • Ursprünglich war der "Synodale Weg" auf zwei Jahre angelegt, ohne das die Frist formal gesetzt war. Jetzt geht es etwas länger, bis zum Herbst 2022. Die vierte Synodalversammlung ist nun für Ende September 2022 geplant. Wegen Corona-Pandemie war der Zeitplan durcheinandergeraten.
  • Im Oktober dieses Jahr beginnt Papst Franziskus einen weltweiten Dialogprozess, der auf die ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode im Herbst 2023 hinführen soll. Diese ist mit
    „Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Partizipation und Mission“ überschrieben.

Zur Pandemie und der Müdigkeit kommt für Kirche noch die große Krise wegen systemischer sexualisierter Gewalt und die damit in Verbindung stehende Sexualmoral hinzu.

Thomas Andonie, ehemaliger Bundesvorsitzender des BDKJ

Thomas Andonie, ehemaliger Bundesvorsitzender des BDKJ

Hier bringt sich der Regensburger Oberhirte ein

Regensburg

Interview mit Pfarrer Thomas Vogl vor der 1. Vollversammlung

Waldsassen

 

 

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