26.04.2021 - 14:14 Uhr
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Die Firma AVL Software and Functions aus Regensburg entwickelt Systeme für Autos und baut in Roding eine Pilotanlage für autonomes Fahren.

Mit einer digitalen Box am Dach eines Versuchsfahrzeugs sammelt AVL Daten von Situationen aus dem realen Straßenverkehr. Diese Referenzdatensätze bietet AVL der Industrie für die Entwicklung an.

Von Andreas Kerscher

Moderne Autos gleichen fahrbaren Computern. Rund 130 Millionen Zeilen Programmierung stecken in einem Neuwagen. Zum Vergleich: Das in den 1970ern entwickelte Space Shuttle kam mit 400 000 Zeilen Code aus. Heute werden auch Autos durch komplexe Systeme und Steuergeräte geregelt. Die Firma AVL Software and Functions aus Regensburg entwickelt solche Systeme. Mit einem Testzentrum in Roding (Kreis Cham) will AVL nun das autonome Fahren voranbringen.

AVL Software and Functions ist eine eigenständige Tochter des weltweit tätigen AVL-Konzerns aus Graz in Österreich. "Was früher mechanisch war, wird heute mehr und mehr von Software gesteuert", sagt Anton Angermaier, einer der beiden Geschäftsführer. Statt Zahnrädern und Wellen übermitteln heute beispielsweise Aktuatoren den Einschlag des Lenkrads an die Reifen.

Von sieben auf 620 Mitarbeiter in 13 Jahren

Die Geschichte von AVL in Regensburg beginnt im Juli 2008. Der heutige Geschäftsführer Anton Angermeier war einer der ersten sieben Angestellten, die dort Möbel für das neue Büro zusammenschraubten. Inzwischen ist der Regensburger AVL-Ableger von sieben auf 620 Mitarbeiter – zum großen Teil Ingenieure – angewachsen und hat neben Regensburg fünf weitere eigene Niederlassungen.

Das kontinuierliche Wachstum seit der Gründung stagnierte 2020 während der Corona-Krise erstmals, soll bald aber wieder Fahrt aufnehmen, sagt Angermaier. "Wir merken jetzt die Wiederbelebung und gehen davon aus, dass diese Phase bald überwunden sein wird."

Dabei hilft AVL auch der Strukturwandel in der Automobilindustrie mit den beiden großen Themen Elektromobilität und autonomes Fahren. Vom Batteriemanagement bis hin zur Verarbeitung der Daten, die ein Auto über seine Kameras und Sensoren erfasst, muss alles mit Software gelöst werden – goldene Zeiten für Systementwickler.

Was AVL dabei von vielen Mitbewerbern unterscheide, sei, dass man Projekte von der ersten Idee bis zur Serienproduktion begleite, sagt der Geschäftsführer. AVL bietet dabei sowohl eigene Lösungen als auch Neuentwicklungen im Kundenauftrag an.

Schon früh habe AVL das Thema E-Mobilität aufgegriffen, sagt Angermaier. 2012 gewannen die Regensburger den bayerischen Innovationspreis für einen elektronischen Antriebsstrang, der mit 800 statt den damals üblichen 400 Volt betrieben wurde. "Das ist der richtige Weg, weil man schnelleres Laden und effizientere Systeme hat", sagt Angermaier. Die höhere Spannung hilft, E-Autos praxistauglicher zu machen. 800-Volt-Technik steckt heute zum Beispiel im elektrischen Porsche Taycan.

Für eine hochdrehende E-Achse mit 30 000 Umdrehungen pro Minute hat AVL ebenfalls einen Preis eingeheimst. "Je größer die Drehzahl, desto kleiner kann der Motor sein", erklärt Angermaier. E-Autos könnten so leichter und billiger werden. "Von der Leistungsdichte haben wir da alles getoppt, was derzeit auf dem Markt ist."

Schutz vor Angriffen

Neben der Elektromobilität und dem autonomen Fahren sind Anwendungen im Bereich Sicherheit ein weiteres Standbein von AVL. Dabei geht es zum einen um den Schutz des Autos vor Fehlfunktionen oder Bedienfehlern. Überwachungssysteme prüfen im Hintergrund alle Befehle auf ihre Sinnhaftigkeit und Berechtigung. So wird zum Beispiel verhindert, dass Batterien überhitzen oder Teile über ihre Leistungsgrenze belastet werden. "Wir sind Marktführer in Deutschland, wenn es etwa darum geht, sichere Antriebe zu haben", sagt Angermaier. Ein großer deutscher Hersteller setze hier ausschließlich auf die Technik von AVL. Welcher das ist, darf Angermaier nicht verraten.

Zum anderen geht es beim Thema Sicherheit um den Schutz des Autos vor Angriffen von außen – vergleichbar mit einer Firewall oder einem Anti-Viren-System eines Computers. "Das Thema Security gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. Denn je mehr moderne Fahrzeuge mit der Außenwelt, etwa mit der Cloud oder mit anderen Fahrzeugen, kommunizieren, desto mehr steigt die Gefahr für Angriffe von außen", sagt Angermaier.

Weltweit einzigartige Pilotanlage in Roding

2020 hat AVL Schlagzeilen gemacht, als bekannt wurde, dass die Firma Teile des Continental-Standorts in Roding, der bis Ende 2024 geschlossen werden soll, übernimmt. AVL mietet zwar Büroräume und Hallen von Continental an, wird aber nicht die Fertigung und nur vereinzelt Mitarbeiter übernehmen, stellt Angermaier klar. Geplant ist eine "weltweit einzigartige Pilotanlage" für autonom fahrende Autos. Deren Sensoren müssen auch bei Regen, Nebel oder tief stehender Sonne funktionieren – Fehler hätten katastrophale Folgen.

AVL will Kunden in Roding darum eine Entwicklungsumgebung bieten, in der sie Systeme für autonomes Fahren erproben können. Dafür investiert das Unternehmen mehrere Millionen Euro. Unter anderem ist ein Gebäude, in dem man verschiedenste Wetterbedingungen simulieren und immer wieder gleich nachstellen kann, geplant. Die Folgen von Änderungen in der Software und Sensorik lassen sich so besser beobachten. "So machen wir eine objektive und zuverlässige Beurteilung von Systemen möglich", sagt Angermaier.

AVL wolle damit die Entwicklung der Fahrzeuge der Zukunft "maßgeblich mitgestalten", sagt Angermaier. Schon bis 2030 werden Autos rund 300 Millionen Zeilen Code haben. Viele davon aus Regensburg.

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"Was früher mechanisch war, wird heute mehr und mehr von Software gesteuert."

Anton Angermaier

Anton Angermaier

Hintergrund:

AVL Software and Functions Regensburg

  • Die Mutterfirma von AVL Software and Functions aus Regensburg ist der 1948 gegründete Automobilzulieferer AVL (Anstalt für Verbrennungsmaschinen) List mit Hauptsitz in Graz in Österreich.
  • Nach eigenen Angaben ist AVL List das weltweit größte unabhängige Unternehmen für die Entwicklung, Simulation, Erprobung und Integration von Antriebssystemen.
  • Inhaber ist der österreichische Industrieunternehmer Helmut List.
  • Der Jahresumsatz des Gesamtkonzerns beträgt rund 1,97 Milliarden Euro.
  • 11500 Mitarbeiter sind weltweit beschäftigt, etwa 4 300 davon in Graz.
  • AVL ist in über 26 Ländern tätig.

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