05.07.2020 - 16:01 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Abschied von Kirche und Glaube

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Der Negativtrend ist ungebrochen, er hat sich sogar noch verstärkt: Immer mehr Katholiken und evangelisch-lutherische Christen kehren ihrer Kirche den Rücken.

Gottesdienste sind unter strengen Auflagen wieder möglich. Doch die Reihen der Gläubigen lichten sich auch ohne Coronakrise immer mehr.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Im Jahr 2019 traten im Bistum Regensburg 10 655 Katholiken aus der Kirche aus. Das entspricht einer Quote von 0,93 Prozent im Verhältnis zur Gesamtmitgliederzahl von 1 143 030 Katholiken. Auch der evangelisch-lutherische Kirchenkreis Regensburg steht nicht besser da. Die Diözese bietet seit einigen Jahren im Sommer ein "Austrittstelefon" an, um auf die Entwicklung zu reagieren. "Mit einigen Anrufern kann man gut ins Gespräch kommen", sagt der Regensburger Diakon und Caritas-Direktor Michael Weißmann, der wiederholt an der Aktion teilgenommen hat. Wenn allerdings bereits das Fundament für den Glauben fehle, werde es schwierig: "Man kann dann für die Kirche werben, aber niemanden mehr reinziehen."

Missbrauchsfälle, die Problematik für wiederverheiratete Geschiedene, der Zölibat, die mangelnde Beteiligung der Frauen an der Amtskirche - das sind die gängigen Kritikpunkte an der römisch-katholischen Kirche. Sie kämen auch am Austrittstelefon immer wieder zur Sprache, bestätigt Weißmann. Für ausschlaggebend hält er sie dennoch nicht: "Meine Wahrnehmung ist eher, dass die heutige Generation keine Hinführung mehr zur Kirche erlebt hat, wie es früher der Fall war." Damals sei Kirche noch eine Art "Gemeinschaftsraum" und auch ein Treffpunkt gewesen. Heute gebe es soziale Medien, und: "Viele haben die Glaubensbotschaft völlig aus den Augen verloren. Das Evangelium ist gar nicht mehr gefragt."

Gesamtgesellschaftlicher Trend

Ähnlich äußert sich Pfarrer Roland Thürmel von der Kircheneintrittsstelle im Evangelisch-Lutherischen Dekanat Regensburg. "Der Traditionsabbruch in den Familien spielt eine zentrale Rolle", glaubt er. Das Tischgebet, abendliches Vorlesen aus der Kinderbibel, die Vermittlung der Weihnachtsgeschichte, all das finde kaum noch statt. Thürmel spricht von gesamtgesellschaftlichen Trends: "Man hat heute das Gefühl, es gibt genügend Netze außerhalb der Kirche, die mich absichern." Auch nehme generell die Bereitschaft ab, einer Institution längere Zeit die Treue zu halten und Solidarität zu zeigen.

Der Pfarrer hadert mit der Situation: "Wir versuchen so viel, um die Menschen zu erreichen, wir versuchen, uns zu reformieren. Da läuft so viel in der evangelischen Kirche." Trotzdem schlage sich das nicht in geringeren Austrittszahlen nieder. Häufig träten sogar diejenigen aus, die es sich finanziell gut leisten könnten, Kirchensteuer zu zahlen. "Heutzutage haben wir ein Anspruchsdenken: Ich zahle und bekomme dann etwas dafür, die Solidargemeinschaft spielt keine Rolle mehr." Dabei könne auch die Kirche mit all ihren Angeboten nur für die Menschen da sein, weil andere Steuern zahlen."Manchmal frage ich mich schon, sind wir nur noch Dienstleister?", klagt Thürmel. "Da heiraten Leute kirchlich und fünf Wochen später treten sie aus." Es komme auch vor, dass Angehörige von Ausgetretenen um eine kirchliche Beerdigung der Verstorbenen nachsuchen. Und Brautpaare oder Eltern präsentierten Paten, die gar keine Kirchenmitglieder sind.

Der Traditionsabbruch in den Familien spielt eine zentrale Rolle.


"Kein Gespür mehr"

Thürmel spricht von einer "völligen Verkennung" der Lage, was mit den Kirchensteuern geschehe. "Pfarrer sind Akademiker und eine Arbeitsstunde kostet halt auch." Oft heiße es, die Kirche habe so viel Vermögen, zum Beispiel in Form von Immobilien, "aber das muss ja alles gepflegt und erhalten werden und eine Kirche ist nicht einfach so verkäuflich. Wir haben aber kein Geld übrig, um zum Beispiel alle Kirchengebäude zu erhalten." Auch der katholische Diakon Weißmann glaubt, dass viele nicht einschätzen könnten, wofür ihre Steuergelder verwendet werden. "Diese Menschen fühlen sich außen vor in der Gemeinschaft der Glaubenden und haben auch oft kein Gespür mehr für zum Beispiel die Schönheit eines Kirchenraums."

Weißmann hat am "Austrittstelefon" die Erfahrung gemacht, dass viele Anrufer einfach ihren Frust abladen wollten. "Diese Menschen sind mit der Kirche durchaus noch verbunden." Manchmal werde über den Gemeindepfarrer geschimpft, manchmal entwickle sich ein echtes Seelsorgegespräch. Auf "ganz krasses Unverständnis" stoße die Geschiedenen-Problematik. "Das ist eigentlich immer ein Thema und mündet meistens in längere Gespräche." Der Diakon ist überzeugt, dass sich die katholische Kirche in Deutschland im Allgemeinen und das Bistum Regensburg im Besonderen "auf einem guten Weg" befinden. "Bischöfe und Laien sind miteinander im Dialog." Und beim Thema Missbrauch zeige sich gerade Bischof Voderholzer äußerst engagiert.

"Auch bei uns gehen Dinge schief", räumt der evangelische Pfarrer Thürmel ein. "Wir geben das auch zu." Man bemühe sich auf jeden Fall zuzuhören. "Wir müssen aber auch schauen, dass wir uns besser präsentieren", glaubt er.

Die aktuellen Zahlen zu Kirchenaustritten in der Region für das Jahr 2019:

Oberpfalz
Pro und contra Austritt:

Wir sammelten Stimmen unserer Leser für und wider den Austritt aus der Kirche.

Pro Kirchenaustritt:

„Ich bin 2018 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Meine Mutter, sehr christlich, durfte zu Hause sterben. Demenz, aber das Vaterunser konnte sie einwandfrei bis zum Ende. Unser Priester wollte nicht auf seinen freien Tag verzichten, nun, die ist ja schon gestorben, den Segen können wir auch spenden. Das war zu viel, meine Mutter war noch nicht begraben und ich bin ausgetreten, hab es nie bereut.“

„Bin gerade frisch ausgetreten und steh voll dahinter. Zahlen, um zu glauben, ist ein Hohn. Und die Taschen der Kirche weiter zu füllen, dafür ist mir mein nicht leicht verdientes Geld zu schade. Möchte ich Gutes tun, so kann ich lieber vor Ort und lokal etwas spenden oder tun. Gelebte Nächstenliebe anstatt volle Kassen bei den Kirchen.“

„Der weltweite Missbrauchsskandal, bei dem laut offiziellen Zahlen in Deutschland alleine 3677 Kinder seit 1946 missbraucht wurden, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Dunkelziffer dürfte dabei (...) noch wesentlich höher liegen. Zur Rechenschaft wurden die meisten Täter, bis auf eine eventuelle Suspendierung, nicht gezogen.

Die katholische Kirche ist (...) größter privater Grundbesitzer Deutschlands und das Gesamtvermögen wird auf 200 Milliarden Euro geschätzt.Dennoch zahlt der Staat mehr als eine halbe Milliarde Euro jährlich an die beiden großen Kirchen, zusätzlich zur Kirchensteuer. Die karitative Leistung der Kirchen, mit denen sie so gerne werben, ist dabei so gering, dass die Zahlen vernachlässigt werden können. Nur 1,8 Prozent der Kosten von Diakonie und Caritas werden von den Kirchen getragen, der Rest kommt aus öffentlicher Hand. (...)“

„Warum bezahlt man Kirchensteuer und die Pfarrer und Würdenträger werden dann nochmal vom Staat entlohnt? Dann werden die Gemeinden nicht mehr besetzt. Der erste, der bei dem Brand in Notre-Dame geschrieen hat, wir zahlen nichts, war der Vatikan (...). Dann noch die Scheinheiligkeit mit dem Missbrauch der Kinder. Auf eigene Gesetze bestehen, zum Beispiel Arbeitsrecht. In der Familie reinreden wollen ohne eine Ahnung, was da abgeht, wie auch? (...)“

Contra Kirchenaustritt

„Auch ich kann mich nicht als religiösen Menschen identifizieren, ich persönlich kann auch glauben ohne Kirche. Jedoch bin ich der festen Überzeugung, dass dies kein Grund ist, aus der Kirche auszutreten. Wir leben in einem Land, in dem Solidarität groß geschrieben werden sollte, besonders in der heutigen Zeit. Passive Kirchenmitglieder unterstützen mit ihren Beiträgen ja eine Institution, die sich zum größten Teil um die Alten, Armen und Schwachen kümmert, um Leute, die in Not geraten sind. Eine Gemeinschaft, die den Leuten, die nichts und/oder niemanden mehr haben, Kraft gibt. Es wird häufig einfach vergessen, was die Kirche im allgemeinen für die Bevölkerung im Hintergrund leistet. (...) Allein aufgrund der Tatsache, dass der Staat unseren Rentnern und Alten der Gesellschaft, den Schwachen und Kranken, den Geflüchteten und Vertriebenen nicht allein helfen kann und auch nicht wird, sollten wir als Gesellschaft und als jede einzelne Person einmal darüber nachdenken, ob es wirklich so schlau ist, durch Austritte der Kirche ,die Meinung zu geigen’. Ich denke, eine Reform richtiger Art und Weise würde der Kirche sehr gut tun, zum Einen um ihr Bild als Institution für Hoffnung und Glauben wiederherzustellen, zum Anderen damit sich wieder mehr Menschen mit ihr identifizieren können.(...)“

„Ich ringe auch mit verschiedenen Sachen in der Kirche, aber für mich überwiegt das Positive. Ich freue mich auf und über meine Kirche! Es ist schön, ein Teil dieser großen Gemeinschaft von Menschen zu sein. (...) Ich bin froh, dass wir so viele schöne Kirchen haben und dass sie noch erhalten werden können und ich zu jeder Tageszeit hineingehen kann. Ich bin froh und dankbar für alle Glaubensfeste, die ich in einer wunderschönen Kirche feiern kann, weil in der Pfarrei alle zusammenhelfen (...).

Und ich bin dafür, dass jeder frei entscheiden soll! Und wem das alles nichts wert ist und wer ein Bild von Kirche aus längst vergangenen Tagen hat, weil er sich nicht up to date im Glauben hält oder halten will, der soll auch nicht dafür bezahlen. Und ich kann den Austritt verstehen! Weil in der Öffentlichkeit vieles wirklich mies rüberkommt von Kirche und so weiter. (...) “

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