09.05.2020 - 14:38 Uhr
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"20 Prozent unserer schwerkranken Covid-Patienten versterben"

Während sich viele über Lockerungen der Beschränkungen freuen, kämpfen Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen weiterhin um ihr Leben. Ein Interview mit Prof. Bernhard Graf.

Corona-Patienten mit schweren Krankheitsverläufen müssen auf der Intensivstation Spezialgeräten behandelt werden.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Wir haben mit Professor Bernhard Graf über die Behandlung von Covid-19-Patienten an der Uniklinik Regensburg gesprochen. Er ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie.

ONETZ: Herr Professor Graf, wie viele Covid-19-Patienten werden aktuell auf der Intensivstation der Uniklinik Regensburg behandelt?

Professor Bernhard Graf : Wir haben aktuell 27 beatmete und 7 nicht-beatmete Covid-Patienten auf der Intensivstation. Zu zwei Drittel sind es Männer. Die jüngste Patientin bisher war 21 Jahre alt, der älteste Patient 75 Jahre alt. Sehr wenige Patienten kommen aus Regensburg. Die meisten werden uns aus anderen Krankenhäusern zugewiesen, vor allem Patienten aus dem Bereich Tirschenreuth und Weiden, aber auch aus der Region Rosenheim, Straubing oder Passau, die wir als medizinischer Maximalversorger übernehmen. Die Kooperation zwischen den Häusern läuft sehr gut. Auch drei Patienten aus Italien haben wir behandelt.

ONETZ: Hatten sie alle Vorerkrankungen?

Professor Bernhard Graf : Manche hatten leichte Vorerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, andere waren schwerer vorgeschädigt oder hatten gerade eine Transplantation hinter sich. Jemand, der gar keine Vorerkrankung hatte, war nicht dabei.

ONETZ: Ist die Uniklinik Regensburg während der Corona-Pandemie bislang je an ihre Kapazitätsgrenzen gekommen?

Professor Bernhard Graf : Wir waren nie in einem Katastrophenmodus, in dem wir keinen Patienten mehr aufnehmen hätten können. Auch als wir an Ostern einen Höchststand von 40 Covid-Patienten auf der Intensivstation hatten, waren wir nie in einem Engpass.

ONETZ: Was unterscheidet Covid-19-Patienten von anderen Patienten auf der Intensivstation?

Professor Bernhard Graf : Bisher hatten wir noch nie ein Krankheitsbild, bei dem die Patienten so lange beatmet werden müssen, bis zu fünf Wochen oder sogar länger. Das ist extrem ungewöhnlich.

ONETZ: Welche Rolle spielt die Anästhesie in der Corona-Pandemie?

Professor Bernhard Graf : Die operativen Intensivstationen an der Uniklinik Regensburg werden von Anästhesisten geleitet. Wir sind für die Grundversorgung der Patienten zuständig und holen andere Fachbereiche in der Intensivmedizin hinzu, bei Covid arbeiten wir viel mit Internisten und Infektiologen zusammen. So kann die sehr komplexe Covid-Erkrankung interdisziplinär angegangen werden. Es ist nicht nur eine Lungenkrankheit. Das Virus kommt zwar über die Lunge in den Körper, betrifft aber auch andere Organe.

ONETZ: Es wird berichtet, dass sich der Zustand der Patienten plötzlich verschlechtern kann.

Professor Bernhard Graf : Erst gestern haben wir einen Patienten aufgenommen, der noch so fit war, dass er selbst zu uns in die Notaufnahme kommen konnte. Dort mussten wir ihn dann schon mit einer non-invasiven Beatmung unterstützen, bei der er über eine Maske Sauerstoff bekam. Abends mussten wir ihn dann notfallmäßig intubieren, ihm also unter Narkose einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre einführen. Das ging rapide schnell innerhalb von wenigen Stunden.

ONETZ: Wie viele Patienten kann ein Intensivpfleger betreuen?

Professor Bernhard Graf : Wir haben eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Manchmal müssen auch mehrere Pfleger mithelfen, denn während der künstlichen Beatmung müssen die Patienten teils in die Bauchlage gedreht werden, so dass sich in der Lunge die Durchblutung und die Ventilation ändert. Das ist bei einem intubierten Patienten in Vollnarkose sehr schwierig.

Professor Bernhard Graf, Direktor der Klinik für Anästhesiologie an der Uniklinik Regensburg.

ONETZ: Es gibt eine Diskussion darüber, ob eine frühzeitige Beatmung mehr schadet als nutzt. Was ist Ihre Erfahrung?

Professor Bernhard Graf : Man darf natürlich nicht zu früh intubieren, denn die künstliche Beatmung, bei der die Lunge mechanisch aufgeblasen wird, ist natürlich belastend für die Lunge. Aber es gibt harte Kriterien, bei denen man mit der Beatmung nicht mehr warten kann, weil man den Patienten sonst gefährden würde.

ONETZ: Wie entscheidet sich, ob ein Patient die Krankheit nicht überleben wird?

Das sind Patienten, bei denen sich über Tage hinweg die Situation so verschlechtert, dass wir in einer Gruppe von mehreren Ärzten zu der Entscheidung kommen, dass wir den Patienten nicht mehr dahin zurückbringen können, dass er wieder am Leben teilhaben könnte, wenn er aufwacht. Wir stellen nie ein Gerät ab, machen dann aber in Absprache mit den Angehörigen den nächsten Schritt, etwa eine Reanimation, nicht mehr. Etwa 20 Prozent unserer schwerkranken Covid-Patienten versterben, meist an Multiorganversagen.

ONETZ: Besucher sind auf der Covid-19-Station nicht gestattet. Inwiefern ist das eine Belastung für die Angehörigen und die Patienten, besonders im Sterbefall?

Professor Bernhard Graf : Das ist extrem schwierig. Die Angehörigen haben den Patienten vielleicht zum letzten Mal gesehen, wie er zu Fuß in die Notaufnahme gegangen ist und dann müssen wir ihnen nach einigen Wochen mitteilen, dass wir überlegen, wie weit wir noch gehen können. Das ist natürlich ein enormer Schritt. Häufig haben die Angehörigen den Wunsch, dass sie ihren geliebten Menschen nochmal sehen. Wenn es irgendwie geht, erlauben wir das auch. Der Patient selbst ist dabei in der Regel sowohl aufgrund der Medikamente als auch wegen des aktuellen Gesundheitszustands in einem tiefen Koma, so dass wir ihn auch nicht einfach aufwachen lassen könnten, bevor er verstirbt.

ONETZ: Wie schützen sich die Ärzte und Pfleger vor einer Ansteckung? Haben Sie ausreichend Schutzkleidung?

Professor Bernhard Graf : Anfangs war die Schutzkleidung Mangelware, das ist nicht mehr so. Wir tragen eine FFP2-Maske, einen Einmal-Überkittel und Handschuhe, wenn wir am infektiösen Patienten arbeiten. Das Wichtigste ist die Desinfektion der Hände. Wir haben zum Glück eine extrem geringe Ansteckungsrate bei den Pflegern und Ärzten, was uns beruhigt. Was derzeit teils knapp wird, ist das Sedierungsmittel, weil die Patienten extrem lange beatmet werden und dabei in Vollnarkose liegen. Die Körper gewöhnen sich daran und brauchen jeden Tag mehr Sedierung. Wir hatten bisher Gott sei Dank aufgrund der Unterstützung vieler Bereiche, wie etwa unser Klinikapotheke, aber immer noch Vorrat für eine Woche.

ONETZ: Mit welchen Entwicklungen rechnet die Uniklinik in den nächsten Wochen in der Pandemie?

Professor Bernhard Graf : Im Moment ist die Situation stabil bei etwa 27 bis 30 Covid-Patienten auf der Intensivstation. Wir hoffen, dass die Zahl in den nächsten Wochen sinkt und wir das normale OP-Programm wieder hochfahren können. Falls eine zweite Covid-Welle kommt, sind wir aber in der Lage, innerhalb von wenigen Tagen wieder Strukturen aufzubauen, mit denen wir problemlos mehr als doppelt so viele Covid-Patienten aufnehmen könnten wie wir derzeit haben

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Kommentare

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Maria Estl

Ich danke der Redaktion für die breit gefächerte und fundierte Berichterstattung zu Corona. Prof. Bernhard Graf antwortet umfassend und klar. Besonders Beiträge wie dieser, ebenso wie der in der gestrigen (07.05.) Druckausgabe "Einfach atmen" zeigen die erschreckenden Ausmaße der Pandemie. Diese Berichte sind aus meiner Sicht unbedingt erforderlich, denn es gibt noch zu viele Gleichgültige, die denken, Corona gehe sie nichts an. Zumindest lassen die Verhaltensweisen mancher Zeitgenossen darauf schließen.
Auch die Kommentare von Frank Werner und Wolfgang Würth in der heutigen und der gestrigen Ausgabe sprechen die Fakten deutlich aus. Danke dafür.

08.05.2020