27.09.2020 - 20:18 Uhr
MünchenDeutschland & Welt

Rätseln um Söders Teetasse

Auf dem virtuellen Parteitag hält CSU-Chef Markus Söder eine ernste und nachdenkliche Rede. Trotzdem zündet er ein paar Spezialeffekte - mit nicht immer glücklichem Timing.

Markus Söder (CSU), Parteivorsitzender und Ministerpräsident von Bayern, sitzt beim virtuellen Parteitag vor seiner Rede in seinem Büro in der CSU-Landesleitung. Auf seinem Schreibtisch steht eine Tasse mit der Aufschrift "Winter is coming/Winter is here· und einem Motiv aus der Fernsehserie "Game of Thrones".
von Jürgen UmlauftProfil

Markus Söders Rede auf dem virtuellen Parteitag der CSU läuft schon eine halbe Stunde, da wird der CSU-Chef an seinem Schreibtisch im Franz-Josef-Strauß-Haus auf einmal persönlich, sehr persönlich. Zuvor hatte er noch einmal eindringlich vor den Gefahren des Coronavirus gewarnt, an die Vernunft der Bürger appelliert und eine - mit Ausnahme weniger selbstkritischer Anmerkungen - positive Bilanz der Krisenpolitik gezogen. Es wirkte wie ein Lehrvortrag mit Dr. Söder, ein Best-of seiner Pressekonferenzen aus den vergangenen Monaten.

Jetzt aber zieht Söder ein paar Blätter aus seiner Mappe. Es sind Zuschriften von Menschen, die wohl - um es neutral auszudrücken - mit seinen Corona-Maßnahmen nicht einverstanden sind. Menschen, die rationalen Argumenten nicht mehr zugänglich scheinen, deren Weltbild aus Hass, Hetze und Verschwörung besteht. Er habe sich lange überlegt, ob er diese Pamphlete öffentlich mache, habe sich dann aber dafür entscheiden, "weil ich glaube, dass da eine größere Gefahr dahintersteckt, als man denkt".

Beleidigungen und Drohungen

Scheinbar ungerührt liest Söder vor, welche Tötungsphantasien mancher auf ihn projiziert, von übelsten, auch rassistischen Beleidigungen und Schmähungen ganz abgesehen. "Schon ziemlich krass, oder?", beendet Söder diese gruselige Sequenz. Kein Spaß sei das, schon gar wenn man selber betroffen sei. Er wolle trotz der Anfeindungen Linie halten, schließlich würden alle Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen getroffen. "Mein Leitmaßstab heißt Vernunft statt Verschwörung."

Anschließend kommt er nur zwei Sätze weiter. "Sorry, ich muss nochmal durchschnaufen, weil das ehrlicherweise eine ziemlich harte Geschichte ist, die einen schon bewegt, und nicht jeder ist so stabil." Und dann macht er etwas, was der Szene auf den ersten Blick die Eindringlichkeit nimmt, sie als billige Inszenierung erscheinen lässt.

Söder greift nach der Thermoskanne gießt Tee in die dekorativ vor ihm stehende Tasse. Schwarz ist sie, "Winter Is Coming" ist aufgedruckt, ein Motiv seiner Lieblingsserie "Game of Thrones". Durch die heiße Flüssigkeit verfärbt sie sich weiß, der Schriftzug wechselt in "Winter Is Here". Toller Effekt, der aber hier etwas unpassend wirkt. Oder will Söder subtil sichtbar machen, dass das Böse, das Kalte jetzt da ist? Man weiß es nicht. Aus Söders Team heißt es, er habe nicht gewusst, dass sich die Tasse verfärbt.

Tasse als Running Gag

Die Sache mit der Tasse ist so etwas wie der Running Gag bei Söders virtuellen Parteitagsreden. Im April sorgte er mit einer Stars-Wars-Tasse für Aufmerksamkeit, jetzt also die Chamäleon-Tasse. In der Parteizentrale laufen noch während des Vortrags Anfragen ein, wo man das Teil denn kaufen könne. Generalsekretär Markus Blume löst das Rätsel am Ende: Momentan gar nicht! Derzeit nicht lieferbar!

Eine Aussprache zu Söders Rede, wie auf Präsenzparteitagen üblich, findet nicht statt. Dabei sind manche seiner Entscheidungen im Corona-Management auch parteiintern nicht unumstritten. So aber kommt ein virtuelles Friede, Freude, Eierkuchen aus dem "Studio 1" der CSU-Parteizentrale bei Delegierten und Zuschauern "draußen an den Endgeräten" an, wie Blume zur Übertragungstechnik sagt. Die bekommen immerhin noch einen besonderen Gruß Söders an die Schwesterpartei CDU zu hören.

Es geht um die Kanzlerkandidatur, für die die CDU natürlich das Vorschlagsrecht habe. "Das bitte aber nicht so zu interpretieren, als ob die CSU nur abnicken müsste", schiebt Söder hinterher. Die Nominierung gehe nur gemeinsam. Und damit es auch jeder versteht, sagt Söder: "Keiner kann in Deutschland gewinnen ohne die Stimmen aus Bayern und ohne die Zustimmung der CSU - das sollte sich jeder immer vergegenwärtigen!"

An dieser Stelle wäre bei einem Präsenzparteitag wahrscheinlich tosender Beifall aufgebrandet. Aber auch fürs Virtuelle hat sich die Regie dieses Mal etwas einfallen lassen. Statt Klatschen aus der Konserve hat sie einen "Gefällt Mir"-Button eingerichtet. Je mehr Delegierte an den Endgeräten den anklicken, desto mehr hochgereckte Daumen ploppen auf den Bildschirmen auf. Einen "Dislike"-Knopf sucht man übrigens vergebens.

Die AfD und ihre Sicht auf Corona in Weiden

Weiden in der Oberpfalz
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