06.08.2020 - 16:14 Uhr
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Die Welt in 15 Sekunden: So funktioniert Instagrams Tiktok-Klon "Reels"

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Kamera an, 15 Sekunden laufen ab: jetzt. Instagram hat sein neues Feature Reels auch in Deutschland offiziell vorgestellt. Was sich dahinter verbirgt und was die Oberpfälzer Instagram-Community davon hält, wir haben uns umgehört.

"Create with Reels": Die neue Instagram-Funktion "Reels" soll Nutzern noch mehr kreative Freiheit geben.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Will Smith hat es schon entdeckt, das neue Feature von Instagram. Keck grinst er in die Kamera, arbeitet an einem Filmset, hält eine Banane vor die Linse. 15 Sekunden unterhaltsamer Nonsens. Im nächsten Clip folgt ein junger Asiate. Zuerst steht er seelenruhig in seinem Wohnzimmer, dann schlägt er einen Rückwärtssalto. Nach der sicheren Landung strahlt er und streckt uns vor Freude seine Zunge entgegen. Nächstes Kurzvideo: Kochen. Dann: Ein Bub, der einen Luftballon aufbläst bis er platzt. Zum Schluss: Eine junge Dame beim Flechten ihrer Dreadlocks. Verrückt.

Das ist Reels, der neue Stern mit Strahl-Potenzial am Social-Media-Himmel. Seit wenigen Stunden können Nutzer von Instagram, einer Facebook-Tochter, bis zu 15 Sekunden lange Videos erstellen, mit allerlei Effekten versehen, mit Musik unterlegen und in die Welt schnipsen. Schon seit Monaten ist der Dienst in einzelnen Ländern als Testversion verfügbar, nun gibt es ihn ganz offiziell in über 50 Nationen. "Ob du einen neuen Trick vorführst oder ein lustiges Video drehst, die Welt verdient es, das zu sehen", schreibt Instagram selbst über Reels. In der Regel sind die Clips für 24 Stunden verfügbar, danach verschwinden sie wieder. So entsteht eine irre Gleichzeitigkeit, Unterhaltung so weit das Auge und die Laune reichen.

Will Smith experimentiert mit Reels

Von Tiktok abgrenzen

Ganz neu ist das freilich nicht. Die App Tiktok des chinesischen Unternehmens Bytedance hat mit eben solchen Kürzest-Videos à 15 Sekunden den Markt auf links gedreht. Nun zieht Instagram nach. Mit Erfolg? "Instagram erfüllt damit, das sagen sie selbst, einen großen Wunsch seiner Nutzer, noch mehr Kreativität in die Posts zu bringen", erklärt Magdalena Raß, Social-Media-Expertin bei Oberpfalz-Medien. Instagram müsse sich aber gewaltig anstrengen, um seinen Nutzern Reels schmackhaft zu machen. "Momentan ist es üblich, dass man Tiktok-Videos einfach auf Instagram hochlädt. Viele sind das gewohnt." Das "aus den Köpfen rauszubekommen", könne schwierig werden. "Instagram muss es schaffen, Reels deutlich von Tiktok abzugrenzen und mehr Möglichkeiten anbieten", glaubt Raß.

"Endlose Möglichkeiten" sieht Carmen Nägerl schon jetzt. Die Ambergerin ist seit gut einem Jahr Mama und sieht Instagram für sich als Ausgleich zum Mutter-Dasein. 13.500 Menschen folgen ihrem Profil "tantebla", das sie vor allem mit Inhalten aus ihrem Alltag bestückt. Mal ein Rezept, ein Mode-Tipp, dann ihr Sohn im Strampler. Auf Reels hat sie richtig Lust. "Das kann echt funktionieren, ich habe schon ein bisschen was ausprobiert." In einem Clip mimt sie eine eifrige Putzfrau, die auf Glasreiniger in allen Lebenslagen schwört. "Man braucht einfach ein bisschen Selbstironie", sagt Nägerl. Wenn sich darauf noch mehr Nutzer einließen und "ein bisserl was ausprobieren", dann stehe einem Erfolg des Formats nichts im Wege.

Das allererste Reels-Video von Carmen Nägerl

Poesie und Acrylfarben

Also alles Comedy, pure Unterhaltung verpackt in wenige Sekunden? Eine junge Autorin aus Sulzbach-Rosenberg hat einen anderen Ansatz. Magdalena Groh schreibt Gedichte, viel Nachdenkliches. Ab und zu mischt sie auch Kurzgeschichten dazu. Über Instagram, unter dem Namen "fakemaggy", stellt sie ihre Werke vor. Unangepasst will sie sein, "das machen, wohinter ich wirklich stehe". Reels sieht sie als spannende Ergänzung. Auf Youtube hat sie schon Videos veröffentlicht, in denen sie ihre Gedichte in passender Atmosphäre vorliest. "Das könnte schon in ein 15-sekündiges Video passen. Ist zwar schwerer, aber ich will es ausprobieren. Vielleicht sieht man so noch eine andere künstlerische Seite." Gleichzeitig müsse man aufpassen, sich nicht in einem Überangebot an Möglichkeiten zu verlieren. "Es ist Fluch und Segen zugleich", warnt sie.

Aber 15 Sekunden, so viel Zeitaufwand kann das doch nicht sein. Oder doch? "Das hängt stark davon ab, wo du hinwillst", sagt Florian Büttner, der in Weiden ein Fitnessstudio betreibt und das Instagram-Profil "sportgesundheitscoaching" (24.000 Abonnenten) pflegt. Während der Ausgangsbeschränkungen hätten die Menschen sehr viel Zeit gehabt, deshalb habe Tiktok derart große Aufmerksamkeit genossen. "Diese Kurz-Videos sind ein Trend, ganz klar. Das kann aber bald schon wieder vorbei sein." Für ein wirklich gutes Reels-Video, das nicht nur dem bloßen Zeitvertreib diene, sondern als Product-Placement funktioniere, sei deutlich mehr an Zeit und Kosten notwendig als gedacht. "Grundsätzlich eine coole Sache" findet Büttner das Feature. Er könne sich auch vorstellen, es im Marketing für sein Studio zu verwenden. "Aber in meinem privaten Kanal – da fehlt mir schlichtweg die Zeit."

Nadine Graf aus Kemnath, deren Auftritt "naditellbe" fast 39.000 Menschen folgen, hat sich dagegen schon lange auf das Feature gefreut. "Ich kannte das natürlich von Tiktok. Da war es für mich aber uninteressant, weil ich keinen neuen Account erstellen wollte." Nochmal von null anfangen kam nicht infrage. Ideen, was sich in Reels umsetzen lässt, hat sie bereits. "Ich würde gern mit Acrylfarben malen und Tipps geben." Sobald sie das nötige Equipment habe, könne es losgehen. Dass die Nutzer weiterhin nur ihre Tiktok-Videos hochladen und Reels links liegen lassen, glaubt sie nicht. "Wenn das schon so einfach geht und in die App integriert ist, dann werden die Leute das auch nutzen."

Schon der zweite Klon

In die verhaltene bis überschwängliche Begeisterung der Oberpfälzer Instagram-Nutzer mischt sich aber eine bittere Note. Dass Instagram bereits zum zweiten Mal ein Feature einer anderen App klont und ins hauseigene Portfolio aufnimmt, löst auch Ärger aus. Schon die extrem erfolgreiche Stories-Funktion übernahm das Unternehmen von Snapchat. Nun fühlt sich Tiktok überrumpelt. Der chinesische Inhaber hat aber noch ganz andere Sorgen: US-Präsident Donald Trump will Tiktok in den USA verbieten. Während sich Hersteller Bytedeance aus dieser misslichen Lage zu befreien versucht, hat Instagram alle Zeit, sich auf dem neuen Terrain zu behaupten. Ganz gleich, ob mit Allzweckreiniger oder Rückwärtssalti.

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Oberpfalz
Hintergrund:

Die wichtigsten Fragen zu Instagram Reels

Was ist Reels? Wo erscheinen die Videos? Facebook hat seine App Instagram mit einem neuen Feature ausgestattet. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

  • Was ist Reels? Über das Instagram-Feature Reels lassen sich Videos erstellen und mit Effekten versehen. Maximale Dauer: 15 Sekunden
  • Ist Reels kostenlos? Ja. Reels ist lediglich ein Feature innerhalb von Instagram. Die App selbst kostet kein Geld, vielmehr "bezahlen" Nutzer mit ihren Daten, die sie hinterlassen.
  • Muss ich Reels herunterladen? Nein. Reels ist jetzt eine Option in Instagram. Wer die App öffnet, findet neben der Möglichkeit, etwas zu seiner Story hinzuzufügen oder ein Live-Video zu starten, nun auch den Reiter Reels.
  • Wo werden Reels veröffentlicht? Hier gibt es mehrere Möglichkeiten. Reels lassen sich zur eigenen Story hinzufügen, dann verschwindet der Clip nach 24 Stunden. Alternativ besteht aber auch die Möglichkeit, das Kurzvideo in den Feed einzureihen Dann ist es dauerhaft abrufbar, auch in Instagram Explore.
  • Wer nutzt Reels? Grundsätzlich steht die Funktion natürlich jedem zur Verfügung. Da sie aber noch sehr neu ist, gibt es noch nicht allzu viele Inhalte. Gerade Firmen werden sich erst mit dem Feature vertraut machen müssen. Bei Privatnutzern beschränkt sich Reels derzeit meist auf erstes Experimentieren.
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