18.01.2021 - 12:47 Uhr
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Wellen-Vergleich: Die Oberpfalz steht in der Corona-Pandemie besser da als im Frühjahr

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So heftig die zweite Corona-Welle auch zuschlägt, ein Vergleich zeigt, dass die Oberpfalz sich vergleichsweise gut hält. Das gilt besonders bei der Zahl der Coronatoten.

Der Kampf gegen das Virus. In der zweiten Welle scheinen die Pflegekräfte und Mediziner erfolgreicher zu sein.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Fast unbemerkt: Seit Anfang Januar ist nicht mehr die Oberpfalz der bayerische Bezirk, mit dem größten Anteil verstorbener Corona-Infizierter. Diese traurige Spitzenposition hielt der Bezirk seit März 2020 teils mit großem Vorsprung. Zum Höhepunkt Anfang Juni waren in der Oberpfalz 6,76 Prozent aller positiv auf das Virus getesteter Menschen verstorben. Bayernweit lag der Wert 1,5 Punkte niedriger.

Die Todesrate nach Bayerischen Bezirken (durchsuchbar)

Schon damals bestanden Oberpfälzer Klinikärzte darauf, dass die medizinische Versorgung nicht der Grund für die Unterschiede sein kann. Die Ärzte sollten Recht behalten: Ab Juni sank die Quote bayernweit deutlich - weil es mehr Tests gab, aber auch, weil sich im Sommer beinahe nur junge Menschen mit dem Virus infizierten. Den niedrigsten Wert erreichte die Kennzahl dann Ende November: 1,83 Prozent aller in Bayern positiv getesteter Menschen war an der Lungenkrankheit verstorben.

Die Quote in der Oberpfalz war bis dahin noch stärker gesunken: 2,65 Prozent der Infizierten waren verstorben. Seither steigt der Anteil bayernweit wieder: Bis 17. Januar auf 2,32 Prozent. In der Oberpfalz liegt der Wert bei 2,70: In Oberfranken (3,12 Prozent) und in Unterfranken (3,05) ist der Anteil inzwischen deutlich höher.

Hohe Dunkelziffer

"Die erste Welle wurde sicher dominiert von einer relativ geringen Testrate und einer regional ungleichen Verteilung der Pandemie", erklärt der Der Ärztliche Direktor des Klinikums in Weiden, Professor Christian Paetzel. Auch er hatte im Frühjahr darauf hingewiesen, dass die hohe Sterbequote nichts über die Qualität der medizinischen Versorgung in der Oberpfalz aussagt.

Damals war die Region schlicht besonders stark von der Pandemie betroffen. Wahrscheinlich stärker, als es die offiziellen Zahlen aussagen konnten. Wegen der geringeren Testkapazitäten wurde wenig getestet, viele Infektionen blieben unbemerkt. Weil aber mit Sicherheit alle Coronatoten erfasst wurden, wiesen die offiziellen Zahlen einen viel höheren Anteil Verstorbener aus. "Inzwischen haben sich die Sterblichkeitsraten im internationalen Vergleich und auch regional weitgehend angenähert und liegen zwischen 2 und 3 Prozent", sagt Paetzel. Was der Mediziner sagt, bestätigt auch das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL): Neben anderer Einflussfaktoren dürfte vor allem die Testhäufigkeit den Unterschied zwischen erster und zweiter Welle bestimmen.

Aber es gibt auch objektive Hinweise, dass die Oberpfalz besser durch die zweite Welle kommt als andere Regionen. Während der Bezirk im März und April deutschlandweit die höchste Belastung aufwies, gilt dies nun für andere Landstriche. Teilt man die Pandemie in die Zeit vor und nach dem 1. September, so liegt der Bezirk während der zweiten Welle mit einem Verstorbenen-Anteil von 1,67 deutlich unter dem bayerischen Schnitt. Einen besseren Wert weist lediglich Oberbayern (1,31 Prozent) mit seiner jüngeren Bevölkerung auf. Auch bei den Infektionszahlen liegt die Oberpfalz seit September relativ auf Platz zwei. Nur in Unterfranken hat sich ein geringerer Anteil der Gesamtbevölkerung angesteckt.

Weiden und Amberg

Doch der Blick auf Bezirksebene verschleiert die Unterschiede innerhalb der Oberpfalz. Hier gibt es dann doch eine Konstante von erster zu zweiter Welle: Wie im Frühjahr sind besonders die drei Kreise im Norden betroffen: In Weiden gab es seit 1. September pro 100 000 Einwohner 2870 Neuinfektionen - mehr als doppelt so viele wie es in Amberg sind. Und auch der Anteil der Verstorbenen ist deutlich höher: 23 Corona-Toten in Weiden stehen 4 in Amberg gegenüber. Bei der doppelten Zahl an Infizierten ist die Zahl der Verstorbenen fast sechsmal so hoch.

Eine Erklärung bietet das LGL an: Zwischen 1. September und 31. Dezember lag das mittlere Alter der Corona-Infizierten in Amberg bei 42 Jahren, in Weiden bei 47. Ein sehr großer Unterschied, der mit den vielen Infektionen in Weidner Seniorenheimen zu tun haben dürfte und die Abweichung bei den Sterbezahlen erklärt: Je älter die Infizierten, desto höher die Quote.

Hotspot Tschechien

Und auch für die höhere Infektionsquote im Osten der Oberpfalz während der zweiten Welle scheint es eine Erklärung zu geben: die Nähe zum Dauer-Hotspot Tschechien. Diese Vermutung haben zuletzt auch Ministerpräsident Söder und andere Politiker geäußert. Deshalb sind auch die Testregeln für tschechische Pendler verschärft worden.

Dazu passt: Der Kreis Tirschenreuth hat bundesweit den höchsten Anteil an Arbeitnehmern, die aus dem Ausland einpendeln. 8,7 Prozent der Beschäftigten im Kreis Tirschenreuth wohnen nicht in Deutschland. Auch Weiden und Neustadt/WN gehören zu den 20 Kreisen mit dem höchsten Anteil. Allerdings warnt Mediziner Paetzel davor, zu einfache Schlüsse zu ziehen, die Zusammenhänge seien mehrdimensional und komplex.

Das zeigt etwa das Beispiel Cham: Der Landkreis verfügt über die längste Grenze nach Tschechien, beim Beschäftigungsanteil liegt er knapp hinter Tirschenreuth. Und trotzdem: die Infektionszahlen der vergangenen Monate sind wesentlich niedriger als in Weiden, Tirschenreuth und Neustadt/WN.

Corona in Zahlen

Weiden in der Oberpfalz

Wie sich die Pandemie in der Oberpfalz entwickelt hat

Hintergrund:

Die Kennzahl: Tote/Infizierte

Das Verhältnis der an Corona verstorbenen Menschen zu den gesamten Infizierten gibt einen Eindruck von der Gefährlichkeit des Virus. Es sagt aus, wie viele Erkrankte am Erreger verstorben sind. Bei Corona ist der Wert problematisch, weil viele Infektionen ohne Symptome verlaufen und so nicht erfasst werden. Dies war besonders in der ersten Phase der Fall, als die Testkapazitäten niedrig waren, viele Infektionen also nicht erfasst wurden. Die Coronatoten sind dagegen zu 100 Prozent erfasst. Dies kann das Verhältnis höher erscheinen lassen.

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