11.07.2021 - 17:56 Uhr
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Der verlorene Sohn: Warum Diogo sterben wollte

Vergangene Woche wäre sein 18. Geburtstag gewesen, doch Diogo nahm sich mit 16 Jahren das Leben. Seine Mutter erzählt, wie es ist, wenn das eigene Kind beschließt zu gehen.

Diogos Jacke hängt noch immer an der Tür. Seine Mutter kann sie nicht wegtun.

Von Natascha Probst

Das Zimmer mit der Terrassentür direkt zum Garten war das Zimmer ihres ältesten Sohns. Jetzt ist es das Zimmer der beiden anderen Kinder von Ludmilla Zacherle. Nur seine braune Jacke ist noch drin. Die hat er an die Tür gehängt, als er zum letzten Mal zu Hause war, am 28. Dezember 2019. Drei Wochen später nahm er sich mit 16 Jahren das Leben. Die Jacke kann sie nicht wegtun.

Sie blickt vom hellen Schlafzimmer im ersten Stock durch die großen Fenster auf ihre Terrasse in der Vorstadtsiedlung. Alle Häuser weiß, alle Häuser gleich, wie kopiert und eingefügt. Hinter jedem Haus ein kleiner Garten. Viele Familien wohnen hier, Kinder schlüpfen durch die Büsche von einem Garten in den nächsten. Hip-Hop dröhnt von den Nachbarn herüber, Jugendliche lachen. Unten im Garten springen ihre Kinder auf dem Trampolin, ihre anderen beiden: Alexa, vier, und Raphael, drei.

Erst stand sie unter Schock. Heute kann sie darüber reden. Heute will sie darüber reden. Denn es gibt nichts, worüber man nicht reden sollte, sagt sie. Und versucht damit, anderen zu helfen.

Socken mit Pommes

In ihrem fast leeren Schlafzimmer bewahrt sie eine Schachtel mit seinen Sachen auf. Sie stellt die weiße Pappschachtel auf den hellen Holzboden und setzt sich im Schneidersitz daneben. Zieht Socken von ihm heraus. Weiße Socken mit aufgenähten Pommes in roten Pommeskartons, so wie man sie bei McDonald’s bekommt. Er hatte oft zwei verschiedene Socken an, sagt sie. Kleidung mit Streifen mochte er nicht.

Als er drei war, kam sie mit ihrem Sohn Diogo von Portugal nach Deutschland. Sein portugiesischer Vater wollte die Verantwortung für das Kind nicht übernehmen. Sie hat offen mit ihm darüber gesprochen, aber sie dachte nicht, dass das ein Problem für ihn war. Oder doch? Er verbrachte damals viel Zeit bei seiner Tante, sie war alleinerziehend und musste arbeiten. Sie wollte ihm ein Leben schenken, ohne Sorgen, ohne Probleme. Ein gutes Leben.

Sie beugt sich wieder über die Schachtel und holt dunkelblaue Socken mit Burgern darauf heraus. Bunte Kleidung mochte er eigentlich nicht. Aber Anzüge wollte er immer tragen, deswegen machte er das Praktikum bei der Sparkasse. Nur wegen der Anzüge.

Sie hat versucht, immer über alles mit ihm zu reden. Über Freiheit, über Verantwortung. Über das Leben. Er wollte es durchdringen, es verstehen. Diogo war ein extremer Mensch, ein tiefsinniger Mensch, sagt sie und spricht seinen Namen so sanft aus, dass die Vokale kaum mehr Platz für die Konsonanten lassen. Er wollte den Dingen auf den Grund gehen. Nachts war er wach und las. Besonders interessierten ihn Menschen. Er wollte Psychologie studieren, schrieb Gedichte, machte Sprachaufnahmen, in denen er seine Gedanken sortierte.

Sie zieht den Judogürtel aus der Schachtel, orange-grün. Judo hat er gemacht, seit er klein war. Sie wollte immer, dass er Neues ausprobiert. 2019 hat er mit dem Klavierspielen angefangen. Jetzt spielt sie an seinem Klavier, den Unterricht bei seiner Klavierlehrerin hat sie übernommen – das hilft ihr. Bei einem Lied muss sie besonders an ihn denken, denn sie glaubt, dass ihr Sohn jetzt im Himmel ist: Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wie viel Wolken gehen weithin über alle Welt?

„Ich hatte einen großen Bruder“, sagt Alexa, die mit einem Foto in der Hand ins Zimmer kommt. Sie ist darauf zu sehen, ihre Mutter und Diogo. Der hat immer viel mit ihr, seiner kleinen Halbschwester, gemacht, und sie vermisst ihn. Er sei krank gewesen, im Kopf, so erklärt es Ludmilla Zacherles Tochter. Sie will es nicht verheimlichen.

Sie kniet jetzt vor der Schachtel und greift hinein. „Immer am Chillen“ steht auf einem der Plakate, die ihm seine Klassenkameraden nach seinem Tod gemacht haben. In der Schule war Diogo der Klassenclown, aber auch stets höflich und hilfsbereit. Auch seine Freunde hatten es nicht geahnt. „Diogo ist ein selbstsicherer und kommunikationsfreudiger Schüler, der aufgrund seiner humorvollen Art von der Klassengemeinschaft geschätzt wird“, heißt es in seinem letzten Zwischenzeugnis. „Mit neuen Sichtweisen hat er den Unterricht bereichert.“

Ruf nach Hilfe

Im Sommer war noch alles gut. Er war mit der Schule in England, schickte Fotos. Und sie war glücklich. Am 9. Oktober 2019 kam er dann plötzlich zu ihr. Er brauche Hilfe, sonst stürze er sich am nächsten Tag die Schultreppe hinunter. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, wollte ihn nicht mehr allein lassen. Sie suchte im Internet nach Hilfe. Dort stieß sie auf eine Notfall-Hotline. Belegt.

Sie rief beim Bezirkskrankenhaus an, wo Diogo wegen seiner Suizidgedanken sofort aufgenommen wurde. Er kam auf die geschlossene Station. Ab diesem Tag war er nur noch einmal zu Hause, am 28. Dezember zu einer Geburtstagsfeier. Ansonsten blieb er dort, bis die Ärzte ihn mit Antidepressiva und der Diagnose „mittelschwere Depression“ am 9. Januar entließen, da keine Gefahr mehr bestünde.

Sie beugt sich über die Schachtel, holt sein Smartphone und seinen Geldbeutel heraus. Beides hat sie von der Polizei wiederbekommen. Im Geldbeutel steckt eine blaue Karte mit der Aufschrift „oyster“: sein Metro-Ticket aus London. Das Smartphone ist kaputt.

Man muss für sich Frieden finden, sagt sie. Akzeptieren, dass man nie Antworten bekommen wird. Verstehen, dass die Fragen nichts bringen. Vorwürfe macht sie ihm nicht. „Er war jung und naiv. In ihm war alles grau und durcheinander.“ Nur manchmal ist sie wütend auf ihn, aber nicht, weil er es getan hat, sondern, weil er sich nicht hat helfen lassen. Weil er nicht gemerkt hat, wie sehr ihn alle schätzen, seine Familie, seine Freunde, seine Klasse.

Wie war der letzte Moment?

Oft denkt sie an seine letzten Minuten. Stellt sich seine Gesichtszüge vor, stellt sich vor, wie er drauf war, in diesem Moment. Erst war das nicht relevant, aber im Nachhinein wird es das, sagt sie. Die Fantasie ist das Schlimmste. Immer wenn sie einen Sonnenaufgang sieht, denkt sie an ihn: dass er ihn nicht sehen kann. „Du hast ja noch zwei Kinder“, hat einmal jemand zu ihr gesagt.

Man muss sein Leben umkrempeln. Verstehen, dass einem kein anderer helfen kann, man selbst muss diesen Schritt zur Akzeptanz gehen. Sie ist ihn gegangen. Seit ein paar Monaten leitet sie eine Selbsthilfegruppe in Landshut. Und sie wird endlich das machen, was sie immer schon tun wollte: Innenarchitektur studieren. Denn das Leben ist zu kurz, um nicht das zu tun, was man eigentlich möchte. Gelernt hat sie das auch durch ihren Sohn.

„Besonders diese weißen Mäuse.“ Letztens hat ihm jemand eine Packung aufs Grab gelegt – darüber hat sie sich gefreut. Manchmal hat sie ein schlechtes Gewissen, wenn ihr plötzlich einfällt, dass sie heute noch nicht an ihn gedacht hat. An anderen Tagen ist die Erinnerung wie ein Ohrwurm. Er hatte braune Locken. Eine Locke hat sie noch.

Sein letztes Gedicht hat sie auch noch. Das bedeutet ihr am meisten. Sie hebt es im Arbeitszimmer auf, nicht in der weißen Pappschachtel. Am Wortende steht ab und an ein „t“, wo eigentlich ein „d“ stehen müsste, „wirt“ statt „wird“. Sie schüttelt den Kopf. „Wie oft ich Rechtschreibübungen mit ihm gemacht habe, schon in der Grundschule“, sagt sie. Diogos Klavier steht rechts neben der Fensterfront zum Garten. Schwarz ist es, ebenso wie der mit ein paar weißen Farbflecken bespritzte Hocker, auf dem sie sitzt. Ihre Hände gleiten langsam über die Tasten. Manchmal stockt sie kurz, muss sich neu orientieren. Sie spielt das Lied nicht mehr so oft, spielt jetzt öfter Jazzblues. Die Töne fliegen durchs offene Fenster hinaus in den Garten, wo Raphael und Alexa spielen.

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Info:

Hier gibt es Hilfe

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen oder Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist unter http://www.telefonseelsorge.de möglich.

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