14.08.2020 - 08:35 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Die Nennung der Herkunft ist die Ausnahme und nicht die Regel

Nach einer versuchten Vergewaltigung fahndet die Polizei nach dem Täter. Darüber berichtet auch onetz.de. Einige Leser kritisieren, es werde nicht erwähnt, "dass es sich hierbei um einen Schwarzafrikaner handelt".

Nach der versuchten Vergewaltigung einer Joggerin in Neumarkt hat die Polizei inzwischen einen Tatverdächtigen festnehmen können.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Zunächst ein Blick zurück. Es war der 27. Juli, als eine 18-Jährige kurz vor Mitternacht in Neumarkt durch die Grünanlage Ludwigshain ging. Dort sei ein Unbekannter auf sie zugekommen und habe sie auf Englisch angesprochen, erzählte die Frau später der Polizei. Als sie weitergehen wollte, habe sie der Mann "unter Vorhalt eines Messers festgehalten und vergewaltigt", heißt es dazu im Bericht des Polizeipräsidiums Oberpfalz. Der Täter habe sein Opfer gehen lassen, ihm aber dessen Handy geraubt. Die 18-Jährige suchte schließlich ein Lokal auf und verständigte über eine Bekannte die Polizei.

"Sehr dunkle/schwarze Haut"

Die Kriminalpolizeiinspektion Regensburg wandte sich an die Öffentlichkeit, bat um Zeugenhinweise und teilte in ihrer auch von onetz.de veröffentlichten Täterbeschreibung unter anderem mit: Gesucht werde ein Mann, circa 1,70 Meter groß, 20 bis 25 Jahre alt, schlanke Figur. Dieser, so die Kripo, "sprach Englisch und gebrochenes Deutsch", er habe "sehr dunkle/schwarze Haut".

Während die Fahndung nach dem Unbekannten lief, passierte wieder etwas: Eine junge Frau joggte am 5. August gegen 18.30 Uhr in Neumarkt am Kanal nahe der Goldschmidtstraße. "Ein Mann näherte sich ihr mit einem Messer und griff sie an", wurde Polizeisprecher Florian Beck in der anschließenden Onetz-Berichterstattung zitiert. Die Frau habe sich gewehrt und sei verletzt worden. "Zu einer Vergewaltigung kam es nach jetzigem Stand nicht", so lautete die weitere Information. Die Frau flüchtete sich zu Passanten, sie verständigten Rettungskräfte, die die Joggerin versorgten.

Der Tatverdächtige wurde von der Polizei und im Onetz unter anderem wie folgt beschrieben: "etwa 170 cm groß, schlanke/hagere Statur, ungefähr 20 Jahre alt, sprach Englisch, breite Nase, breiter Mund, sehr dunkle/schwarze Haut, mit einem Messer bewaffnet".

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"Kein Verständnis" bei Lesern

Auf die Onetz-Berichterstattung zu dieser versuchten Vergewaltigung reagierten Leser aus Neumarkt, sie schrieben an "Herausgeber und Redakteure" und betonten dabei, man wende sich im Namen von Nachbarn und Bekannten an uns. Denn "da wir eines der Opfer gut kennen und auch mit ihm in Kontakt stehen, möchten wir, vor allem im Namen aller Frauen, sagen, dass wir überhaupt kein Verständnis dafür haben, dass in der Beschreibung des Mannes nicht erwähnt wird, dass es sich hierbei um einen Schwarzafrikaner handelt." Weiter formulierten die Leser in ihrer Mail. "Wir sind wütend, enttäuscht und traurig. Freilich ist uns klar, dass aufgrund der Vorfälle in den USA nicht vorschnell geurteilt werden darf, aber wieso wird die genaue Personenbeschreibung, die Tatsachen entspricht, nicht veröffentlicht, um zukünftige Opfer besser zu schützen und wachsam sein zu lassen?"

Redakteur Alexander Unger erläutert, warum sich das Onetz-Team richtig und korrekt verhalten hat: "Wir haben beim Artikel zur Fahndung die Beschreibung laut Polizei angegeben. Sprach englisch, breite Nase, breiter Mund, sehr dunkle/schwarze Haut. Eine Herkunft/Nationalität ist weder von der Polizei bestätigt noch aus meiner Sicht nötig, um eine Person bei einer Fahndung zu identifizieren."

Das wären Mutmaßungen

Beim vorangegangenen Fall, so Unger weiter, "haben wir auch die Beschreibung ,sprach Englisch und gebrochenes Deutsch, sehr dunkle/schwarze Haut' veröffentlicht. Alles andere wären Mutmaßungen, und diese tragen eher zur Diskriminierung als zum Fahndungserfolg bei."

  • Das sagt der Leseranwalt

Ist der Onetz-Redaktion im Zuge der Berichterstattung über die Straftaten in Neumarkt ein Vorwurf zu machen? Hat sie irgendetwas unterschlagen? Ein klares Nein. Die Kollegen haben sich an den Pressekodex gehalten, der die Richtlinien für die journalistische Arbeit festlegt. Die meisten deutschen Verlage, darunter auch Oberpfalz-Medien (Der neue Tag, Amberger/Sulzbach-Rosenberger Zeitung, Onetz) bekennen sich dazu, den Pressekodex zu achten.

In der Richtlinie 12.1 (Berichterstattung über Straftaten, gültig seit 22. März 2017) ist festgehalten: "In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte."

Für ein begründetes öffentliches Interesse an der Nennung der Zugehörigkeit von Tätern oder Tatverdächtigen zu einer Gruppe oder Minderheit kann sprechen, wenn zum Beispiel eine besonders schwere Straftat stattgefunden hat.

Als noch am Abend des 5. August nach dem Angriff auf die Joggerin ein 29-Jähriger mit nigerianischer Staatsangehörigkeit und Wohnsitz in Neumarkt festgenommen und gegen ihn tags darauf Haftbefehl erlassen wurde, meldete dies die Polizei auch so und stand das so im Onetz zu lesen. Die Angabe der Nationalität des Verdächtigen ist aufgrund der Schwere des Tatvorwurfs durch ein begründetes öffentliches Interesse nach Richtlinie 12.1 des Pressekodex gedeckt. Ob der 29-Jährige auch für die Tat am 27. Juli verantwortlich ist, stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest.

Berichterstattung über Straftaten:

Das empfiehlt der Presserat

Wann darf die Zugehörigkeit (Nationalität, Religion, Ethnie) von Straftätern oder Verdächtigen genannt werden und wann nicht? In der Richtlinie 12.1 und Leitsätzen dazu gibt der Presserat Empfehlungen für die Redaktionspraxis.

  • Es besteht kein Verbot, die Herkunft zu nennen

Ziffer 12 und Richtlinie 12.1 verbieten nicht, die Zugehörigkeit von Straftätern und Verdächtigen zu Minderheiten zu erwähnen. Sie verpflichten die Redaktionen aber, in jedem einzelnen Fall verantwortungsbewusst zu entscheiden, ob für die Nennung einer Gruppenzugehörigkeit ein begründetes öffentliches Interesse vorliegt oder die Gefahr der diskriminierenden Verallgemeinerung überwiegt.

  • Gründe gegen die Herkunftsnennung

– Reine Neugier, weil sie kein geeigneter Maßstab für presseethisch verantwortliche Abwägungen ist.

– Die Nennung der Zugehörigkeit durch andere Quellen, zum Beispiel durch Behörden oder Polizei, entbindet nicht von der redaktionellen presseethischen Verantwortung.

– Reine Vermutungen über den Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit eines Täters und der Tat.

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