19.03.2021 - 11:54 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Mutter, die ihren Sohn verlor, fordert: "Bilder von Unfällen mit Todesfolge sollten tabu sein"

Als eine Leserin in unserer Zeitung ein aus dem Archiv entnommenes Unfallbild erblickt, trifft sie das wie ein Keulenschlag. Die Veröffentlichung des Fotos reißt alte Wunden wieder auf.

Die Leserin sagte, für sie wäre es in Ordnung gewesen, wenn wir an dieser Stelle das Archivbild, dessen Veröffentlichung die Frau so schwer getroffen hatte, noch einmal gezeigt hätten. Wir haben es jedoch für besser gehalten, auf das Foto zu verzichten und stattdessen ein Symbolbild zu nehmen, auf dem ein Polizist nach einem Unfall Spuren markiert. Die Aufnahme stammt nicht aus unserem Verbreitungsgebiet.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Es geht um ein Archivbild auf Seite 6 (Bayern/Oberpfalz) der Ausgabe vom 24. Februar, das zum Artikel "Historischer Tiefstand bei den Verkehrstoten in der Oberpfalz" gehörte. Das Polizeipräsidium hatte bei einer Pressekonferenz auf das Jahr 2020 zurückgeblickt und Bilanz gezogen. Die Kollegin in Regensburg lieferte den Text, die Redaktion übernahm die Bebilderung und entschied sich für ein Foto, das im März vor drei Jahren nach einem Unfall entstanden war, der sich im Landkreis Amberg-Sulzbach auf einer Kreisstraße zwischen Sulzbach-Rosenberg und Neukirchen ereignet hatte.

"Schockierendes Unfallbild"

Die Archivaufnahme zeigte unter anderem einen zerstörten Kleinwagen, Trümmerteile, Krankenwagen, Rettungskräfte. Für Kristin Geilersdörfer-Eismann aus Mittelreinbach war der Blick in ihre Tageszeitung an diesem Tag ein schlimmer Moment. Sie wurde aus heiterem Himmel, völlig unvorbereitet mit einem für sie "schockierenden Unfallbild" konfrontiert, das sich in ihr Gedächtnis eingebrannt habe, "welches mich als Angehörige unmittelbar betrifft", wie sie mir in einem Brief schrieb.

Für Kristin Geilersdörfer-Eismann war in diesem Augenblick klar, wie es zu dieser Veröffentlichung gekommen war: "Wer auch immer dieses Archivbild zum Thema Verkehrsstatistik ausgesucht hatte, der hatte wie gewöhnlich seinen Job erledigt." Er habe halt einfach dieses Bild genommen, wohl ohne dabei zu ahnen oder zu bedenken, welche Wirkung diese Aufnahme entfalten kann.

Der Sohn starb

Ich zitiere deshalb wörtlich aus der Mail der Leserin, in der sie einen Einblick in ihre Gefühlswelt gibt: "Auf diesem Foto kann jeder Betrachter den Hauch des Todes spüren, allein schon, weil das Umfeld aussieht wie nach einem Attentat. Für mich als Mutter tat sich der Vorhang wieder auf, und der Film des Schreckens lief ab. Dieser tragische Unfall ereignete sich am 17. März 2018 kurz nach 19 Uhr, nicht durch Raserei, sondern durch Missachtung der Vorfahrt. Drei junge Menschen, darunter zwei Brüder, 18 und 19 Jahre alt, waren daran beteiligt. Während die Fotografin den Auslöser ihrer Kamera drückte, kämpften Notärzte im linken Rettungswagen um das Leben meines Sohnes. Im rechten wurde sein älterer Bruder verarztet. Die Horror-Nachricht in dieser Nacht - ,Es tut uns leid, ihr Sohn ist verstorben' - sitzt noch immer tief."

Kristin Geilersdörfer-Eismann sprach mit dem verantwortlichen Redakteur, zwölf Minuten habe dieses Telefonat gedauert, erinnert sie sich. Auch wenn er sich persönlich mehrmals entschuldigt habe, könne das ihren Schmerz nicht lindern.

Für die Zukunft wünscht sich die Mutter, die ihren Sohn verloren hat, von unserer Zeitung: "Zum Schutz Betroffener und Angehöriger sollten Bilder von Unfällen mit Todesfolge tabu sein." Die Verantwortlichen in der Redaktion bittet sie, sich bei der Auswahl des Bildmaterials zu Verkehrsunfällen viel mehr Gedanken zu machen, sich immer zu überlegen, welche Folgen eine Veröffentlichung für andere haben könnte, daran zu denken, dass hinter solchen Fotos oft sehr tragische Ereignisse stehen. "Mehr Mitgefühl, Respekt und Rücksicht sind oberste Priorität", betont Kristin Geilersdörfer-Eismann. Jede bildliche Momentaufnahme erzähle ihre Geschichte. Und "Betroffene und Angehörige tragen mit Sicherheit lebenslange Erinnerungen, verbunden mit Trauer und Schmerz".

Das sagt der Leseranwalt

Ich kann die Reaktion der Leserin auf die erneute Veröffentlichung des Unfallbildes absolut nachvollziehen und verstehe ihre Bestürzung nur zu gut, in einem Telefongespräch habe ich ihr das auch so gesagt. Ebenso habe ich ihr gegenüber unterstrichen, dass es aus meiner Sicht besser gewesen wäre, bei der Frage der Bebilderung auf das DPA-Archiv zurückzugreifen und sich für ein Symbolbild zu entscheiden, auf dem nicht zu erkennen ist, um welchen Unfall es sich handelt und wo er geschehen ist.

Das sagt unser Chefredakteur Kai Gohlke

Die Berichterstattung über Verkehrsunfälle und andere Unglücke hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. Bis in die 90er Jahre hinein war es in Lokalzeitungen noch üblich, bei Todesopfern die Namen und zum Teil auch Porträtbilder zu veröffentlichen. Inzwischen legt die Redaktion von Oberpfalz-Medien großen Wert darauf, dass die Unfallbeteiligten durch die Berichterstattung nicht identifizierbar sind. Gerade als Lokaljournalisten müssen wir nicht nur das Interesse unserer Leserinnen und Leser im Blick haben, sondern uns immer auch bewusst machen, wie unsere Berichterstattung auf die Unfallbeteiligten oder deren Angehörige wirkt.

So spielte mit dem Aufkommen der Berichterstattung im Internet auch der Zeitfaktor eine immer wichtigere Rolle. Auf keinen Fall sollen zum Beispiel Angehörige von Unfallopfern aus dem Internet vom Tod oder der Verletzung eines geliebten Menschen erfahren, bevor die dafür extra geschulten Polizistinnen und Polizisten Gelegenheit haben, diese Nachricht in einem persönlichen Gespräch zu überbringen.

Deshalb warten wir in der Regel ab, bis wir davon ausgehen können, dass diese Benachrichtigung erfolgt ist, bevor wir Details eines Unfalls veröffentlichen. Bis dahin berichten wir dann beispielsweise zwar darüber, dass eine Straße wegen eines Unfalls gesperrt ist, aber eben nicht über die Umstände des Unfalls selbst.

Besonders bei Verkehrsunfällen besteht ein berechtigtes öffentliches Interesse an der Schilderung des Unfallhergangs und der Folgen für andere Verkehrsteilnehmer, vor allem Straßensperrungen und Staus, sowie der durch den Unfall ausgelösten Einsätze von Notdiensten und Feuerwehren. Dieses erstreckt sich jedoch ausdrücklich nicht auf die persönlichen Folgen für die Betroffenen, insbesondere die Art der erlittenen Verletzungen. Diese sind Privatsache und gehen die Öffentlichkeit nichts an. Ausnahmen davon kann es geben, wenn die Art der Verletzung direkt mit wichtigen Aspekten der Unfall-Umstände zusammenhängt - zum Beispiel, wenn ein Motorradfahrer schwere Kopfverletzungen erleidet, weil er keinen Helm getragen hat.

Der Wandel in der Berichterstattung erstreckt sich auch auf die Bilder. Während es früher vor allem darum ging, die Folgen des Unfalls in allen Einzelheiten zu dokumentieren, sind wir heute viel zurückhaltender. Da ist zum einen der bereits erwähnte Aspekt der Identifizierbarkeit: Wir schwärzen oder verpixeln nicht nur Nummernschilder, sondern in manchen Fällen auch Aufschriften oder sonstige auffällige Details, die Rückschlüsse auf die Identität der Unfallbeteiligten zulassen würden.

Darüber hinaus kommt der Presse gerade in Zeiten der Verbreitung von Bildern über soziale Medien wie Facebook eine besondere Verantwortung zu. Es kann nicht sein, dass Feuerwehren inzwischen eigens Sichtschutzwände anschaffen, um Gaffer daran zu hindern, das Geschehen zu fotografieren - und wir dann unsere privilegierte Stellung als Pressevertreter dazu nutzen, diesen Schutz zu umgehen, um wiederum nur einen reinen Voyeurismus zu befriedigen.

Deshalb gilt bei Oberpfalz-Medien der Grundsatz, dass wir keine Fotos veröffentlichen, die explizit das persönliche Leid der Betroffenen zeigen. So bilden wir insbesondere keine abgedeckten Toten oder Blutlachen ab, aber auch keine rein emotionsgeladenen Details wie etwa aus einem Fahrzeug geschleuderte persönliche Gegenstände. Dagegen dokumentieren wir sehr wohl den Einsatz der Rettungskräfte - aber nie in Momenten, wo sie Patienten versorgen oder um deren Leben kämpfen.

In der Regel verzichten wir gerade bei tödlichen Unfällen auch auf reine Abbildungen der zerstörten Fahrzeuge - zumal für Laien ohnehin kaum zu unterscheiden ist, inwieweit die Schäden auf den Unfall selbst zurückgehen oder erst dadurch entstanden sind, dass die Rettungskräfte eingeklemmte Personen befreien mussten.

Aber nicht nur deshalb haben klassische Unfallbilder, wie sie oft noch auf einschlägigen Internet-Portalen zu finden sind, in der Regel einen geringen Nachrichtenwert. Es ist meistens auch kaum möglich, das tatsächliche Unfallgeschehen im Bild zu dokumentieren, vor allem in der Nacht. Wir konzentrieren uns deshalb auch bei den Bildern in der Regel auf die Folgen für die Allgemeinheit: Straßensperrungen, Staus und die Leistungen der Rettungskräfte. Oder wir verzichten gleich darauf, einen Fotografen zur Unfallstelle zu schicken, wenn absehbar ist, dass die Fotos ohnehin keinen journalistischen Wert hätten. Dann arbeiten wir lieber mit Symbolbildern.

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Amberg
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